Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

 
badMoon
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Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 15:15 Uhr  ·  #1
"Dieses Forum habe ich gefunden, nachdem ich in den endlosen Weiten des Internet nach einer CD von Talk Talk gesucht habe. Gefunden habe ich sie hier natürlich auch. "

Das waren ein Teil der Worte, mit denen ich mich am 16.06.2008 hier im Forum vorstellte. Seitdem und noch immer begleitet mich die Musik der TALK TALK - mal mehr, mal weniger, und seit dem Tod von Mark Hollis immer mit einer gewissen Melancholie.

„Bevor du zwei Noten spielst, lerne erst einmal eine Note zu spielen – und spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast.“

So seine Worte, hier im Podcast anlässlich eines Interviews nachzuhören. Nichts scheint treffender auf das Album "Spirit Of Eden" zuzutreffen als eben diese Worte. So minimalistisch dieses Werk auch ist, so intensiv, emotional und ergreifend ist es eben auch.



Nach drei anspruchsvollen Popalben - wobei ich finde, das dritte Album läutet bereits die Abkehr vom gefälligen Pop ein - erschien 1988 das Werk, welches zunächst wohl nicht nur deren Plattenfirma, sondern auch eine große Fanschar verschreckte. Ein Album, mit dem Hollis sich offensichtlich nicht nur selber musikalisch verwirklichen wollte, sondern der Musikindustrie und deren Forderungen an ihn auch ins Gesicht zu schreien schien "...ihr könnt mich mal".

TALK TALK - Spirit Of Eden | GB 1988 | Art-Rock, Art-Pop

Unser ganz frühes und mittlerweile leider verstorbenes Mitglied wolf schrieb einmal zu einer Rezension von hmc zu dem Album "The Colour Of Spring":

"ich kenne das Album bis heute nicht ! Die Singles "It's My Life" und "Such a Shame" haben mir wohl gereicht !! die 80er waren eh nie mein Ding ! Außer einer Handvoll Alben und div Maxis sind sie an mir vorbeigerauscht !"

Auf dieses Statement hin antwortete ich:

"...kann ich grundsätzlich verstehen. Wenn für jemanden Talk Talk = It`s My Life oder "Such A Shame" ist, könnte man das Kapitel abheften. Allerdings, ...für meinen Freund galt dieselbe Gleichung. Und von den Alben The Spitit Of Eden sowie dem hier vorgestellten war er absolut begeistert, hin - und - weg, sozusagen.

Trau Dich, wolf. Die Alben haben mit der Gleichung nichts mehr zu tun. Ich weiß nicht, ob Du begeistert sein wirst. Aber dass sie Dir gefallen, kann ich mir sehr gut vorstellen.
"

Nun weiß ich nicht, ob wolf sich seinerzeit doch noch an die späteren Werke der TALK TALK heranwagte. Ich wage jedoch zu behaupten - wie wolf auch, haben wohl viele Musikhörer diese Band auf deren frühen beiden Popalben reduziert und somit dieses grandiose Album verpasst.

Weit entfernt und keine Parallelen zu den ersten Alben schlagend beginnt das Werk mit The Rainbow. Ein einsamer, verloren scheinender Trompetenton ist zu hören, begleitet von leise schwebenden Keyboardtönen. Über annähernd drei Minuten breitet sich eine wohlige Ruhe aus, bevor sich in das Stück verzerrte Gitarrentöne, Drums und die zerbrechliche Stimme Hollis hineindrängeln. Ein Song, wechselnd von Melodie zu Missklang, möglicherweise ein Schock für altgediente TALK TALK-Hörer, die diese Band damit ad acta gelegt haben. Gleichsam der Song, der den Ton für die folgenden Stücke des Albums vorgibt.

TALK TALK hätten auf der Erfolgswelle ihrer drei ersten Alben weiterreiten können - waren sie doch anfangs eine Synthie-Band, und befand man sich im Jahr 1988 doch immer noch im Jahr des Synthie-Pop. Aber, man - Hollis - entschied sich zu einer radikalen Abkehr von erfolgsversprechenden Hits.

"Spirit of Eden" ist kein Popalbum mehr im klassischen Sinne. Statt eingängiger Refrains und klarer Songstrukturen entfaltet sich hier eine Musik, die eher atmet, tastet und sich langsam offenbart. Keine Sammlung einzelner, aneinandergereihte Songs, sondern ein zusammenhängender Klangraum, eine Musik wie ein Gemälde, eine Musik wie ein Soundtrack zu einem Film, den es gar nicht gibt..

Die Stücke wirken wie organische Gebilde: leise Anfänge, fragile Motive, lange Pausen und dann plötzlich eruptive Ausbrüche. Jazz, Ambient, Blues, klassische Elemente und experimenteller Rock verschmelzen zu etwas Eigenständigem. Besonders auffällig ist der bewusste Umgang mit Stille – sie ist kein Lückenfüller, sondern ein zentrales Ausdrucksmittel. Jeder Ton scheint mit Bedacht gesetzt, jede Instrumentierung dient der Atmosphäre statt der Effekthascherei.

