J.J. Cale - Troubadour

 
badger
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J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 28.10.2026 - 17:38 Uhr  ·  #1
J.J. Cale - Troubadour (Mercury 1976)

Sommer 1976, das National Stadium in Dublin ist gut besetzt von einer erwartungsvollen Fangemeinde.
Die Band steht schon größtenteils auf der Bühne rum.

Kommt 'n Typ daher, steckt die Gitarre ein, setzt sich auf'n Hocker und legt los, ohne den geringsten
Kontakt zu seinen Hörern. Gerade so, als wäre er allein im Aufnahmestudio.
Und spielt ein Stück nach dem anderen runter, gerade so, wie man es auf Vinyl hörte: keine zusätzliche
Note, keine Abweichung. Ein paar Highlights der ersten drei LPs und so ziemlich alles von der 4.,
'Troubadour'. Keine Kommunikation mit irgendwem, nicht mal mit seiner Band, die auch nicht
vorgestellt wird.
Gerade 75 Minuten, dann steht er grußlos auf und verschwindet; Zugabe wird nicht gegeben.

Tja, man sah sich gegenseitig an und war baff. Eine Halle voller Fans, die vermutlich alle vier LPs im
Regal hatten, denn J.J. war schwer angesagt. Und alle hatten auf ein nettes Wort und ein bißchen
Umgänglichkeit des Meisters gehofft.
Aber dann die Klänge: absolut perfekt dargebracht, quasi als wenn da ein Plattenspieler gelaufen wäre.
Man war gleichzeitig verwirrt und auch wieder beeindruckt von diesem 'Okie', diesem 'Hinterwäldler'
aus Oklahoma, der gerade 'Troubadour' durch Europa tourte.

Es sollte die bis dahin erfolgreichste LP des (vermutlichen) Erfinders des Swamp Rock werden; Eric
Clapton würde wieder mal ein Stück ('Cocaine') abkupfern und auch andere Musiker würden sich
bei diesem überdurchschnittlichen Songschreiber bedienen... nur... das große Live-Erlebnis wurde
nicht geboten.



Dennoch, viele gute Stücke unter den zwölf von J.J. geschriebenen (und übrigens auch auf der LP-Hülle
kein Verweis auf die Mitspieler).
Wie üblichen überwiegen diese (trotz E-Gitarre) halbakkustisch klingenden mid-tempo Shuffles.

'Hey Baby' ist eins dieser typischen Swamp-Stücke; verhalten im Tempo und doch wieder zum
Bewegen reizend, vor allem, weil es immer wieder schnellere Momente hat. J.J.'s sparsame
Leadgitarren-Töne; ein bißchen Steel-Guitar zum langsamen Beat und fertig ist die atmospärische Stimmung.

Mit 'Travelling Light' folgt einer dieser Shuffles, die man nicht aus dem Kopf kriegt; J.J.'s völlig
unaufgeregte und fast tonlose Stimme paßt glänzend dazu. Die Jungs an der Bar schaufeln ihre
Füße herum und klicken die Pint-Gläser dazu.

Gute Güte, soviel Energie hält man nicht lange durch, besonders wenn 'You Got Something'
volle 4:00 Minuten dauert. Eine halbe Ewigkeit; also runterschalten und mit vielen Instrumenten
sparsam umgehen.

'Ride Me High' ist wieder eins dieser Dinger, die zunächst zu langsam zum Tanzen zu sein
scheinen, aber es ist infektionös; schau Dir die Jungs an der Bar an, wie sie zur Musik auspedden.
Auch hier diese sparsamen Akzente von speziell J.J.'s Klampfe, erneut zu einem unaufgeregten,
aber vollumfassenden Beat.

Nach so viel Bewegung ist eine Pause dringend nötig; die Instrumentierung wird hier noch
verhaltener, trotzdem ist natürlich die ganze Band im Einsatz und liefert ihre jeweiligen Tupfer.

'Cocaine' kennt natürlich jeder; es läßt sich gut von völlig unkreativen und ideenlosen Musikern
kopieren, aber nur J.J. himself kann es musikalisch so rüberbringen, wie es von Anfang an
gemeint war.

Mit 'I'm A Gypsy Man' und 'The Woman That Got Away' setzt J.J. seine Betrachtungen fort und
paßt nach wie vor auf, daß man nicht durch überhöhte Geschwindigkeit aus der Kurve fliegt.
Er spielt diese wundervollen kleinen und einzelnen Noten, gerne auch mal untermalt durch ein
paar Takte genau zur Stimmung passendes Klimperpiano.

Mit 'Super Blue' wirds erneut melancholischer, die Jungs an der Theke zücken ihre Taschentücher,
aber keine Angst, 'Blue' heißt hier ja nicht 'depressiv' sondern nur 'seinen Gedanken nachzuhängen'.

