Im sogenannten Mainstream-Radio hörte ich in den letzten Tagen tatsächlich gleich vier verschiedene Songs von Neil Young. Für die heutige Radiolandschaft empfinde ich das als durchaus bemerkenswert. Weniger überraschend hingegen: Kein einziger dieser Titel stammte von dem Album, um das es hier gehen soll. Vielleicht erklärt das auch, weshalb meine bisherigen Vorstellungen dieser Scheibe im Forum eher ein Schattendasein führten und kaum Resonanz hervorriefen.
Nicht minder erstaunt war ich vor einiger Zeit über die Aussage eines Freundes, Neil Young „könne doch nichts“. Eine bemerkenswerte Einschätzung für einen Musiker, dessen Karriere bereits 1966 mit BUFFALO SPRINGFIELD begann und der seit 1968 in schöner Regelmäßigkeit Soloalben veröffentlicht. Über nahezu sechs Jahrzehnte hinweg relevant zu bleiben, unterschiedlichste musikalische Wege zu beschreiten und Generationen von Musikern zu beeinflussen, dürfte kaum gelingen, wenn man nichts kann.
Wie auch immer – die im Radio gespielten Songs sorgten jedenfalls dafür, dass ich mich an ein Album erinnerte, das schon viel zu lange unbeachtet im Regal gestanden hatte. Also wurde die CD hervorgeholt, der Player in Betrieb genommen und eine Wiederbegegnung gestartet, die mir große Freude bereitet hat.
NEIL YOUNG AND CRAZY HORSE – Sleeps With Angels | USA 1994 | Rock, Folk Rock
Da sich zu jener Zeit bereits eine stattliche Anzahl von Neil-Young-Alben im Regal befand, bedurfte es keiner langen Überlegungen: Auch dieses Werk wurde unmittelbar nach seinem Erscheinen angeschafft. Schließlich befand sich Young Mitte der 90er Jahre in einer kreativen Phase, in der kaum eine Veröffentlichung enttäuschte. Umso erstaunlicher ist es rückblickend, wie selten gerade dieses Album heute noch erwähnt wird.
Dabei steckt in "Sleeps With Angels" vieles von dem, was Neil Young so einzigartig macht. Melancholie und Härte. Zerbrechlichkeit und Lärm. Schlichte Folk-Momente und jene elektrisch aufgeladenen Gitarrenlandschaften, die nur er gemeinsam mit CRAZY HORSE erschaffen konnte. Das Album wirkt dabei wie aus einem Guss, dunkel in seiner Grundstimmung, aber niemals hoffnungslos.
Mit diesem Werk verbindet sich zudem ein trauriges Kapitel der Rockgeschichte. Als Kurt Cobain im April 1994 seinem Leben ein Ende setzte, zitierte er in seinem Abschiedsbrief die bekannte Zeile „It's better to burn out than to fade away“ aus Youngs Klassiker My My, Hey Hey (Out Of The Blue) beziehungsweise Hey Hey, My My (Into The Black). Young zeigte sich von Cobains Tod tief betroffen. Der Titelsong Sleeps With Angels gilt vielen als seine musikalische Reaktion auf dieses Ereignis. Das Thema wird jedoch nie plakativ behandelt. Vielmehr liegt über dem gesamten Album eine gewisse Nachdenklichkeit, die sich durch viele der Stücke zieht.
Bereits mit Driveby zeigt Young eine seiner großen Stärken: Aus scheinbar einfachen Mitteln entsteht eine Atmosphäre, die den Hörer sofort gefangen nimmt. Die Gitarren schleichen sich heran, die Melodie bleibt hängen, und über allem schwebt diese unverwechselbare Stimme, die man entweder liebt oder niemals verstehen wird.
Einer der schönsten Titel des Albums folgt für mich mit Western Hero. Ein ruhiger, fast nachdenklicher Song, der hervorragend zu Youngs oft erzählerischem Songwriting passt. Hier geht es weniger um große Gesten als um Stimmungen und Bilder, die sich ganz langsam vor dem inneren Auge entfalten.
Düsterer wird es mit Blue Eden. Über einem schleppenden Rhythmus zieht sich eine verzerrt gespielte Gitarre durch das Stück. Fast wirkt der Song wie ein nächtlicher Spaziergang durch eine verlassene Stadt. Gerade diese Mischung aus Langsamkeit, Spannung und unterschwelliger Bedrohung macht den Reiz dieses Titels aus.
