Avishai Cohen - Big Vicious

 
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Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 27.08.2020 - 21:04 Uhr  ·  #1
[Einleitung]

Während der letzten Tage ergab sich hier des Öfteren die Gelegenheit, die Plattenliste auf lange nicht gehörte Schätzchen zu durchstöbern und markante Fundstellen in der Tube aufzusuchen. Eine häufiger vertretene Band hört auf den Namen "Massive Attack", meine Wahl fiel auf die Scheibe mit dem wohl bekanntesten Plattencover, dem Hirschkäfer. Schnell war mit dem erweiterten Suchbegriff "Mezzanine" das Prachtexemplar gefunden, sodass einem Hördurchgang nichts im Wege stand.

Über den Song "Teardrop" stieß ich alsbald auf einen Querverweis gleichen Namens, dargeboten von dem mir völlig unbekannten Interpreten Avishai Cohen. Eine dermaßen coole Interpretation, dass das Album postwendend bestellt wurde und mittlerweile einige Hörsessions hinter sich hat. Hat sich der Kauf gelohnt, was erwartet den Hörer? Wir werden sehen - also, los geht's.

Avishai Cohen - Big Vicious | Israel | 2020

[Die Scheibe]

Nun denn - diese Scheibe hätte ich gerne in die Schublade Ambient oder > Trip Hop einsortiert, aber das Genre "Jazz" bringt es wohl auf den Punkt.

Während eines Interviews äußerte Cohen einmal (sinngemäß): "Wir kommen alle aus dem Jazz, aber einige von uns haben ihn früher verlassen. Jeder bringt seine Hintergründe ein, und das wird Teil des Sounds der Band." So erklären sich wohl die unterschiedlichen Spielarten und Einflüsse, die in allen Songs des Album hörbar sind und, so möchte ich behaupten, es auch Nicht-Jazzern (...wie mich) zugänglich machen.

Fulminant startet die Scheibe mit "Honey Fountain". Elf Sekunden lang sind lediglich Morsesignale zu vernehmen, erst dann dränglen sich ein Schlagzeug und monotone Basslinien allmählich in den Vordergrund. Fast dreißig Sekunden später erst ist erstmals Cohen auf seinem Instrument zu hören. Seine Trompetenklänge, sphärisch, abgeklärt, verleihen dem Song eine gewisse Soundtrackatmosphäre. Nicht für riesige Popcornkinos, eher für ein kleines Programmkino, auf dessen Leinwand ein trenchcoattragender Nachtwanderer, die Hände in den Taschen, die Schultern wegen der Kälte hochgezogen, durch die verregneten Straßen einer unterkühlten Großstadt zieht. Gefolgt von der Kamera in seinem Rücken, die, im Gegensatz zum Nachtwanderer, bereits einen Blick auf seinen Verfolger gewagt hat und dem Zuschauer eine Vermutung auf das weitere Geschehen ahnen lässt.

Honey Fountain

Das Instrument des Avishai Cohen ist also die Trompete (im Gegensatz zu seinem berühmten Namensvetter, der, ebenfalls im Jazz zuhause, den Bass spielt). So ist dieses Blasinstrument allseits präsent, ohne sich jedoch permanent in den Vordergrund zu drängeln, um den anderen Instrumenten (Synthesizer, Gitarre, Bass, Drums) die Show zu stehlen. Wie wunderbar diese Band miteinander harmoniert, wie phantastisch sich die Instrumente ergänzen, ist eindrucksvoll in einem vor ca. 200 Jahren komponierten Stück zu hören. "Moonlight Sonata", des großen Beethovens Mondscheinsonate, erwacht zu neuem Leben. Wunderschön wird hier dem großen Meister die Ehre erwiesen. Da muss man schon Eier in der Hose haben, sich an ein solches Werk heranzuwagen, um es in die heutige Zeit zu wuppen.