Was der Chef nun bei 'Let Me Do It To You' genau zu tun gedenkt, ist nicht überliefert und auch nicht
interessant, den dieser erneute unterschwellige Shuffle bewegt schon wieder die Füße.

Ein weiteres Zurückschalten mit 'Cherry', denn J.J. läßt ein letztes Mal seine romantische Seite auf
seinen Saiten erklingen. Die Jungs an der Theke wischen sich nochmal die Augen und
bestellen neue Pints.

Eigentlich müßte zum Abschluß der Kamin rauchen, aber geh, wir sind hier nicht auf irgend einer
banalen Hitparaden-Rock-Party; also bleibt alles in vorzüglicher Ruhe zu der J.J. kleine jazzige
Noten spielt; wieder ein bißchen Klimperklavier und ein verhaltener Rhythmus dazu...
'You Got Me On So Bad' hätte besser 'I've Got Yous (Plural) On So Bad' geheißen, denn die 'Yous'
sind jetzt fertig mit dem Hören.
So also kommuniziert der Mann, der bei seinen Hörern keine unnötigen Worte braucht.

Im Endeffekt liefert dieses Werk also trotz seiner Verhaltenheit und Unaufgeregtheit genau jene
wohltemperierte Stimmung und Atmosphäre, die man ja von den ersten drei Alben schon sehr intus
hatte und von der man immer noch ein Schüppchen drauflegen wollte.

J.J. hat seinen Stil in den nächsten Jahrzehnten und bis zu seinem Tod immer nur leicht modernisiert,
wobei sich auf jedem Album immer wieder ein paar 'Hits' fanden, die den Ankauf empfehlenswert
machten.
Er hat sich nicht geändert und die Jungs an der Theke habens auch nicht.... Paßt Also!
Triskell
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 28.10.2026 - 20:30 Uhr  ·  #2
...und es passt noch immer! :-D

Hat Spaß gemacht deine Rezi zu lesen. 8)
Maddrax
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 29.10.2026 - 06:38 Uhr  ·  #3
ich denke, das war das Album mit dem ich JJ Cales Musik damals kennen gelernt habe
Gefällt mir immer noch gut
Ich mag alle Alben aus den 1970gern von JJ Cale und auch die drei von Anfang der 1980ger.
Die späteren kenne ich leider kaum
freaksound
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 29.10.2026 - 08:00 Uhr  ·  #4
jep, tolle Rezie die es auf unnachahmliche Art schafft, den "Vibe" rüber zu bringen.

Ich muss gestehen, JJ ist bei mir ziemlich stimmungsabhängig.
Die häufig sehr reduzierten Klänge kann ich nicht immer hören - aber wann ja : grandios !!
Ein fantastischer Songschreiber (und auf seine Weise) hervorragender Gitarrist.
Aus dem "Weniger ist Mehr" - Motto hat er ein großes Erbe gebastelt
Tom Cody
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 29.10.2026 - 08:13 Uhr  ·  #5
Jürgen, deine großartige Vorstellung hier hat mich eindeutig mehr beeindruckt als Mr. Cale selbst. Kenne ihn zwar, habe aber keine Tonträger von ihm. Musikalisich nicht so mein Feld. 🎸Danke für diese klasse Rezension ! 👍
badMoon
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 29.10.2026 - 16:05 Uhr  ·  #6
Das ist eine tolle Rezi! Besonders die Song-by-Song-Analyse gefällt mir ausgesprochen gut. Du nimmst einen richtig mit durch das Album, ohne dass es sich wie eine trockene musikalische Bestandsaufnahme liest. Dazu dieser feine Humor und die spürbare Begeisterung für Cales Musik – da kann ich mich an vielen Stellen bestens wiederfinden. Eine schöne Mischung aus persönlichem Erlebnis, musikalischem Gespür und Atmosphäre.

Bei JJ Cale fällt mir übrigens immer wieder auf, wie lässig seine Musik daherkommt und wie viel dabei trotzdem hängen bleibt. „Friday“ beispielsweise von der CD "5" habe ich ebenfalls als ausgesprochen schmissige Nummer in Erinnerung.