Auch Trans Am verdient eine besondere Erwähnung. Der Song bewegt sich langsam und unbeirrt vorwärts, getragen von einem monotonen Rhythmus und sparsam gesetzten Gitarrenakzenten. Viel passiert scheinbar nicht – und doch entfaltet das Stück nach und nach seinen eigenen Reiz. Während des ersten Durchgangs mag der Funke noch nicht vollständig überspringen. Mit jedem weiteren Hören jedoch gewinnt Trans Am an Kontur und fügt sich immer stimmiger in die düstere, melancholische Atmosphäre des Albums ein. Gerade diese unaufgeregte Art macht für mich einen Teil seines Charmes aus.
Zu meinen weiteren persönlichen Favoriten gehört auch Safeway Cart. Der Song besitzt eine beinahe hypnotische, rhythmische Monotonie, die mich bei jedem Hören erneut in ihren Bann zieht. Viel passiert oberflächlich betrachtet auch hier nicht – und doch entsteht genau daraus eine Sogwirkung, wie sie nur wenige Musiker erzeugen können.
Der eigentliche Höhepunkt des Albums ist für mich jedoch das fast fünfzehn Minuten lange Change Your Mind.
Was für ein Song!
Langsam baut sich das Stück auf, nur um sich anschließend immer weiter zu steigern. Die Gitarren übernehmen zunehmend die Kontrolle, Rückkopplungen schieben sich ins Klangbild, Melodien entstehen, lösen sich wieder auf und finden erneut zusammen. CRAZY HORSE und Neil Young lassen der Musik Raum zum Atmen, ohne jemals die Spannung zu verlieren. Hier wird nicht auf Radiotauglichkeit geachtet. Hier wird Musik einfach geschehen gelassen.
Besonders gefallen mir dabei einige Textzeilen des Songs. Immer wieder kehrt Neil Young zu Formulierungen wie „When you can't find your peace of mind“ oder dem wiederholten „Change your mind“ zurück. Auch die Zeile „Must be the one whose magic touch can change your mind / Don't let another day go by without the magic touch“ bleibt hängen. Vielleicht liegt es weniger am eigentlichen Wortlaut als an der Art, wie Young diese Zeilen vorträgt. Zusammen mit der Musik entsteht eine nachdenkliche Stimmung, die hervorragend zu diesem langen, intensiv aufgebauten Song passt. Für mich zählt Change Your Mind zu den stärksten Songs, die Neil Young in den 90er Jahren aufgenommen hat.
Change Your Mind, Live:
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=45qX1VYONds
Überhaupt zeigt sich auf "Sleeps With Angels", wie gut CRAZY HORSE und Young miteinander harmonieren. Die Band spielt nie auf technische Perfektion hin, sondern auf Wirkung. Manches klingt rau, manches beinahe unfertig. Genau darin liegt jedoch die Magie. Wo andere Musiker jeden Ton glattpolieren, lassen Young und seine Mitstreiter Ecken und Kanten stehen.
Dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung hat dieses Album für mich nichts von seiner Wirkung verloren. Es gehört vielleicht nicht zu den meistgenannten Klassikern seines Katalogs und wird vermutlich nie die Popularität eines "Harvest", "After The Gold Rush" oder "Rust Never Sleeps" erreichen. Gerade deshalb lohnt sich die Wiederentdeckung.
Wer Neil Young lediglich über seine bekannten Radiosongs kennt, findet hier vielleicht einen etwas sperrigeren Zugang. Wer jedoch bereit ist, sich auf die oft dunkle Stimmung dieses Albums einzulassen, wird mit großartigen Songs, intensiven Gitarrenpassagen und einem der besten Longtracks seiner Karriere belohnt.
Oder anders gesagt: Wenn künftig wieder ein Neil-Young-Song im Radio läuft, werde ich vermutlich erneut an "Sleeps With Angels" denken. Und daran, dass manche Alben viel zu lange unbeachtet im Regal stehen.
