SIMPLE MINDS vs. U2
Zwei Bands, zwei Wege durch fast fünf Jahrzehnte
Beide Bands gehören nicht unbedingt zu den Vorlieben der User dieses Forums. Beide begleiten mich jedoch schon seit vielen Jahren – früher allerdings weit intensiver als heute. Immer wieder habe ich mich zwischendurch gefragt, welche der beiden bei mir eigentlich nachhaltiger geblieben ist, welche ich heute noch gerne höre und warum das so ist.
SIMPLE MINDS und U2 gehören für mich zu einer musikalischen Zeit, in der noch vieles in Bewegung war. Beide Bands wurden Ende der 70er Jahre gegründet, U2 1976 in Dublin, die SIMPLE MINDS ein Jahr später in Glasgow. Beide kamen aus jener aufregenden Post-Punk- und New-Wave-Szene, in der die Grenzen zwischen Punk, Rock, Elektronik und Art-Rock plötzlich durchlässig wurden. Beide waren zunächst weit davon entfernt, jene großen Rockinstitutionen zu sein, die sie später werden sollten.
Ich habe beide Bands damals verfolgt und fand die SIMPLE MINDS zunächst eindeutig interessanter. Nicht unbedingt, weil mir U2 weniger gefallen hätten. Aber die SIMPLE MINDS hatten für mich etwas Geheimnisvolleres, Experimentelleres und schwerer Greifbares.
Vor allem „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ ist mir bis heute als das eigentliche Highlight dieser frühen SIMPLE MINDS im Gedächtnis geblieben. Das Album beziehungsweise Doppelwerk hatte eine ganz eigene Atmosphäre. Elektronik und Gitarren, treibende Rhythmen, ungewöhnliche Klangflächen und Jim Kerrs Stimme ergaben eine Mischung, die damals für mich ziemlich eigenständig klang.
Es war Musik, die nicht unbedingt beim ersten Hören alles preisgab. Und genau das machte sie interessant. Die SIMPLE MINDS schienen noch auf der Suche zu sein, ohne genau zu wissen, wo diese Suche enden würde. Heute glaube ich, dass gerade diese Ungewissheit einen großen Teil ihrer damaligen Faszination ausmachte.
U2 waren zu dieser Zeit ebenfalls längst keine gewöhnliche Rockband mehr. "Boy", "October" und "War" zeigten bereits eine eigene Handschrift. Trotzdem hatte ich bei den SIMPLE MINDS zunächst stärker das Gefühl, dass hier musikalisch noch etwas passieren konnte, mit dem ich nicht unbedingt rechnete. U2 wirkten geschlossener, konzentrierter, vielleicht auch zielgerichteter. Und rückblickend betrachtet war genau das möglicherweise schon ein Hinweis auf die sehr unterschiedliche Entwicklung, die beide Bands später nehmen sollten.
Mit "New Gold Dream" erreichten die SIMPLE MINDS für mich noch einmal einen ganz besonderen Punkt. Die Band war zugänglicher geworden, ohne ihre Eigenständigkeit vollständig verloren zu haben. Die Songs waren melodischer, eleganter und gleichzeitig noch immer von dieser besonderen Atmosphäre geprägt. Für mich war "New Gold Dream" allerdings weniger ein neuer Anfang als vielmehr der letzte große Höhepunkt einer Entwicklung, die mit "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" ihren spannendsten Punkt erreicht hatte.
Danach wurde mir die Musik zunehmend zu kommerziell. "Sparkle in the Rain", "Once Upon a Time" und natürlich Don't You (Forget About Me) machten die SIMPLE MINDS zu einer internationalen Spitzenband. Aus der eigenwilligen schottischen Gruppe war eine große Rockband geworden, die genau wusste, wie man große Melodien, große Refrains und große Bühnen bedient.
