Don McLean - American Pie | 1971

 
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Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 16.11.2021 - 11:25 Uhr  ·  #1
Ein "One Hit Wonder" zu schreiben, kann Fluch und Segen gleichermaßen sein. Harpo hat über sein OHW Movie Star einmal gesagt, er sei dankbar für diesen Song, er hätte ihm bis heute ein gutes Leben beschert. Ähnlich dürfte es Norman Greenbaum mit Spirit In The Sky ergangen sein, diese beiden Künstler werden ihren OHW wahrscheinlich als einen Segen betrachten.

Zu einem Fluch kann ein OHW werden, wenn all die phantastischen Songs, die sich auf einem Album befinden, gar nicht mehr oder kaum noch beachtet werden. Oder wenn meist gewünscht wird, DIESEN EINEN Song zu spielen. Zumindest dies trifft auf das Album "American Pie" nicht zu - befand sich doch darauf ein weiterer, wenngleich nicht so erfolgreicher Hit namens Vincent, der auch häufig zu hören ist. Allein aber mit "American Pie" machte sich Don McLean unsterblich.

Don McLean - American Pie | 1971

Don McLean, geboren am 2. Oktober 1945 in New Rochelle, NY., war vor 50 Jahren, als "American Pie" erschien, ein noch recht unbekannter Singer-Songwriter. Damals, als 25-jähriger, schrieb er gerade an seinen Songs für den Nachfolger seines bis dato kaum beachteten Debutalbums "Tapestry". McLean wurde seinerzeit von Bob Seeger betreut, und dem Vernehmen nach bot man das Debutalbum mehr als 34 Plattenfirmen an. Alle lehnten es ab wie einen kalten Kaffee, was sich im Nachhinein als großer Fehler herausstellte, denn nach Veröffentlichung des Albums "American Pie" erlangte auch "Tapestry" Erfolg und Chartplätze. Nun, die meisten Songs seines neuen, seines zweiten Albums, so ist zu lesen, waren geschrieben, es fehlte noch DER EINE Song, der das Album zu einer runden Sache machen sollte.

"Ich war mir bewusst darüber, dass ich versuchte, einen Song über einen amerikanischen Rock'n Roll-Traum zu schreiben. Unbedingt wollte ich diesen amerikanischen Song schreiben, der aber nicht sein sollte wie "This Land Is Your Land" oder "America The Beautiful". Ich wollte die Teile Amerikas verbinden, die mir wichtig waren, angefangen bei Buddy Holly. Buddy war für niemanden wichtig, als ich diesen Song schrieb, muss ich Dir sagen".
(Bill Demain zitiert Don McLain in seinem Artikel im "classicrockmagazine.com)


An dem Tag im Jahr 1959, als Buddy Holly und mit ihm, zumindest für McLean, auch die Musik starb, war McLean ein 13-jähriger Zeitungsjunge in NY. McLean sagt über die Entstehung von "American Pie", der erste Teil dieses Songs wurde in einem Stück geschrieben. Er habe es geschrieben, weil er sich daran erinnert habe, wie es an dem Tag war, als er die Zeitung sah und den Artikel, der darüber berichtete, dass sein Idol Buddy Holly bei einem Flugzeugabsturz um's Leben gekommen sei. Das habe ihn tief berührt, es prägte sich ein. Dann, eines Tages, in einem euphorischen Rausch, habe er einfach den ganzen Rest des Songs geschrieben und Bilder von unbestimmter musikalischer Bedeutung mit dieser Story über Amerika verbunden.

Während das achtminütige "American Pie" mit seinem tollen Timing und Rhythmus, mit seinen Anspielungen auf Dylan, die Beatles oder Jagger zeitweise gar zu einer amerikanischen Hymne zu werden schien und Platz 1 der US-Charts erreichte, wurde "Vincent" zunächst - ungerechterweise - in den Hintergrund gedrängt. Wesentlich emotionaler und berührender als in dem Lied über das vermeintliche Ende der Musik verfasst er in diesem Song seinen persönlichen Nachruf auf den großen niederländischen Maler Vincent van Gogh. Mit einfachen Worten, nur begleitet von einem einfachen Gitarrenriff, beschreibt McLean sehr würdevoll van Goghs ständiges Streben nach Perfektion, seine Schizophrenie, seinen Selbstmord.

