"Dieses Forum habe ich gefunden, nachdem ich in den endlosen Weiten des Internet nach einer CD von Talk Talk gesucht habe. Gefunden habe ich sie hier natürlich auch. "
Das waren ein Teil der Worte, mit denen ich mich am 16.06.2008 hier im Forum vorstellte. Seitdem und noch immer begleitet mich die Musik der TALK TALK - mal mehr, mal weniger, und seit dem Tod von Mark Hollis immer mit einer gewissen Melancholie.
„Bevor du zwei Noten spielst, lerne erst einmal eine Note zu spielen – und spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast.“
So seine Worte, hier im Podcast anlässlich eines Interviews nachzuhören. Nichts scheint treffender auf das Album "Spirit Of Eden" zuzutreffen als eben diese Worte. So minimalistisch dieses Werk auch ist, so intensiv, emotional und ergreifend ist es eben auch.
Nach drei anspruchsvollen Popalben - wobei ich finde, das dritte Album läutet bereits die Abkehr vom gefälligen Pop ein - erschien 1988 das Werk, welches zunächst wohl nicht nur deren Plattenfirma, sondern auch eine große Fanschar verschreckte. Ein Album, mit dem Hollis sich offensichtlich nicht nur selber musikalisch verwirklichen wollte, sondern der Musikindustrie und deren Forderungen an ihn auch ins Gesicht zu schreien schien "...ihr könnt mich mal".
TALK TALK - Spirit Of Eden | GB 1988 | Art-Rock, Art-Pop
Unser ganz frühes und mittlerweile leider verstorbenes Mitglied wolf schrieb einmal zu einer Rezension von hmc zu dem Album "The Colour Of Spring":
"ich kenne das Album bis heute nicht ! Die Singles "It's My Life" und "Such a Shame" haben mir wohl gereicht !! die 80er waren eh nie mein Ding ! Außer einer Handvoll Alben und div Maxis sind sie an mir vorbeigerauscht !"
Auf dieses Statement hin antwortete ich:
"...kann ich grundsätzlich verstehen. Wenn für jemanden Talk Talk = It`s My Life oder "Such A Shame" ist, könnte man das Kapitel abheften. Allerdings, ...für meinen Freund galt dieselbe Gleichung. Und von den Alben The Spitit Of Eden sowie dem hier vorgestellten war er absolut begeistert, hin - und - weg, sozusagen.
Trau Dich, wolf. Die Alben haben mit der Gleichung nichts mehr zu tun. Ich weiß nicht, ob Du begeistert sein wirst. Aber dass sie Dir gefallen, kann ich mir sehr gut vorstellen. "
Nun weiß ich nicht, ob wolf sich seinerzeit doch noch an die späteren Werke der TALK TALK heranwagte. Ich wage jedoch zu behaupten - wie wolf auch, haben wohl viele Musikhörer diese Band auf deren frühen beiden Popalben reduziert und somit dieses grandiose Album verpasst.
Weit entfernt und keine Parallelen zu den ersten Alben schlagend beginnt das Werk mit The Rainbow. Ein einsamer, verloren scheinender Trompetenton ist zu hören, begleitet von leise schwebenden Keyboardtönen. Über annähernd drei Minuten breitet sich eine wohlige Ruhe aus, bevor sich in das Stück verzerrte Gitarrentöne, Drums und die zerbrechliche Stimme Hollis hineindrängeln. Ein Song, wechselnd von Melodie zu Missklang, möglicherweise ein Schock für altgediente TALK TALK-Hörer, die diese Band damit ad acta gelegt haben. Gleichsam der Song, der den Ton für die folgenden Stücke des Albums vorgibt.
TALK TALK hätten auf der Erfolgswelle ihrer drei ersten Alben weiterreiten können - waren sie doch anfangs eine Synthie-Band, und befand man sich im Jahr 1988 doch immer noch im Jahr des Synthie-Pop. Aber, man - Hollis - entschied sich zu einer radikalen Abkehr von erfolgsversprechenden Hits.
"Spirit of Eden" ist kein Popalbum mehr im klassischen Sinne. Statt eingängiger Refrains und klarer Songstrukturen entfaltet sich hier eine Musik, die eher atmet, tastet und sich langsam offenbart. Keine Sammlung einzelner, aneinandergereihte Songs, sondern ein zusammenhängender Klangraum, eine Musik wie ein Gemälde, eine Musik wie ein Soundtrack zu einem Film, den es gar nicht gibt..