[Die Songs]
01. My Heart
02. Prime of Life
03. Driveby 4:43
04. Sleeps with Angels
05. Western Hero 4:00
06. Change Your Mind
07. Blue Eden
08. Safeway Cart
09. Train of Love
10. Trans Am
11. Piece of Crap
12. A Dream That Can Last
[Die Band]
* Neil Young (Gesang, Gitarre, Tack-Piano, Akkordeon, Flöte, Mundharmonika)
* Frank "Poncho" Sampedro (Gitarre, Keyboards, Klavier, Marimba, Gesang)
* Billy Talbot (Bass, Vibraphon, Marimba, Gesang)
* Ralph Molina (Schlagzeug, Gesang)
Nicht minder erstaunt war ich vor einiger Zeit über die Aussage eines Freundes, Neil Young „könne doch nichts“. Eine bemerkenswerte Einschätzung für einen Musiker, dessen Karriere bereits 1966 mit BUFFALO SPRINGFIELD begann und der seit 1968 in schöner Regelmäßigkeit Soloalben veröffentlicht. Über nahezu sechs Jahrzehnte hinweg relevant zu bleiben, unterschiedlichste musikalische Wege zu beschreiten und Generationen von Musikern zu beeinflussen, dürfte kaum gelingen, wenn man nichts kann.
Wie auch immer – die im Radio gespielten Songs sorgten jedenfalls dafür, dass ich mich an ein Album erinnerte, das schon viel zu lange unbeachtet im Regal gestanden hatte. Also wurde die CD hervorgeholt, der Player in Betrieb genommen und eine Wiederbegegnung gestartet, die mir große Freude bereitet hat.
NEIL YOUNG AND CRAZY HORSE – Sleeps With Angels | USA 1994 | Rock, Folk Rock
Da sich zu jener Zeit bereits eine stattliche Anzahl von Neil-Young-Alben im Regal befand, bedurfte es keiner langen Überlegungen: Auch dieses Werk wurde unmittelbar nach seinem Erscheinen angeschafft. Schließlich befand sich Young Mitte der 90er Jahre in einer kreativen Phase, in der kaum eine Veröffentlichung enttäuschte. Umso erstaunlicher ist es rückblickend, wie selten gerade dieses Album heute noch erwähnt wird.
Dabei steckt in "Sleeps With Angels" vieles von dem, was Neil Young so einzigartig macht. Melancholie und Härte. Zerbrechlichkeit und Lärm. Schlichte Folk-Momente und jene elektrisch aufgeladenen Gitarrenlandschaften, die nur er gemeinsam mit CRAZY HORSE erschaffen konnte. Das Album wirkt dabei wie aus einem Guss, dunkel in seiner Grundstimmung, aber niemals hoffnungslos.
Mit diesem Werk verbindet sich zudem ein trauriges Kapitel der Rockgeschichte. Als Kurt Cobain im April 1994 seinem Leben ein Ende setzte, zitierte er in seinem Abschiedsbrief die bekannte Zeile „It's better to burn out than to fade away“ aus Youngs Klassiker My My, Hey Hey (Out Of The Blue) beziehungsweise Hey Hey, My My (Into The Black). Young zeigte sich von Cobains Tod tief betroffen. Der Titelsong Sleeps With Angels gilt vielen als seine musikalische Reaktion auf dieses Ereignis. Das Thema wird jedoch nie plakativ behandelt. Vielmehr liegt über dem gesamten Album eine gewisse Nachdenklichkeit, die sich durch viele der Stücke zieht.
Bereits mit Driveby zeigt Young eine seiner großen Stärken: Aus scheinbar einfachen Mitteln entsteht eine Atmosphäre, die den Hörer sofort gefangen nimmt. Die Gitarren schleichen sich heran, die Melodie bleibt hängen, und über allem schwebt diese unverwechselbare Stimme, die man entweder liebt oder niemals verstehen wird.
Einer der schönsten Titel des Albums folgt für mich mit Western Hero. Ein ruhiger, fast nachdenklicher Song, der hervorragend zu Youngs oft erzählerischem Songwriting passt. Hier geht es weniger um große Gesten als um Stimmungen und Bilder, die sich ganz langsam vor dem inneren Auge entfalten.
Düsterer wird es mit Blue Eden. Über einem schleppenden Rhythmus zieht sich eine verzerrt gespielte Gitarre durch das Stück. Fast wirkt der Song wie ein nächtlicher Spaziergang durch eine verlassene Stadt. Gerade diese Mischung aus Langsamkeit, Spannung und unterschwelliger Bedrohung macht den Reiz dieses Titels aus.