Ich habe diese Entwicklung damals eher als Verlust empfunden. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Denn kommerzieller bedeutet keineswegs automatisch schlechter. Die SIMPLE MINDS haben auch später noch eine ganze Reihe hervorragender Songs geschrieben und aufgenommen. Und gerade aus der Perspektive eines HiFi-Hörers muss man ihnen sogar zugestehen, dass viele dieser späteren Produktionen ausgesprochen gut gemacht sind. Die großen Synthesizerflächen, die druckvollen Drums, die kräftigen Bässe und die weit aufgefächerten Arrangements können auf einer guten Anlage ausgesprochen beeindruckend klingen.
Musikalisch hatten sie mich trotzdem irgendwann verloren. Die Band, die mich mit "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" fasziniert hatte, war nicht mehr dieselbe Band, die ich hören wollte. Vielleicht war sie sogar genau das geworden, was eine erfolgreiche Band zwangsläufig irgendwann werden muss: professioneller, sicherer und berechenbarer.
Während ich mich von den SIMPLE MINDS langsam entfernte, entwickelten sich U2 in eine Richtung, die mich im Rückblick mehr beeindruckt als damals. Mit "The Joshua Tree" wurden sie endgültig zu einer Weltband. Eigentlich wäre danach der Zeitpunkt gewesen, an dem man sich bequem zurücklehnen und das Erfolgsrezept wiederholen konnte.
Doch U2 taten genau das nicht.
Mit "Achtung Baby" veränderten sie ihren Sound erheblich. Elektronik, Dance-Einflüsse, neue Klangbilder und eine ganz andere visuelle Sprache hielten Einzug. Die anschließende Zoo-TV-Tour machte aus dem klassischen Rockkonzert beinahe ein multimediales Gesamtereignis. U2 waren plötzlich nicht einfach nur eine größere Version ihrer selbst.
Genau hier liegt für mich rückblickend der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Bands: Die SIMPLE MINDS hatten irgendwann ihren Sound gefunden und perfektionierten ihn. U2 schienen ihren Sound immer wieder infrage stellen zu wollen.
Das bedeutet nicht, dass bei U2 anschließend alles großartig gewesen wäre. Auch ihre Diskografie kennt Höhen und Tiefen. Und auch die SIMPLE MINDS haben nach "New Gold Dream" keineswegs nur belanglose Musik veröffentlicht. Aber die grundsätzliche Entwicklung ist doch deutlich. Die SIMPLE MINDS wurden immer besser darin, SIMPLE MINDS zu sein. U2 dagegen wollten immer wieder herausfinden, was U2 überhaupt sein könnten.
Dazu passt auch die personelle Entwicklung. U2 sind über Jahrzehnte im Kern dieselben vier Musiker geblieben: Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. Diese Konstanz ist außergewöhnlich. Bei den SIMPLE MINDS blieben Jim Kerr und Charlie Burchill zwar die beiden wesentlichen Konstanten, aber die Besetzung um sie herum veränderte sich immer wieder. Dadurch entstand irgendwann ein anderer Eindruck. U2 wirkten weiterhin wie eine ganz bestimmte Band, während die SIMPLE MINDS zunehmend wie Jim Kerr und Charlie Burchill mit einer jeweils passenden Mannschaft erschienen.
Und damit sind wir bei den beiden Frontmännern. Denn bei aller musikalischen Betrachtung kann man die persönliche Wahrnehmung einer Band natürlich nicht vollständig von ihren Protagonisten trennen.
Sowohl Jim Kerr als auch Bono haben bei mir mit ihrem gelegentlich ziemlich pathetischen Auftreten einen gewissen Nervfaktor. Dieses typische Rock-Frontmann-Gehabe kann mir bei beiden schon einmal auf die Zeiger gehen. Bei Kerr bleibt es für mich allerdings eher eine Frage des Auftretens. Bei Bono ist im Laufe der Jahre noch etwas anderes hinzugekommen.
Was mir Bono zunehmend unsympathisch gemacht hat, ist sein Auftreten als eine Art Weltverbesserer oder moralische Instanz. Dabei möchte ich sein gesellschaftliches Engagement keineswegs kleinreden. Bono hat sich über Jahrzehnte für Entwicklungshilfe, Schuldenerlass und die Bekämpfung von Armut eingesetzt und entsprechende Kampagnen unterstützt. Er hat damit zweifellos Aufmerksamkeit für diese Themen erzeugt.