Die Stücke wirken wie organische Gebilde: leise Anfänge, fragile Motive, lange Pausen und dann plötzlich eruptive Ausbrüche. Jazz, Ambient, Blues, klassische Elemente und experimenteller Rock verschmelzen zu etwas Eigenständigem. Besonders auffällig ist der bewusste Umgang mit Stille – sie ist kein Lückenfüller, sondern ein zentrales Ausdrucksmittel. Jeder Ton scheint mit Bedacht gesetzt, jede Instrumentierung dient der Atmosphäre statt der Effekthascherei.
Ähnlich wie The Rainbow startet auch Eden mit diesen leisen, geheimnisvollen Trompetenklängen, entfaltet sich nach anfänglicher Ruhe ebenso ähnlich und wartet mit Wärme und Missklang, verzerrten, fast industriellen Geräuschen auf, um am Ende nahtlos mit Desire zu verschmelzen.
Mark Hollis’ Gesang steht dabei nie im Vordergrund, sondern fügt sich als weiteres Instrument ins Gesamtbild ein. Seine Stimme wirkt zurückgenommen, fast scheu, und gewinnt gerade dadurch an Intensität. Seine Texte bleiben oft vage, sind manchmal unverständlich, fragmentarisch, was die meditative Grundstimmung des Albums noch verstärkt.
Zu den für mich schönsten Songs auf diesem Album gehört zweifelsfrei I Believe In You, zu dem leider nur ein kleiner Ausschnitt als Videoclip veröffentlich wurde - der fast schönste Teil dieses Stückes fiel dem Cutter zum Opfer. Hier sollte wohl wieder der Mainstream bedient werden. Der mitreißende Beat und das gefühlvolle Klavier, Hollis' mitreißender, melancholischer und tieftraurige Gesang ziehen mich sofort in ihren Bann, der Tonartwechsel im Refrain lässt die Sinne pulsieren. Oft habe ich mich hier gefragt - schwebt hier ein Frauenchor über dem Stück, handelt es sich um künstlichen "Gesang" eines Mellotrons oder Synthesizer? Oder war es "Der Chor der Kathedrale von Chelmsford", der ebenfalls als Mitwirkender bei diesem Album aufgeführt wird? Ich weiß es bis heute nicht.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=AD8M_HVauls
"Spirit of Eden" klingt analog, warm, detailreich und gleichzeitig roh, lebendig - nicht wohlgefällig poliert. Freunde der Langrille dürfen sich freuen - im Februar diesen Jahres soll das Album als "Half Speed Master (180g)" wiederveröffentlicht werden.
"Spirit of Eden" ist ein mutiges, kompromissloses Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Es wirkt bis heute nach und markiert einen radikalen Bruch mit den Erwartungen, die an TALK TALK gestellt wurden. Wer auf der Pirsch nach eingängigen Melodien ist, wird hier kaum fündig. Wer sich jedoch auf ein tiefgehendes, emotionales Hörerlebnis einlässt, wird reich belohnt. "Spirit of Eden" gilt wohl nicht nur für mich zu Recht als Meilenstein und als eines der einflussreichsten Alben jenseits des Mainstreams. "Spirit of Eden" ist ein Werk, das nicht gefallen will, sondern berührt. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld; es verweigert sich dem beiläufigen Hören und entfaltet seine Wirkung erst über Zeit und Wiederholung.
In diesem Sinne - drückt nach dem ersten Hörduchgang die Repeat-Taste und taucht wieder und wieder ein in dieses Meisterwerk. Man kann sich ihm nicht entziehen.
[Die Songs]
1 - The rainbow
2 - Eden
3 - Desire
4 - Inheritance
5 - I believe in you
6 - Wealth
[Die Band]
TALK TALK:
- Mark Hollis – Gesang, Gitarre, Piano, Orgel
- Lee Harris – Schlagzeug
- Paul Webb – Bass
Und außerdem:
- Tim Friese-Greene – Orgel, Piano, Harmonium
- Martin Ditcham – Perkussion
- Mark Feltham – Mundharmonika
- Robbie McIntosh – Dobro, 12-saitige Gitarre
- Henry Lowther – Trompete
- Andrew Marriner – Klarinette
- Nigel Kennedy – Violine
- Danny Thompson – Kontrabass
- Simon Edwards – Kontrabass
- Hugh Davies – Shozyg
- Andrew Stowell – Fagott
- Michael Jeans – Oboe
- Christopher Hooker – Englischhorn
- Chor der Kathedrale von Chelmsford
[Im Web]
Musikzirkus - Talk Talk – The Colour Of Spring
Spiegel Kultur: Rätselhaftes aus Eden
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=0QgbUBn0gGs
Das waren ein Teil der Worte, mit denen ich mich am 16.06.2008 hier im Forum vorstellte. Seitdem und noch immer begleitet mich die Musik der TALK TALK - mal mehr, mal weniger, und seit dem Tod von Mark Hollis immer mit einer gewissen Melancholie.