Moonlight Sonata

Rockig, druckvoll und abwechslungsreich drischt "King Kultner" über vier Minuten durch den Kopfhörer. So lasse ich mir Jazz gefallen! Schmissig, voller Power und Spielfreude. Erstaunlich, wie eine Trompete so trefflich in einen vermeintlichen Rocksong passen kann. Passt!

Erstaunlich und ebenso unerklärlich bleibt es wohl für mich, warum ich mich dem Jazz generell nicht öffnen kann, mich aber dennoch ab und an eine Scheibe regelrecht aus den Socken haut. Auch hier finde ich keine Antwort. Eigentlich mag ich keinen Jazz, eigentlich ist die Trompete nicht mein Lieblingsinstrument, eigentlich liebe ich eher klare Klangstrukturen. Das alles trifft in Gänze auf diese Scheibe nicht zu. Trotzdem dreht sie unermüdlich ihre Runden unter dem Laser oder, sofern ich am Computer sitze, in der Tube.

Apropos Tube - da war doch was. Richtig, der Querverweis!

Wie klingt nun "Teardrop" auf diesem Silberling? Phantastisch, kann ich nur sagen - schließlich hat mich der Song schnurstracks zum Kauf der CD geführt. Musikfreunde, die das Original kennen, werden unvermittelt bemerken, dass anstelle Liz Fasers' Stimme Cohans Trompete tritt. Dieses Cover hat etwas tranceartiges, melancholisches, manchmal leicht psychedelisches, wenn im Hintergrund die Gitarren flirren oder Soundsamples eingestreut werden.

Teardrop

Freunden des Rock, des Trip Pop, Anhängern psychedelischer Klänge oder denjenigen, die sich einmal im Jazz ausprobieren wollen, ohne gleich verschreckt zu werden, kann ich diese Scheibe nur ans Herz legen. Cineasten auf der Suche nach einem Soundtrack, um das eigene Kopfkino anzukurbeln, sind ebenfalls auf der richtigen Spur. Bleiben diejenigen, die sich einmal an Töne abseits ausgetretener Pfade wagen wollen - auch hier lohnt sich ein Schnupperkurs. Ein Album, das rundherum ein großes Hörvergnügen bereitet und ganz nebenbei musikalisch und klanglich auf sehr hohem Niveau spielt - worauf bereits das Label "ECM" hindeutet.


[Die Band]

* Avishai Cohen – trumpet, effects, synthesiser
* Uzi Ramirez – guitar
* Yonatan Albalak – guitar, bass
* Aviv Cohen – drums
* Ziv Ravitz – drums, live sampling


[Die Songs]

1. Honey Fountain 4:34
2. Hidden Chamber 4:42
3. King Kutner 4:10
4. Moonlight Sonata 5:30
5. Fractals 3:33
6. The Things You Tell Me 3:11
7. Teardrop 7:24
8. This Time It’s Different 3:20
9. Teno Neno 6:03
10. The Cow & The Calf 3:55
11. Intent 4:03


[Die Verpackung]

Recht schlicht. Das Jewelcase enthält ein faltbares Booklet, welches auf sechs Seiten die Songs sowie die Musiker benennt. Weiterhin befinden sich einige Produktionsangaben darauf. Besonders gefällt das Cover, welches die fünf Musiker, leicht verloren dastehend, abbildet. Es deutet bereits auf die zu erwartende Art der Musik hin. Weiterhin ist das Jewelcase in einen Pappschuber mit gleichem Artwork eingeschoben.


[Im Web]

Avishai Cohen Homepage
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 27.08.2020 - 21:34 Uhr  ·  #2
Nicht für riesige Popcornkinos. Steht da und was lese ich? Nicht für riesige Pornokinos. Im Oktober gibt es die neue Brille.