Nur entsteht für mich ein Widerspruch, wenn ein solcher moralischer Anspruch mit dem eigenen Umgang mit Geld kollidiert. 2006 verlegte U2 Teile ihres Musikverlagsgeschäfts von Irland in die Niederlande, nachdem die steuerlichen Regelungen für Künstler in Irland geändert worden waren. Dadurch konnte die steuerliche Belastung bestimmter Einnahmen reduziert werden. Der Schritt wurde seinerzeit gerade deshalb heftig kritisiert, weil Bono gleichzeitig sehr prominent für internationale Entwicklungshilfe und Schuldenerlass eintrat.
Dabei würde ich allerdings nicht pauschal behaupten, Bono oder U2 hätten „Steuern hinterzogen“. Das wäre eine unzulässige Verkürzung. U2 argumentierten, die gewählte Konstruktion sei legal und steuerkonform. Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Trotzdem bleibt bei mir ein ungutes Gefühl. Legal und überzeugend sind schließlich nicht unbedingt dasselbe. Wenn jemand öffentlich einen hohen moralischen Anspruch vertritt, darf man meiner Meinung nach auch darauf schauen, ob das eigene wirtschaftliche Handeln dazu passt. Und bei Bono empfinde ich hier eine gewisse Diskrepanz. Das hat seine musikalischen Leistungen für mich nie geschmälert, aber es hat meine persönliche Sympathie für ihn durchaus verändert.
Bei Jim Kerr empfinde ich das Pathetische ebenfalls gelegentlich als anstrengend. Aber bei ihm bleibt es stärker bei der Pose des Rockstars. Bei Bono kommt durch sein gesellschaftspolitisches Auftreten eine zusätzliche Ebene hinzu. Vielleicht wirkt deshalb manches bei ihm auf mich stärker aufgesetzt.
Trotzdem sollte man Musiker und Musik voneinander trennen können. U2 haben musikalisch eine Entwicklung hingelegt, die ich unabhängig von meiner persönlichen Wahrnehmung Bonos bemerkenswert finde. Und die SIMPLE MINDS haben trotz ihrer späteren kommerzielleren Ausrichtung eine erstaunliche Langlebigkeit bewiesen.
Auch live haben sich die Wege der beiden Bands unterschiedlich entwickelt. Die SIMPLE MINDS sind keineswegs eine abgehalfterte Altband, die nur noch durch kleinere Hallen tingelt. Sie spielen weiterhin große Arenen und verfügen über ein treues Publikum. Aber bei ihren heutigen Tourneen schwingt naturgemäß stärker die eigene Geschichte mit. Die großen Klassiker gehören zum Programm, und das Publikum weiß ziemlich genau, was es erwartet.
U2 sind dagegen längst zu einem globalen Ereignis geworden. Die Konzerte in der Sphere in Las Vegas haben das noch einmal eindrucksvoll gezeigt. Das ist natürlich eine andere Größenordnung. U2 verbinden ihre Musik inzwischen mit einer technischen und visuellen Inszenierung, die weit über das klassische Rockkonzert hinausgeht. Das passt wiederum erstaunlich gut zu ihrer Geschichte, denn schon mit Zoo-TV hatten sie gezeigt, dass sie bereit waren, die Grenzen des traditionellen Rockkonzerts zu verschieben.
Und trotzdem würde ich die heutige Situation der SIMPLE MINDS nicht einfach abtun. Vielleicht ist es sogar interessant, dass die Band inzwischen wieder stärker auf ihre frühen Jahre blickt. Denn gerade wenn man "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" kennt, weiß man, welches Potenzial in dieser Band einmal steckte. Ob sich diese frühe Atmosphäre nach fast fünf Jahrzehnten noch einmal einfangen lässt, ist natürlich eine andere Frage.
Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht.
Denn eine Band darf sich verändern. Das Problem entsteht erst dann, wenn man selbst nicht mehr mit dieser Veränderung mitgeht. Und genau das ist bei mir mit den SIMPLE MINDS passiert. Die Band hat sich weiterentwickelt – ich bin irgendwann ausgestiegen.