„Bevor du zwei Noten spielst, lerne erst einmal eine Note zu spielen – und spiele keine Note, bevor du nicht einen guten Grund dafür hast.“
So seine Worte, hier im Podcast anlässlich eines Interviews nachzuhören. Nichts scheint treffender auf das Album "Spirit Of Eden" zuzutreffen als eben diese Worte. So minimalistisch dieses Werk auch ist, so intensiv, emotional und ergreifend ist es eben auch.
Nach drei anspruchsvollen Popalben - wobei ich finde, das dritte Album läutet bereits die Abkehr vom gefälligen Pop ein - erschien 1988 das Werk, welches zunächst wohl nicht nur deren Plattenfirma, sondern auch eine große Fanschar verschreckte. Ein Album, mit dem Hollis sich offensichtlich nicht nur selber musikalisch verwirklichen wollte, sondern der Musikindustrie und deren Forderungen an ihn auch ins Gesicht zu schreien schien "...ihr könnt mich mal".
TALK TALK - Spirit Of Eden | GB 1988 | Art-Rock, Art-Pop
Unser ganz frühes und mittlerweile leider verstorbenes Mitglied wolf schrieb einmal zu einer Rezension von hmc zu dem Album "The Colour Of Spring":
"ich kenne das Album bis heute nicht ! Die Singles "It's My Life" und "Such a Shame" haben mir wohl gereicht !! die 80er waren eh nie mein Ding ! Außer einer Handvoll Alben und div Maxis sind sie an mir vorbeigerauscht !"
Auf dieses Statement hin antwortete ich:
"...kann ich grundsätzlich verstehen. Wenn für jemanden Talk Talk = It`s My Life oder "Such A Shame" ist, könnte man das Kapitel abheften. Allerdings, ...für meinen Freund galt dieselbe Gleichung. Und von den Alben The Spitit Of Eden sowie dem hier vorgestellten war er absolut begeistert, hin - und - weg, sozusagen.
Trau Dich, wolf. Die Alben haben mit der Gleichung nichts mehr zu tun. Ich weiß nicht, ob Du begeistert sein wirst. Aber dass sie Dir gefallen, kann ich mir sehr gut vorstellen. "
Nun weiß ich nicht, ob wolf sich seinerzeit doch noch an die späteren Werke der TALK TALK heranwagte. Ich wage jedoch zu behaupten - wie wolf auch, haben wohl viele Musikhörer diese Band auf deren frühen beiden Popalben reduziert und somit dieses grandiose Album verpasst.
Weit entfernt und keine Parallelen zu den ersten Alben schlagend beginnt das Werk mit The Rainbow. Ein einsamer, verloren scheinender Trompetenton ist zu hören, begleitet von leise schwebenden Keyboardtönen. Über annähernd drei Minuten breitet sich eine wohlige Ruhe aus, bevor sich in das Stück verzerrte Gitarrentöne, Drums und die zerbrechliche Stimme Hollis hineindrängeln. Ein Song, wechselnd von Melodie zu Missklang, möglicherweise ein Schock für altgediente TALK TALK-Hörer, die diese Band damit ad acta gelegt haben. Gleichsam der Song, der den Ton für die folgenden Stücke des Albums vorgibt.
TALK TALK hätten auf der Erfolgswelle ihrer drei ersten Alben weiterreiten können - waren sie doch anfangs eine Synthie-Band, und befand man sich im Jahr 1988 doch immer noch im Jahr des Synthie-Pop. Aber, man - Hollis - entschied sich zu einer radikalen Abkehr von erfolgsversprechenden Hits.
"Spirit of Eden" ist kein Popalbum mehr im klassischen Sinne. Statt eingängiger Refrains und klarer Songstrukturen entfaltet sich hier eine Musik, die eher atmet, tastet und sich langsam offenbart. Keine Sammlung einzelner, aneinandergereihte Songs, sondern ein zusammenhängender Klangraum, eine Musik wie ein Gemälde, eine Musik wie ein Soundtrack zu einem Film, den es gar nicht gibt..
Die Stücke wirken wie organische Gebilde: leise Anfänge, fragile Motive, lange Pausen und dann plötzlich eruptive Ausbrüche. Jazz, Ambient, Blues, klassische Elemente und experimenteller Rock verschmelzen zu etwas Eigenständigem. Besonders auffällig ist der bewusste Umgang mit Stille – sie ist kein Lückenfüller, sondern ein zentrales Ausdrucksmittel. Jeder Ton scheint mit Bedacht gesetzt, jede Instrumentierung dient der Atmosphäre statt der Effekthascherei.