Auch Trans Am verdient eine besondere Erwähnung. Der Song bewegt sich langsam und unbeirrt vorwärts, getragen von einem monotonen Rhythmus und sparsam gesetzten Gitarrenakzenten. Viel passiert scheinbar nicht – und doch entfaltet das Stück nach und nach seinen eigenen Reiz. Während des ersten Durchgangs mag der Funke noch nicht vollständig überspringen. Mit jedem weiteren Hören jedoch gewinnt Trans Am an Kontur und fügt sich immer stimmiger in die düstere, melancholische Atmosphäre des Albums ein. Gerade diese unaufgeregte Art macht für mich einen Teil seines Charmes aus.
Zu meinen weiteren persönlichen Favoriten gehört auch Safeway Cart. Der Song besitzt eine beinahe hypnotische, rhythmische Monotonie, die mich bei jedem Hören erneut in ihren Bann zieht. Viel passiert oberflächlich betrachtet auch hier nicht – und doch entsteht genau daraus eine Sogwirkung, wie sie nur wenige Musiker erzeugen können.
Der eigentliche Höhepunkt des Albums ist für mich jedoch das fast fünfzehn Minuten lange Change Your Mind.
Was für ein Song!
Langsam baut sich das Stück auf, nur um sich anschließend immer weiter zu steigern. Die Gitarren übernehmen zunehmend die Kontrolle, Rückkopplungen schieben sich ins Klangbild, Melodien entstehen, lösen sich wieder auf und finden erneut zusammen. CRAZY HORSE und Neil Young lassen der Musik Raum zum Atmen, ohne jemals die Spannung zu verlieren. Hier wird nicht auf Radiotauglichkeit geachtet. Hier wird Musik einfach geschehen gelassen.
Besonders gefallen mir dabei einige Textzeilen des Songs. Immer wieder kehrt Neil Young zu Formulierungen wie „When you can't find your peace of mind“ oder dem wiederholten „Change your mind“ zurück. Auch die Zeile „Must be the one whose magic touch can change your mind / Don't let another day go by without the magic touch“ bleibt hängen. Vielleicht liegt es weniger am eigentlichen Wortlaut als an der Art, wie Young diese Zeilen vorträgt. Zusammen mit der Musik entsteht eine nachdenkliche Stimmung, die hervorragend zu diesem langen, intensiv aufgebauten Song passt. Für mich zählt Change Your Mind zu den stärksten Songs, die Neil Young in den 90er Jahren aufgenommen hat.
Change Your Mind, Live:
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=45qX1VYONds
Überhaupt zeigt sich auf "Sleeps With Angels", wie gut CRAZY HORSE und Young miteinander harmonieren. Die Band spielt nie auf technische Perfektion hin, sondern auf Wirkung. Manches klingt rau, manches beinahe unfertig. Genau darin liegt jedoch die Magie. Wo andere Musiker jeden Ton glattpolieren, lassen Young und seine Mitstreiter Ecken und Kanten stehen.
Dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung hat dieses Album für mich nichts von seiner Wirkung verloren. Es gehört vielleicht nicht zu den meistgenannten Klassikern seines Katalogs und wird vermutlich nie die Popularität eines "Harvest", "After The Gold Rush" oder "Rust Never Sleeps" erreichen. Gerade deshalb lohnt sich die Wiederentdeckung.
Wer Neil Young lediglich über seine bekannten Radiosongs kennt, findet hier vielleicht einen etwas sperrigeren Zugang. Wer jedoch bereit ist, sich auf die oft dunkle Stimmung dieses Albums einzulassen, wird mit großartigen Songs, intensiven Gitarrenpassagen und einem der besten Longtracks seiner Karriere belohnt.
Oder anders gesagt: Wenn künftig wieder ein Neil-Young-Song im Radio läuft, werde ich vermutlich erneut an "Sleeps With Angels" denken. Und daran, dass manche Alben viel zu lange unbeachtet im Regal stehen.
[Die Songs]
01. My Heart
02. Prime of Life
03. Driveby 4:43
04. Sleeps with Angels
05. Western Hero 4:00
06. Change Your Mind
07. Blue Eden
08. Safeway Cart
09. Train of Love
10. Trans Am
11. Piece of Crap
12. A Dream That Can Last
[Die Band]
* Neil Young (Gesang, Gitarre, Tack-Piano, Akkordeon, Flöte, Mundharmonika)
* Frank "Poncho" Sampedro (Gitarre, Keyboards, Klavier, Marimba, Gesang)
* Billy Talbot (Bass, Vibraphon, Marimba, Gesang)
* Ralph Molina (Schlagzeug, Gesang)
Vielen Dank !