Bei U2 war es eher umgekehrt. Ich habe nicht jede Entwicklung mitgemacht und längst nicht jedes Album gleich intensiv verfolgt. Aber ihre Bereitschaft, sich immer wieder zu verändern, hat dafür gesorgt, dass mein Interesse nie vollständig verschwunden ist.
Wenn ich heute beide Geschichten nebeneinanderlege, muss ich deshalb meine damalige Sympathie für die SIMPLE MINDS nicht korrigieren. Im Gegenteil: Ich verstehe sie heute sogar besser. „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ fasziniert mich nach wie vor, gerade weil dort eine Band zu hören ist, die noch nicht genau weiß, wohin sie will. "New Gold Dream" war für mich der letzte große Schritt dieser frühen SIMPLE MINDS. Danach wurde es größer, kommerzieller und perfekter. Und vieles davon klingt, gerade unter HiFi-Gesichtspunkten, sogar ausgesprochen gut.
U2 haben dagegen die größere Geschichte geschrieben. Sie waren langfristig erfolgreicher, haben sich immer wieder neu erfunden und sind zu einer der prägenden Rockbands ihrer Generation geworden. Die SIMPLE MINDS haben ebenfalls eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, aber sie wurden stärker zu Bewahrern ihres eigenen Sounds.
Vielleicht lässt sich der Unterschied deshalb am einfachsten so beschreiben: Die SIMPLE MINDS fanden irgendwann ihren Sound. U2 fanden ihren Sound immer wieder neu.
Wenn ich heute auf diese beiden Bands zurückblicke, ist die Antwort auf meine damalige Frage eigentlich gar nicht so eindeutig, wie ich zunächst dachte. U2 haben zweifellos die größere Geschichte geschrieben, sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden und damit ihre Bedeutung bewahrt. Die SIMPLE MINDS dagegen haben für mich einen Teil ihrer ursprünglichen Faszination irgendwann verloren.
Trotzdem sind es ausgerechnet die frühen SIMPLE MINDS, zu denen ich heute noch mit dem größten Vergnügen zurückkehre. Vor allem „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ ist für mich bis heute ein Werk, das etwas besitzt, was sich mit Erfolg, Verkaufszahlen oder der Größe einer Band nur schwer messen lässt. Diese Mischung aus Atmosphäre, Eigenständigkeit und musikalischer Unberechenbarkeit hat die Jahre überdauert.
Vielleicht liegt darin auch die Antwort auf meine ursprüngliche Frage. Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht unbedingt, dass eine Band fünf Jahrzehnte lang erfolgreich bleibt oder immer wieder große Hallen füllt. Nachhaltiger ist vielleicht das, was irgendwann einmal einen festen Platz im eigenen musikalischen Gedächtnis gefunden hat.
Bei U2 ist es vor allem die beeindruckende Entwicklung einer Band, die mich heute noch interessiert. Bei den SIMPLE MINDS ist es ein ganz bestimmter Abschnitt ihrer Geschichte, zu dem ich immer wieder zurückkehre.
Vielleicht ist das am Ende die schönere Erkenntnis: Man muss sich gar nicht entscheiden, welche der beiden Bands die „bessere“ war. U2 haben die größere Geschichte geschrieben. Die SIMPLE MINDS haben mir einige der interessanteren Momente meiner eigenen Musikgeschichte geschenkt.
Wenn ich heute wissen möchte, welche von beiden bei mir nachhaltiger geblieben ist, brauche ich eigentlich nur „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ aufzulegen.
Dann ist die Antwort ziemlich schnell da.
Zwei Bands, zwei Wege durch fast fünf Jahrzehnte
Beide Bands gehören nicht unbedingt zu den Vorlieben der User dieses Forums. Beide begleiten mich jedoch schon seit vielen Jahren – früher allerdings weit intensiver als heute. Immer wieder habe ich mich zwischendurch gefragt, welche der beiden bei mir eigentlich nachhaltiger geblieben ist, welche ich heute noch gerne höre und warum das so ist.