Ähnlich wie The Rainbow startet auch Eden mit diesen leisen, geheimnisvollen Trompetenklängen, entfaltet sich nach anfänglicher Ruhe ebenso ähnlich und wartet mit Wärme und Missklang, verzerrten, fast industriellen Geräuschen auf, um am Ende nahtlos mit Desire zu verschmelzen.
Mark Hollis’ Gesang steht dabei nie im Vordergrund, sondern fügt sich als weiteres Instrument ins Gesamtbild ein. Seine Stimme wirkt zurückgenommen, fast scheu, und gewinnt gerade dadurch an Intensität. Seine Texte bleiben oft vage, sind manchmal unverständlich, fragmentarisch, was die meditative Grundstimmung des Albums noch verstärkt.
Zu den für mich schönsten Songs auf diesem Album gehört zweifelsfrei I Believe In You, zu dem leider nur ein kleiner Ausschnitt als Videoclip veröffentlich wurde - der fast schönste Teil dieses Stückes fiel dem Cutter zum Opfer. Hier sollte wohl wieder der Mainstream bedient werden. Der mitreißende Beat und das gefühlvolle Klavier, Hollis' mitreißender, melancholischer und tieftraurige Gesang ziehen mich sofort in ihren Bann, der Tonartwechsel im Refrain lässt die Sinne pulsieren. Oft habe ich mich hier gefragt - schwebt hier ein Frauenchor über dem Stück, handelt es sich um künstlichen "Gesang" eines Mellotrons oder Synthesizer? Oder war es "Der Chor der Kathedrale von Chelmsford", der ebenfalls als Mitwirkender bei diesem Album aufgeführt wird? Ich weiß es bis heute nicht.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=AD8M_HVauls
"Spirit of Eden" klingt analog, warm, detailreich und gleichzeitig roh, lebendig - nicht wohlgefällig poliert. Freunde der Langrille dürfen sich freuen - im Februar diesen Jahres soll das Album als "Half Speed Master (180g)" wiederveröffentlicht werden.
"Spirit of Eden" ist ein mutiges, kompromissloses Werk, das seiner Zeit weit voraus war. Es wirkt bis heute nach und markiert einen radikalen Bruch mit den Erwartungen, die an TALK TALK gestellt wurden. Wer auf der Pirsch nach eingängigen Melodien ist, wird hier kaum fündig. Wer sich jedoch auf ein tiefgehendes, emotionales Hörerlebnis einlässt, wird reich belohnt. "Spirit of Eden" gilt wohl nicht nur für mich zu Recht als Meilenstein und als eines der einflussreichsten Alben jenseits des Mainstreams. "Spirit of Eden" ist ein Werk, das nicht gefallen will, sondern berührt. Es fordert Aufmerksamkeit und Geduld; es verweigert sich dem beiläufigen Hören und entfaltet seine Wirkung erst über Zeit und Wiederholung.
In diesem Sinne - drückt nach dem ersten Hörduchgang die Repeat-Taste und taucht wieder und wieder ein in dieses Meisterwerk. Man kann sich ihm nicht entziehen.
[Die Songs]
1 - The rainbow
2 - Eden
3 - Desire
4 - Inheritance
5 - I believe in you
6 - Wealth
[Die Band]
TALK TALK:
- Mark Hollis – Gesang, Gitarre, Piano, Orgel
- Lee Harris – Schlagzeug
- Paul Webb – Bass
Und außerdem:
- Tim Friese-Greene – Orgel, Piano, Harmonium
- Martin Ditcham – Perkussion
- Mark Feltham – Mundharmonika
- Robbie McIntosh – Dobro, 12-saitige Gitarre
- Henry Lowther – Trompete
- Andrew Marriner – Klarinette
- Nigel Kennedy – Violine
- Danny Thompson – Kontrabass
- Simon Edwards – Kontrabass
- Hugh Davies – Shozyg
- Andrew Stowell – Fagott
- Michael Jeans – Oboe
- Christopher Hooker – Englischhorn
- Chor der Kathedrale von Chelmsford
[Im Web]
Musikzirkus - Talk Talk – The Colour Of Spring
Spiegel Kultur: Rätselhaftes aus Eden
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=0QgbUBn0gGs
) nicht so dolle, lag an der Menge an vergleichbarer Musik, die damals im Radio dudelte und auch schnell wieder vergessen wurde. Also von mir.