Sicherlich nicht meine Baustelle, aber ein Review das hoffentlich andere neugierig macht!
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 28.08.2020 - 00:41 Uhr  ·  #3
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 28.08.2020 - 07:38 Uhr  ·  #4
.... und schwups... schwimmt da schon wieder einen dicker Hecht durch den Musikteich... ich habe mich intensiv mit dem Hans Müller der israelischen Instrumentalszene beschäftigt... und ich bin begeistert von der Musik von Avishai Cohen... allerdings dem Bassisten... hier kann ich vor allem die beiden Alben Gently Disturbed und Continuo empfehlen...einfach outstanding...

... dass es noch einen anderen Hans gibt der an der Trompete Musik macht war mir bekannt... Und ich habe auch mal in ein paar Titel rein gehört... das ist wirklich schöne schwebende Musik... Teilweise auch beknackt mit elektrischen Gimmicks... ein wenig Miles Davis... Eine Prise Helmut Hattler... Kenny Wheeler ist auch raus zu hören... aber er ist schon für sich besonders... und dass er von ECM geadelt wurde dafür... Völlig zurecht...

... durch deine feine Rezi angestachelt werde ich mir nun seine Alben mal komplett durchhören... leider kann ich momentan nicht am Meer beim Sonnenuntergang lauschen..... aber in Anbetracht des gleich beginnenden Wochenendes werden im Grünen selbstgedrehte Buccaneers und Averna die idealen Begleiter dazu sein... Ich bin gespannt...
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 28.08.2020 - 18:17 Uhr  ·  #5
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 29.08.2020 - 09:00 Uhr  ·  #6
... ich habe mir jetzt mal das gesamte Album durch gehört... Der Herr Müller ist ein Trompeter der langen und schwebenden Töne... bis auf das wahrscheinlich deswegen auch so titulierte "This Time It’s Different" variiert er relativ wenig... aber das macht das Album auch zu einem durchgängigen Soundtrack für die besinnlichen Momente...schööönn...

... ich werde mir jetzt auch seine restlichen Alben nach und nach anhören...

... bei einem eventuellen Kauf muss ich nur noch etwas Problem lösen wie ich ihn neben seinen Namensvetter im Regal einordne...
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 29.08.2020 - 12:24 Uhr  ·  #7
Zitat geschrieben von Mr. Upduff

... ich habe mir jetzt mal das gesamte Album durch gehört... Der Herr Müller ist ein Trompeter der langen und schwebenden Töne... bis auf das wahrscheinlich deswegen auch so titulierte "This Time It’s Different" variiert er relativ wenig... aber das macht das Album auch zu einem durchgängigen Soundtrack für die besinnlichen Momente...schööönn...

... ich werde mir jetzt auch seine restlichen Alben nach und nach anhören...

... bei einem eventuellen Kauf muss ich nur noch etwas Problem lösen wie ich ihn neben seinen Namensvetter im Regal einordne...


ich habe zuerst den Bassisten (B), dann den Trompeter (T) gewählt... :D
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 29.08.2020 - 12:44 Uhr  ·  #8
...suBer ITee...
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 31.08.2020 - 07:15 Uhr  ·  #9
Besten Dank an alle für's Lesen und Antworten :-)
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Re: Avishai Cohen - Big Vicious

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Gepostet: 10.09.2020 - 12:53 Uhr  ·  #10
Zitat geschrieben von firebyrd

drei CDs des Bassisten hatte ich u.a. auch hier vorgestellt:

topic.php?t=17460
topic.php?t=19778
topic.php?t=26775


So, nun habe ich Zeit gehabt, in Deine mir bislang unbekannten Vorstellungen zu hören. Vorstellung 2 und 3 wären meine Favoriten, ganz für oder gegen eine der beiden kann ich mich noch nicht entscheiden, tendenziell wäre es derzeit die 3. Auf jeden Fall wird nach Rückkehr aus dem Urlaub eine Bestellung erfolgen.

Ansonsten - schön, dass manche Rezis zu weiteren Rezis führen. Das hat doch was :-)
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