SIMPLE MINDS und U2 gehören für mich zu einer musikalischen Zeit, in der noch vieles in Bewegung war. Beide Bands wurden Ende der 70er Jahre gegründet, U2 1976 in Dublin, die SIMPLE MINDS ein Jahr später in Glasgow. Beide kamen aus jener aufregenden Post-Punk- und New-Wave-Szene, in der die Grenzen zwischen Punk, Rock, Elektronik und Art-Rock plötzlich durchlässig wurden. Beide waren zunächst weit davon entfernt, jene großen Rockinstitutionen zu sein, die sie später werden sollten.
Ich habe beide Bands damals verfolgt und fand die SIMPLE MINDS zunächst eindeutig interessanter. Nicht unbedingt, weil mir U2 weniger gefallen hätten. Aber die SIMPLE MINDS hatten für mich etwas Geheimnisvolleres, Experimentelleres und schwerer Greifbares.
Vor allem „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ ist mir bis heute als das eigentliche Highlight dieser frühen SIMPLE MINDS im Gedächtnis geblieben. Das Album beziehungsweise Doppelwerk hatte eine ganz eigene Atmosphäre. Elektronik und Gitarren, treibende Rhythmen, ungewöhnliche Klangflächen und Jim Kerrs Stimme ergaben eine Mischung, die damals für mich ziemlich eigenständig klang.
Es war Musik, die nicht unbedingt beim ersten Hören alles preisgab. Und genau das machte sie interessant. Die SIMPLE MINDS schienen noch auf der Suche zu sein, ohne genau zu wissen, wo diese Suche enden würde. Heute glaube ich, dass gerade diese Ungewissheit einen großen Teil ihrer damaligen Faszination ausmachte.
U2 waren zu dieser Zeit ebenfalls längst keine gewöhnliche Rockband mehr. "Boy", "October" und "War" zeigten bereits eine eigene Handschrift. Trotzdem hatte ich bei den SIMPLE MINDS zunächst stärker das Gefühl, dass hier musikalisch noch etwas passieren konnte, mit dem ich nicht unbedingt rechnete. U2 wirkten geschlossener, konzentrierter, vielleicht auch zielgerichteter. Und rückblickend betrachtet war genau das möglicherweise schon ein Hinweis auf die sehr unterschiedliche Entwicklung, die beide Bands später nehmen sollten.
Mit "New Gold Dream" erreichten die SIMPLE MINDS für mich noch einmal einen ganz besonderen Punkt. Die Band war zugänglicher geworden, ohne ihre Eigenständigkeit vollständig verloren zu haben. Die Songs waren melodischer, eleganter und gleichzeitig noch immer von dieser besonderen Atmosphäre geprägt. Für mich war "New Gold Dream" allerdings weniger ein neuer Anfang als vielmehr der letzte große Höhepunkt einer Entwicklung, die mit "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" ihren spannendsten Punkt erreicht hatte.
Danach wurde mir die Musik zunehmend zu kommerziell. "Sparkle in the Rain", "Once Upon a Time" und natürlich Don't You (Forget About Me) machten die SIMPLE MINDS zu einer internationalen Spitzenband. Aus der eigenwilligen schottischen Gruppe war eine große Rockband geworden, die genau wusste, wie man große Melodien, große Refrains und große Bühnen bedient.
Ich habe diese Entwicklung damals eher als Verlust empfunden. Heute sehe ich das etwas differenzierter. Denn kommerzieller bedeutet keineswegs automatisch schlechter. Die SIMPLE MINDS haben auch später noch eine ganze Reihe hervorragender Songs geschrieben und aufgenommen. Und gerade aus der Perspektive eines HiFi-Hörers muss man ihnen sogar zugestehen, dass viele dieser späteren Produktionen ausgesprochen gut gemacht sind. Die großen Synthesizerflächen, die druckvollen Drums, die kräftigen Bässe und die weit aufgefächerten Arrangements können auf einer guten Anlage ausgesprochen beeindruckend klingen.