Die CD steht auch hier im Regal und gehört in meiner persönlichen Cale-Liste ziemlich weit nach oben!
frimp
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 30.10.2026 - 07:18 Uhr  ·  #7
Schöne Rezi, badger! J J Cale ist einer von den Musikern, die ich immer mochte. Diese coole Art Gitarre zu spielen, diese unaufgeregte Stimme!
Vor allem: es gibt manchmal Tage, da kann ich nicht wirklich Rockmusik hören. Dann brauche ich etwas, was mich nicht aufregt, was mich am Boden hält. Und dann bleibe ich immer wieder bei John Weldon Cale hängen.
Was seine Liveperformance angeht: ich hätte auch kaum einen „Devil in Disguise“ erwartet. 😉
badMoon
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 30.10.2026 - 11:12 Uhr  ·  #8
Zitat geschrieben von frimp

Schöne Rezi, badger! J J Cale ist einer von den Musikern, die ich immer mochte. Diese coole Art Gitarre zu spielen, diese unaufgeregte Stimme!
Vor allem: es gibt manchmal Tage, da kann ich nicht wirklich Rockmusik hören. Dann brauche ich etwas, was mich nicht aufregt, was mich am Boden hält. Und dann bleibe ich immer wieder bei John Weldon Cale hängen.
Was seine Liveperformance angeht: ich hätte auch kaum einen „Devil in Disguise“ erwartet. 😉


Hier muss ich kurz nachhaken.

Tatsächlich ertappe auch ich mich dabei, in letzter Zeit eher ruhige, harmonische oder ausgewogenere Musik zu hören. Das Nervenkostüm scheint nicht mehr so stressresistent zu sein :-/

Zur Liveperformance - im zweiten Absatz ("Kommt 'n Typ daher, steckt die Gitarre ein,...") hatte ich zunächst tatsächlich gedacht, hier kommt was über Van Morrison. Der alte Knarzbruder ist ja für solche Auftritte bekannt - habe ich selber zweimal erlebt. Aber - die Konzerte waren dann dennoch klasse.
badger
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 31.10.2026 - 10:47 Uhr  ·  #9
Schön, daß es hier ein gewisses Interesse an dem großen Schweiger aus Tulsa gibt und so danke
nicht nur ich Euch allen, sondern auch J.J. hat angerufen (von wo immer er auch sein mag) und
bedankt sich ganz ausdrücklich bei allen seinen Fans.

Aber IM ERNST; wer einen 'anderen' Cale kennenlernen will, dem empfehle ich die ganz hervorragende
Doku und Tourbegleitung 'Back To Tulsa' (2003, 90 min.). Die konnte man mal in voller Länge bei
YouTube runterladen...

Cale redet da eine ganze Menge, natürlich kein unnützes oder dummes Zeugs, sondern immer auch
wieder auf sinnvolle Fragen und Themen eingehend.

Für mich bleibt er einer der ganz wenigen, die auf eine so verhaltene Art abrocken können, daß man
die eigenen sich bewegenden Beine nicht wahrnimmt.
Wobei 'verhalten' nicht 'minimalistisch' ist.
Es kommt immer noch ein raumfüllender und kraftvoller Klang dabei raus.
Und der nutzt sich nie ab!
Triskell
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 31.10.2026 - 20:05 Uhr  ·  #10
Zitat geschrieben von badger

Schön, daß es hier ein gewisses Interesse an dem großen Schweiger aus Tulsa gibt und so danke
nicht nur ich Euch allen, sondern auch J.J. hat angerufen (von wo immer er auch sein mag) und
bedankt sich ganz ausdrücklich bei allen seinen Fans.

Aber IM ERNST; wer einen 'anderen' Cale kennenlernen will, dem empfehle ich die ganz hervorragende
Doku und Tourbegleitung 'Back To Tulsa' (2003, 90 min.). Die konnte man mal in voller Länge bei
YouTube runterladen...

Cale redet da eine ganze Menge, natürlich kein unnützes oder dummes Zeugs, sondern immer auch
wieder auf sinnvolle Fragen und Themen eingehend.

Für mich bleibt er einer der ganz wenigen, die auf eine so verhaltene Art abrocken können, daß man
die eigenen sich bewegenden Beine nicht wahrnimmt.
Wobei 'verhalten' nicht 'minimalistisch' ist.
Es kommt immer noch ein raumfüllender und kraftvoller Klang dabei raus.
Und der nutzt sich nie ab!


Hat scheinbar nichts mit "To Tulsa and Back" von 2008, 167 Min. zu tun, oder ist das eine gekürzte Fassung?
Die steht bei mir und ist eine Special Tribute Edition. 8)
badger
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Re: J.J. Cale - Troubadour

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Gepostet: 01.11.2026 - 10:02 Uhr  ·  #11
Zitat geschrieben von Triskell


Hat scheinbar nichts mit "To Tulsa and Back" von 2008, 167 Min. zu tun, oder ist das eine gekürzte Fassung?
Die steht bei mir und ist eine Special Tribute Edition. 8)


Was ich vorliegen habe heißt 'To Tulsa and Back On Tour with J.J Cale'; Kick Films; Länge 131 Min; beginnt damit, daß
J. J.von hinten gefilmt auf die Bühne kommt. Ist eine Mischung von 'On The Road'-Bildern, Musik und vielen Aussagen
von Cale und Weggefährten. Vermutlich hast Du eine noch ausführlichere Version, wenns schon 'Special Tribute' heißt.
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