Colors changing hue / Morning fields of amber grain / Weathered faces lined in pain / Are soothed beneath the artist's loving hand
Now, I understand, what you tried to say to me / How you suffered for your sanity / How you tried to set them free / They would not listen, they did not know how / Perhaps they'll listen now

Farben wechseln ihren Ton, / Bernsteinfarbene Kornfelder im Morgenlicht, / Verwitterte Gesichter von Schmerz gezeichnet, / Werden mit der liebevollen Hand des Künstlers geglättet
Und nun versteh ich erst, / Was du mir erzählen wolltest. / Wie du gelitten hast, in Angst um deine geistige Gesundheit / Und wie du versuchtest, dem Ausdruck zu verleihen...


Zu Recht, so meine Meinung, sorgte eine riesige Fangemeinde letzendlich dafür, dass Vincent international erfolgreicher als American Pie wurde. Was nichts daran ändern wird, dass American Pie der Song ist, der Don McLean unsterblich gemacht hat.

Zwischen diesen beiden überragenden Stücken der Scheibe ist der Song "Till Tomorrow" eingebettet. Ein sehr schönes, melancholisches Lied über eine verlorene Liebe, den Verlust einer Beziehung und die Fragen danach, wie dies geschehen konnte.

Beziehungen stellen ein zentrales Thema dieses Albums dar, die Texte lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren (McLean selber hat sich stets geweigert, seine Songs zu interpretieren). Dies trifft meiner Meinung nach ganz besonders auf das Stück Crossroads zu. Hierüber habe ich gelesen, dass es hauptsächlich um biblische Referenzen geht - nachvollziehbar, liest man den Text. Ich sehe darin eher die Beschreibung einer Person im Kampf mit sich selbst, einer Person, die auf der Suche nach sich selbst ist. Wie dem auch sei - mit "Crossroads "ist ein weiterer, wunderschöner Song in Moll und nur von Klavier begleitet auf dem Album vertreten.

Möglicherweise war es der damaligen Zeit, als sich der Vietnamkrieg in den 70ern fast auf seinem finalen Höhepunkt befand und die Presse ausführlich darüber berichtete geschuldet, dass mit The Grave ein Antikriegslied vertreten sein musste. Zeilen wie "Und tief im Graben wartete er stundenlang / Als er an seinem Gewehr hielt und betete, nicht zu sterben / Aber die Stille der Nacht wurde durch Feuer zerstört / Als Waffen und Granaten scharf durch die Luft gestrahlt / Und nacheinander wurden seine Kameraden geschlachtet", eingehüllt in eine passende, sehr zurückhaltende Melodie, haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

Mit dem Tradional Babylon, einem in den 30er Jahren in einem Warschauer Ghetto geschriebenen Musikstück, wird ein herausragendes, bis heute bekanntes Album geschlossen. Bis auf diesen Schlusssong sind alle Stücke des Albums von McLean geschriebenen.

"American Pie", so darf getrost gesagt werden, ist eine typisch amerikanische Platte. Wer neben der Melodie auch in die Texte eintauchen mag, wird schnell feststellen, dass hier ein großartiger Poet absolut treffende Worte zur Beschreibung verschiedenster Lebenssituationen gefunden hat. Das Album hat durchgehend warme, fließende Töne, keiner der Songs reißt den Hörer aus seinem Dahinschwelgen heraus. So ist "American Pie" ein wunderschönes Album voll schöner Melodien, welches textlich heute so aktuell ist wie zu seiner Erscheinung. Ich wage zu sagen, dies ist ein Album, welches nicht nur heute, nach 50 Jahren, noch immer gehört wird. Sondern auch Im Jahr 2071, also während der nächsten 50 Jahre nicht in Vergessenheit geraten wird.