Musikalisch hatten sie mich trotzdem irgendwann verloren. Die Band, die mich mit "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" fasziniert hatte, war nicht mehr dieselbe Band, die ich hören wollte. Vielleicht war sie sogar genau das geworden, was eine erfolgreiche Band zwangsläufig irgendwann werden muss: professioneller, sicherer und berechenbarer.
Während ich mich von den SIMPLE MINDS langsam entfernte, entwickelten sich U2 in eine Richtung, die mich im Rückblick mehr beeindruckt als damals. Mit "The Joshua Tree" wurden sie endgültig zu einer Weltband. Eigentlich wäre danach der Zeitpunkt gewesen, an dem man sich bequem zurücklehnen und das Erfolgsrezept wiederholen konnte.
Doch U2 taten genau das nicht.
Mit "Achtung Baby" veränderten sie ihren Sound erheblich. Elektronik, Dance-Einflüsse, neue Klangbilder und eine ganz andere visuelle Sprache hielten Einzug. Die anschließende Zoo-TV-Tour machte aus dem klassischen Rockkonzert beinahe ein multimediales Gesamtereignis. U2 waren plötzlich nicht einfach nur eine größere Version ihrer selbst.
Genau hier liegt für mich rückblickend der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Bands: Die SIMPLE MINDS hatten irgendwann ihren Sound gefunden und perfektionierten ihn. U2 schienen ihren Sound immer wieder infrage stellen zu wollen.
Das bedeutet nicht, dass bei U2 anschließend alles großartig gewesen wäre. Auch ihre Diskografie kennt Höhen und Tiefen. Und auch die SIMPLE MINDS haben nach "New Gold Dream" keineswegs nur belanglose Musik veröffentlicht. Aber die grundsätzliche Entwicklung ist doch deutlich. Die SIMPLE MINDS wurden immer besser darin, SIMPLE MINDS zu sein. U2 dagegen wollten immer wieder herausfinden, was U2 überhaupt sein könnten.
Dazu passt auch die personelle Entwicklung. U2 sind über Jahrzehnte im Kern dieselben vier Musiker geblieben: Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. Diese Konstanz ist außergewöhnlich. Bei den SIMPLE MINDS blieben Jim Kerr und Charlie Burchill zwar die beiden wesentlichen Konstanten, aber die Besetzung um sie herum veränderte sich immer wieder. Dadurch entstand irgendwann ein anderer Eindruck. U2 wirkten weiterhin wie eine ganz bestimmte Band, während die SIMPLE MINDS zunehmend wie Jim Kerr und Charlie Burchill mit einer jeweils passenden Mannschaft erschienen.
Und damit sind wir bei den beiden Frontmännern. Denn bei aller musikalischen Betrachtung kann man die persönliche Wahrnehmung einer Band natürlich nicht vollständig von ihren Protagonisten trennen.
Sowohl Jim Kerr als auch Bono haben bei mir mit ihrem gelegentlich ziemlich pathetischen Auftreten einen gewissen Nervfaktor. Dieses typische Rock-Frontmann-Gehabe kann mir bei beiden schon einmal auf die Zeiger gehen. Bei Kerr bleibt es für mich allerdings eher eine Frage des Auftretens. Bei Bono ist im Laufe der Jahre noch etwas anderes hinzugekommen.
Was mir Bono zunehmend unsympathisch gemacht hat, ist sein Auftreten als eine Art Weltverbesserer oder moralische Instanz. Dabei möchte ich sein gesellschaftliches Engagement keineswegs kleinreden. Bono hat sich über Jahrzehnte für Entwicklungshilfe, Schuldenerlass und die Bekämpfung von Armut eingesetzt und entsprechende Kampagnen unterstützt. Er hat damit zweifellos Aufmerksamkeit für diese Themen erzeugt.
Nur entsteht für mich ein Widerspruch, wenn ein solcher moralischer Anspruch mit dem eigenen Umgang mit Geld kollidiert. 2006 verlegte U2 Teile ihres Musikverlagsgeschäfts von Irland in die Niederlande, nachdem die steuerlichen Regelungen für Künstler in Irland geändert worden waren. Dadurch konnte die steuerliche Belastung bestimmter Einnahmen reduziert werden. Der Schritt wurde seinerzeit gerade deshalb heftig kritisiert, weil Bono gleichzeitig sehr prominent für internationale Entwicklungshilfe und Schuldenerlass eintrat.