Ähnlich wie The Rainbow startet auch Eden mit diesen leisen, geheimnisvollen Trompetenklängen, entfaltet sich nach anfänglicher Ruhe ebenso ähnlich und wartet mit Wärme und Missklang, verzerrten, fast industriellen Geräuschen auf, um am Ende nahtlos mit Desire zu verschmelzen.

Mark Hollis’ Gesang steht dabei nie im Vordergrund, sondern fügt sich als weiteres Instrument ins Gesamtbild ein. Seine Stimme wirkt zurückgenommen, fast scheu, und gewinnt gerade dadurch an Intensität. Seine Texte bleiben oft vage, sind manchmal unverständlich, fragmentarisch, was die meditative Grundstimmung des Albums noch verstärkt.

Zu den für mich schönsten Songs auf diesem Album gehört zweifelsfrei I Believe In You, zu dem leider nur ein kleiner Ausschnitt als Videoclip veröffentlich wurde - der fast schönste Teil dieses Stückes fiel dem Cutter zum Opfer. Hier sollte wohl wieder der Mainstream bedient werden. Der mitreißende Beat und das gefühlvolle Klavier, Hollis' mitreißender, melancholischer und tieftraurige Gesang ziehen mich sofort in ihren Bann, der Tonartwechsel im Refrain lässt die Sinne pulsieren. Oft habe ich mich hier gefragt - schwebt hier ein Frauenchor über dem Stück, handelt es sich um künstlichen "Gesang" eines Mellotrons oder Synthesizer? Oder war es "Der Chor der Kathedrale von Chelmsford", der ebenfalls als Mitwirkender bei diesem Album aufgeführt wird? Ich weiß es bis heute nicht.

Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=AD8M_HVauls

"Spirit of Eden" klingt analog, warm, detailreich und gleichzeitig roh, lebendig - nicht wohlgefällig poliert. Freunde der Langrille dürfen sich freuen - im Februar diesen Jahres soll das Album als "Half Speed Master (180g)" wiederveröffentlicht werden.

"Spirit of Eden" ist ein mutiges, kompromissloses Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Es wirkt bis heute nach und markiert einen radikalen Bruch mit den Erwartungen, die an TALK TALK gestellt wurden. Wer auf der Pirsch nach eingängigen Melodien ist, wird hier kaum fündig. Wer sich jedoch auf ein tiefgehendes, emotionales Hörerlebnis einlässt, wird reich belohnt. "Spirit of Eden" gilt wohl nicht nur für mich zu Recht als Meilenstein und als eines der einflussreichsten Alben jenseits des Mainstreams. "Spirit of Eden" ist ein Werk, das nicht gefallen will, sondern berührt. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld; es verweigert sich dem beiläufigen Hören und entfaltet seine Wirkung erst über Zeit und Wiederholung.

In diesem Sinne - drückt nach dem ersten Hörduchgang die Repeat-Taste und taucht wieder und wieder ein in dieses Meisterwerk. Man kann sich ihm nicht entziehen.

[Die Songs]

1 - The rainbow
2 - Eden
3 - Desire
4 - Inheritance
5 - I believe in you
6 - Wealth

[Die Band]

TALK TALK:
- Mark Hollis – Gesang, Gitarre, Piano, Orgel
- Lee Harris – Schlagzeug
- Paul Webb – Bass

Und außerdem:
- Tim Friese-Greene – Orgel, Piano, Harmonium
- Martin Ditcham – Perkussion
- Mark Feltham – Mundharmonika
- Robbie McIntosh – Dobro, 12-saitige Gitarre
- Henry Lowther – Trompete
- Andrew Marriner – Klarinette
- Nigel Kennedy – Violine
- Danny Thompson – Kontrabass
- Simon Edwards – Kontrabass
- Hugh Davies – Shozyg
- Andrew Stowell – Fagott
- Michael Jeans – Oboe
- Christopher Hooker – Englischhorn
- Chor der Kathedrale von Chelmsford

[Im Web]

Musikzirkus - Talk Talk – The Colour Of Spring

Spiegel Kultur: Rätselhaftes aus Eden

Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=0QgbUBn0gGs
frimp
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 15:48 Uhr  ·  #2
Ja, ein interessantes Album, da hat Talk Talk mal den Fans so richtig einen vor den Latz geknallt. Ich fand die Popphase (huch, das Wort kann man auch falsch lesen :lol:) nicht so dolle, lag an der Menge an vergleichbarer Musik, die damals im Radio dudelte und auch schnell wieder vergessen wurde. Also von mir.
Dieses Album ist völlig anders und doch erkennt man Mark Hollis ihm seine Stimme. Kann man mal wieder hören.
Floyd Pink
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 17:24 Uhr  ·  #3
Das einzige Album, das ich mir von Talk Talk gekauft habe. Die Popsongs hat man ja oft genug im radio gehört und "Spirit Of Eden" ist nicht nur stilistisch, sondern auch qualitativ outstanding im Schaffen von Mark Hollis und Co.

