Zitat geschrieben von freaksound
nett, soweit zurück blicke ich selten.
Da gabs auch nicht viel zu sehen.
Ein Kuhkaff in der Bayerischen Provinz war in den 70er vermutlich
genauso von den musikalischen Entwicklungen der Restwelt abgeschnitten,
wie es hier manch ein Bewohner der ex-DDR zu berichten weiß.
Die Eltern standen auf Schlager der 50er und 60er sowie Operette (Mutter) und Volksmusik( Vater).
Radio stand fest auf Bayern 1, Im TV wurden auch keine "Schreihälse" mit ihrer "Negermusik" konsumiert.
Erste Öffnung zu Welt kam dann 1976 als ich in der Realschule erstmals Mitschüler hatte,
welche aus "der Stadt" waren und auch aktuelle Pop-Musik kannten. Eigentlich war es ja eher
ein Erzählen, LPs wurden nicht leichtfertig ausgeliehen, und der Walkman war auch noch nicht
auf der (unserer) Bildfläche erschienen.
Da war dann schon ein mühsam erbettelter Mono-Casettenrecorder ein großer Fortschritt.
Dann ab ca. 1978 ein Radiorecorder - oh was taten sich da bei "Pop nach 8" mit dem jungen
Thomas Gottschalk neue Welten auf.
Das machte es dann zwingend notwendig, daß ich mit 16 das erste im Ferienjob verdiente
Geld in einen Plattenspieler investierte und beim Govi-Versand
die Sonderangebote durchwühlte. Kurz darauf zur Ausbildung nach Isny in die Stadt gezogen
("Stadt" stand zumindest auf dem Ortsschild - sehe ich heute auch anders :whistle: )
Tja, das war dann der Anfang vom Ende - und nun treib ich mich hier rum...................
Mal sehen, was die Erinnerungsarchäologie für den Contest so zum Vorschein bringt.
Mit dem Kuhkaff in Bayern, das tut mir ja leid. Wirklich! Physikalische Tonträger in Form von LPs waren i. d. g. DDR d. Welt tatsächlich Mangelware, vor allem die aus dem freien Teil der Welt, zumal auch noch der Import per Privatpäckchen ("Geschenksendung. Keine Handelsware!" musste auf den Päckchen/Paketen stehen!) oder als Mitbringsel bis Mitte der 70er Jahre verboten war.
Schmuggelware, Konterbande gab es trotzdem, und nicht zu wenig. Nur der persönliche Besitz derselben war eingeschränkt, zu teuer waren die beliebten Scheiben (Kurs 1:10, eine Schallplatte 100 Ostmark oder mehr). Wer nichts geschenkt bekam oder tauschen konnte, ging leer aus. Gehört wurden trotzdem jede Menge Platten; oftmals hatte man eine solche nur für einen Tag, einen Abend zur Verfügung. Hauptsache hören! In früheren Jahren wurde in Jazzkreisen sogar eine sogenannte "Abwurfaktion" von Schallplatten für Jazzfreunde in der DDR organisiert. D.h. an vorher verabredeten Punkten entlang der Transitautobahnen aus Richtung BRD nach Westberlin, sorry, "selbständige politische Einheit Westberlin" muss es heißen, wurden nächtens Plattenpakete abgeworfen, deren Inhalt dann DDR-weit kursierte. Aus den Ostblockländern wurde auch mitgebracht/geschmuggelt, was der Schwarzmarkt dort hergab.
Von den
musikalischen Entwicklungen der Restwelt war man natürlich nicht abgeschnitten. Freilich bekam man nicht alles zu hören oder zu sehen, aber immerhin doch so einiges. Zwar waren wir vornehmlich mit dem Aufbau des Sozialismus, der Sicherung des Weltfriedens und im speziellen mit der Freundschaft zur Sowjetunion voll ausgelastet, aber wir hatten auch Zeit, "Feindsender" zu hören und "Westfernsehen" zu sehen. Und insgesamt fünf Fernsehprogramme, zwei Ost, drei West. Immerhin! Und um beim TV zu bleiben, da war der Hit natürlich in den Kinder- und Jugendtagen der "Beatclub" von Radio Bremen. Da hat man nicht nur vieles hören sondern auch sehen können. Und Tanzschritte einüben. Am allerwichtigsten war aber das Radio. Wer entsprechend wohnte (Reichweite), konnte die verschiedensten Sender hören. Für mich war am interessantesten sicher "Voice of America", bessere Jazzsendungen hörte ich nie. Auf Kurzwelle! Dann gab es noch vom
NDR "Musik nach der Schule", "Europawelle Saar", den SFB mit "SF-Beat", "RIAS" natürlich, in Teilen auch den "Deutschlandfunk", "Radio Luxemburg" selbstverständlich, wechselnde "Piratensender" aus der Nordsee sowie, wenn wir in Berlin waren, "AFN" und "BFBS". Die hatten echt gute Musik drauf, so etwas kannt man ja gar nicht. Interessanterweise gab es auch eine Sender aus Warschau, der sich "Radiojugendklub Heute Abend" nannte und auf deutsch für Jugendliche in der Bundesrepublik per Mittelwelle(!) sendete. Dies war zweifelsfrei ein polnischer Propagandasender, aber es gab Samstags immer einen schönen "Undergroundabend" mit entsprechender Musik.
Als Begleiter der Kindheit und Jugend erinnere ich den "Deutschen Soldatensender", ein DDR-Propagandasender für Soldaten der Bundeswehr
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Soldatensender_935
der ausnahmslos "Westmusik" spielte. Das Gedöns um die BW und die ewigen Standortansagen überhörte man geflissentlich, wichtig war die Musik!
Von offizieller Seite gab es "Stimme der DDR" und "Radio DDR" mit zu wenigen, aber teilweise sehr informativen und ansprechenden Sendungen. Da gab es zu hören, neben Musik aus den Ostblockstaaten, was man nie kaufen konnte, also Stücke von Bands aus dem Westen, allerdings immer schön rationiert und nie allzu überschwenglich angepriesen. Die "Hitparaden" in d. g. DDR d. W. hießen übrigens "Wertungssendungen".
Dies soll nur ein kurzer Abriss über die Musikrezeption i. d. g. DDR d. W. gewesen sein; nicht das ich hier noch ins Schwärmen gerate, wie schön doch alles früher war! Aber ich hoffe doch, auch in Bayern gab es Radioempfang und Teilhabe an der musikalischen Entwicklung der Restwelt.
radiot grüßt!