Dabei würde ich allerdings nicht pauschal behaupten, Bono oder U2 hätten „Steuern hinterzogen“. Das wäre eine unzulässige Verkürzung. U2 argumentierten, die gewählte Konstruktion sei legal und steuerkonform. Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Trotzdem bleibt bei mir ein ungutes Gefühl. Legal und überzeugend sind schließlich nicht unbedingt dasselbe. Wenn jemand öffentlich einen hohen moralischen Anspruch vertritt, darf man meiner Meinung nach auch darauf schauen, ob das eigene wirtschaftliche Handeln dazu passt. Und bei Bono empfinde ich hier eine gewisse Diskrepanz. Das hat seine musikalischen Leistungen für mich nie geschmälert, aber es hat meine persönliche Sympathie für ihn durchaus verändert.
Bei Jim Kerr empfinde ich das Pathetische ebenfalls gelegentlich als anstrengend. Aber bei ihm bleibt es stärker bei der Pose des Rockstars. Bei Bono kommt durch sein gesellschaftspolitisches Auftreten eine zusätzliche Ebene hinzu. Vielleicht wirkt deshalb manches bei ihm auf mich stärker aufgesetzt.
Trotzdem sollte man Musiker und Musik voneinander trennen können. U2 haben musikalisch eine Entwicklung hingelegt, die ich unabhängig von meiner persönlichen Wahrnehmung Bonos bemerkenswert finde. Und die SIMPLE MINDS haben trotz ihrer späteren kommerzielleren Ausrichtung eine erstaunliche Langlebigkeit bewiesen.
Auch live haben sich die Wege der beiden Bands unterschiedlich entwickelt. Die SIMPLE MINDS sind keineswegs eine abgehalfterte Altband, die nur noch durch kleinere Hallen tingelt. Sie spielen weiterhin große Arenen und verfügen über ein treues Publikum. Aber bei ihren heutigen Tourneen schwingt naturgemäß stärker die eigene Geschichte mit. Die großen Klassiker gehören zum Programm, und das Publikum weiß ziemlich genau, was es erwartet.
U2 sind dagegen längst zu einem globalen Ereignis geworden. Die Konzerte in der Sphere in Las Vegas haben das noch einmal eindrucksvoll gezeigt. Das ist natürlich eine andere Größenordnung. U2 verbinden ihre Musik inzwischen mit einer technischen und visuellen Inszenierung, die weit über das klassische Rockkonzert hinausgeht. Das passt wiederum erstaunlich gut zu ihrer Geschichte, denn schon mit Zoo-TV hatten sie gezeigt, dass sie bereit waren, die Grenzen des traditionellen Rockkonzerts zu verschieben.
Und trotzdem würde ich die heutige Situation der SIMPLE MINDS nicht einfach abtun. Vielleicht ist es sogar interessant, dass die Band inzwischen wieder stärker auf ihre frühen Jahre blickt. Denn gerade wenn man "Sons And Fascination / Sister Feelings Call" kennt, weiß man, welches Potenzial in dieser Band einmal steckte. Ob sich diese frühe Atmosphäre nach fast fünf Jahrzehnten noch einmal einfangen lässt, ist natürlich eine andere Frage.
Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht.
Denn eine Band darf sich verändern. Das Problem entsteht erst dann, wenn man selbst nicht mehr mit dieser Veränderung mitgeht. Und genau das ist bei mir mit den SIMPLE MINDS passiert. Die Band hat sich weiterentwickelt – ich bin irgendwann ausgestiegen.
Bei U2 war es eher umgekehrt. Ich habe nicht jede Entwicklung mitgemacht und längst nicht jedes Album gleich intensiv verfolgt. Aber ihre Bereitschaft, sich immer wieder zu verändern, hat dafür gesorgt, dass mein Interesse nie vollständig verschwunden ist.