Wie immer sehr schöne Rezension, ich hoffe sie findet mehr Beachtung als mein "Tipp des Monats".
Trurl
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 17:50 Uhr  ·  #4
Schöne Rezi, meinen Senf hatte ich ja schon an anderer Stelle dazugegeben, für mich unter meiner Top10 der 80er Jahre.

Trurl
Proggy
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 20:31 Uhr  ·  #5
Mensch Wolle,
von dir mal schnell eine Rezension lesen um dann in der Küche seinen Hamburger aufzuessen, geht nicht!
Zunächst habe ich mir den PODCAST angehört. Ich liebe solche Beschreibungen einer Band und ihren Werken. Dieser ist besonders schön gemacht. Ein bisschen Melancholie kommt hoch, denn ich musste gleich an ALAN BANGS "Nightflight" denken.
Jetzt spiele ich natürlich mit dem Gedanken mir das teils als avantgardistisch geltende "Laughing Stock" zu besorgen. Die Namen DEBUSSY und A.PÄRT klingen für mich sehr verlockend. ( IBAN per PN an dich).
Ja,was soll ich sagen? Dieses Album (Spirit) steht natürlich hier gemeinsam mit einer Greatest Hits aus dem Jahre 1990, NATURAL HISTORY.
Wenn ich nicht so involvierten Musikanhängern " Spirit" vorspiele, schaue ich meist in verdutzte Gesichter,denn Hollis hat es geschafft, um mit den Disco-Dingern auf den gemeinen Hörers Dance-Floor-Schoe zu treten.
So bleib ich allein und machen wir uns nichts vor. Bei einem guten Glas Lambrusco möchte ich das Teil sowieso allein genießen!

Also, vielen Dank für die Mühe und man kann förmlich deine Verbundenheit zu dieser Scheibe spüren.

Ich muss die REPEAT-Taste nicht drücken. Die Zeiten sind durch.
Mr. Upduff
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 06.02.2026 - 20:47 Uhr  ·  #6
... Talk Talk waren damals eine wirklich outstandig Band mit einzigartiger Musik... 1. und 5. sind für mich die Highlights auf dem Album...

....deren "The Colour of Spring" gefällt mir allerdings einen Tacken besser...

... eine schöne Rezi hast du da wieder verfasst... da ich morgen einen langen Strohwitwertag habe werde ich die Platte mal wiede lang durchlaufen lassen...
hmc
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 13.02.2026 - 20:06 Uhr  ·  #7
Irgendwie habe ich nie so recht Zugriff gefunden, werde es noch einmal am Donnerstag testen.
Mein Favorit ist immer noch Color of Spring.

Tolle Arbeit Wolfgang.
badMoon
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 13.02.2026 - 20:18 Uhr  ·  #8
Zitat geschrieben von hmc

Irgendwie habe ich nie so recht Zugriff gefunden, werde es noch einmal am Donnerstag testen.
Mein Favorit ist immer noch Color of Spring.

Tolle Arbeit Wolfgang.


Starte mit dem Song "I Believe In You", und Du wirst das Album lieben. Voraussetzung: lass Dich während des Hörens auf keinen Fall stören!
Stattmeister
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 18.02.2026 - 09:34 Uhr  ·  #9
Witzig, bevor du den Reminder hier eingestellt hast hörte ich das Album. Stöberte etwas durch meinen jetzt wieder aktuell befüllten Musikplayer Olive und landete bei T. Da ich gerade dieses als sperrig verschriene Album schon länger nicht mehr hörte, drückte ich direkt auf Play. Ja, ich war völlig ungestört, schloß die Augen und nippte ab und an am Roten aus Venezien. Himmlisch. Ein Album wie kein Zweites. Entweder man lässt sich vereinnahmen oder findet nie einen Zugang. Zum Glück ist mir das erste geglückt.
freaksound
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Re: Februar 2026 - TALK TALK - Spirit Of Eden

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Gepostet: 19.02.2026 - 07:41 Uhr  ·  #10
für mich schwierig, seeeehr schwierig.
Nach dem die Scheibe vor Jahren hier schon mal Thema war, hat sie mein Jäger und Sammler-Gen auch in mein Regal gespült.

Da ist sie dann schnell in vergessenheit geraten.

Also nochmal rausgeholt und wieder reingehört.

Rainbow und Desire wissen durchaus zu gefallen, aber der Rest berührt mich einfach nicht mehr.
Gerade bei Songs wie Inheritance iúnd Wealth kommen wir einfach nicht zusammen.
Für mein Naturell viel zu zurückhaltend und schwermütig.
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