Wenn ich heute beide Geschichten nebeneinanderlege, muss ich deshalb meine damalige Sympathie für die SIMPLE MINDS nicht korrigieren. Im Gegenteil: Ich verstehe sie heute sogar besser. „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ fasziniert mich nach wie vor, gerade weil dort eine Band zu hören ist, die noch nicht genau weiß, wohin sie will. "New Gold Dream" war für mich der letzte große Schritt dieser frühen SIMPLE MINDS. Danach wurde es größer, kommerzieller und perfekter. Und vieles davon klingt, gerade unter HiFi-Gesichtspunkten, sogar ausgesprochen gut.
U2 haben dagegen die größere Geschichte geschrieben. Sie waren langfristig erfolgreicher, haben sich immer wieder neu erfunden und sind zu einer der prägenden Rockbands ihrer Generation geworden. Die SIMPLE MINDS haben ebenfalls eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, aber sie wurden stärker zu Bewahrern ihres eigenen Sounds.
Vielleicht lässt sich der Unterschied deshalb am einfachsten so beschreiben: Die SIMPLE MINDS fanden irgendwann ihren Sound. U2 fanden ihren Sound immer wieder neu.
Wenn ich heute auf diese beiden Bands zurückblicke, ist die Antwort auf meine damalige Frage eigentlich gar nicht so eindeutig, wie ich zunächst dachte. U2 haben zweifellos die größere Geschichte geschrieben, sich über Jahrzehnte immer wieder neu erfunden und damit ihre Bedeutung bewahrt. Die SIMPLE MINDS dagegen haben für mich einen Teil ihrer ursprünglichen Faszination irgendwann verloren.
Trotzdem sind es ausgerechnet die frühen SIMPLE MINDS, zu denen ich heute noch mit dem größten Vergnügen zurückkehre. Vor allem „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ ist für mich bis heute ein Werk, das etwas besitzt, was sich mit Erfolg, Verkaufszahlen oder der Größe einer Band nur schwer messen lässt. Diese Mischung aus Atmosphäre, Eigenständigkeit und musikalischer Unberechenbarkeit hat die Jahre überdauert.
Vielleicht liegt darin auch die Antwort auf meine ursprüngliche Frage. Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht unbedingt, dass eine Band fünf Jahrzehnte lang erfolgreich bleibt oder immer wieder große Hallen füllt. Nachhaltiger ist vielleicht das, was irgendwann einmal einen festen Platz im eigenen musikalischen Gedächtnis gefunden hat.
Bei U2 ist es vor allem die beeindruckende Entwicklung einer Band, die mich heute noch interessiert. Bei den SIMPLE MINDS ist es ein ganz bestimmter Abschnitt ihrer Geschichte, zu dem ich immer wieder zurückkehre.
Vielleicht ist das am Ende die schönere Erkenntnis: Man muss sich gar nicht entscheiden, welche der beiden Bands die „bessere“ war. U2 haben die größere Geschichte geschrieben. Die SIMPLE MINDS haben mir einige der interessanteren Momente meiner eigenen Musikgeschichte geschenkt.
Wenn ich heute wissen möchte, welche von beiden bei mir nachhaltiger geblieben ist, brauche ich eigentlich nur „Sons And Fascination / Sister Feelings Call“ aufzulegen.
Dann ist die Antwort ziemlich schnell da.
Musikalisch gesehen, bin ich bei Mr. Upduff, aber auch bei Triskell. Weder die Simple Minds, noch U2, stehen bei mir hoch im Kurs.
" Don't You " von den Simple Minds als Soundtrack vom " Breakfast Club ' (1985) gefällt mir gut.
Umso mehr freut es mich, dass sich sogar diejenigen zu Wort gemeldet haben, die mit den beiden musikalisch eher wenig bis überhaupt nichts anfangen können. Dass man sich dann trotzdem durch so einen langen Beitrag kämpft – oder zumindest tapfer hineinschaut – verdient natürlich besonderen Respekt.
Das kann ich durchaus nachvollziehen. Zumal ja auch nicht jeder mit den beiden Bands sonderlich viel anfangen kann.