Ein zeitloses Kleinod.

[Die Songs]

* American Pie - 8:33
* Till Tomorrow - 2:11
* Vincent - 3:55
* Crossroads - 3:34
* Winterwood - 3:09
* Empty Chairs - 3:24
* Everybody Loves Me, Baby - 3:37
* Sister Fatima - 2:31
* The Grave - 3:08
* Babylon - 1:40

[Im Web]

Don McLean - Offizielle Website
Don McLean - Wikepedia
Eine Hommage anlässlich seines 75. Geburtstages auf "Radio-Rebell"
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 16.11.2021 - 13:11 Uhr  ·  #2
Nun, das ist eine gelungene Vorstellung "nach meinem Geschmack"...

Es ist tatsächlich so, dass mir Don zuerst mit "Castles In The Air" über den Weg lief. Und seitdem hat mich der Musiker gepackt, was dazu führte, dass er hier komplett im Regal steht....

Gut, dass Du darauf hinweist, dass McLean nicht in die "One Hit Wonder"-Schublade zu stecken ist, denn die Charts erreichte er auch nach "American Pie" noch das eine oder andere Mal, zum Beispiel ging es 1980 mit "Cryin'" noch einmal ganz nach oben.

Und bis heute geht es mir so, dass "American Pie" nicht mein Lieblingssong ist, "Vincent" ist allerdings auch in der Spitzengruppe dabei!

So möge Dein Beitrag Don McLean als Künstler noch einmal in das Scheinwerferlicht des Musikzirkus' rücken!
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 16.11.2021 - 14:02 Uhr  ·  #3
... Vincent und Babylon ist wunderschönes großes Kino... American Pie ist ein Mantra der 70er...

...mehr kenne ich von ihm nicht...wird Zeit mich mal in dieses oder wenn es mir gefällt seine Alben reinzuhören...
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 16.11.2021 - 16:22 Uhr  ·  #4
Mal wieder eine gewohnt tolle Rezension. Ansonsten geht es mir wie Mr. Upduff, Songwriter sind ja bekanntermaßen nicht sooo mein Steckenpferd. Gleichwohl finde ich auch "Vincent" großartig und an "American Pie" kommt man sowieso nicht vorbei.
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 17.11.2021 - 15:55 Uhr  ·  #5
Zitat geschrieben von firebyrd

..
Und bis heute geht es mir so, dass "American Pie" nicht mein Lieblingssong ist, "Vincent" ist allerdings auch in der Spitzengruppe dabei!



Mir geht es so, dass "Vincent", zumindest zur Zeit, mein McLean-Favorit ist. Allein die ersten Worte, "Starry Starry Night", mit denen der Song startet, erinnern unvermittelt an eines der bekanntesten van Gogh-Gemälde, der "Sternennacht"



Ein berührender Song.
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 17.11.2021 - 17:22 Uhr  ·  #6
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 18.11.2021 - 14:11 Uhr  ·  #7
Da hast du mal wieder eine schöne Rezi über einen Klassiker geschrieben, denn ich schon über 30 Jahre besitze und ja schon tausendmal abgespielt,
aber allerdings wirklich nur den einen Song. Und muss sagen ausser Vincent und ein paar andere Songs, kenne ich nichts von ihm.
Aber du machst mich wirklich jetzt neugierig , doch mal wenigstens das ganze Album durchzuhören.
Danke dafür das hast du geschafft :-)
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 18.11.2021 - 17:19 Uhr  ·  #8
Wieder einmal eine sehr gelungene Vorstellung von dir - detailliert und höchst informativ !

Don McLean ist mir natürlich auch bekannt, jedoch eher begrenzt auf die beiden Singles "American Pie" und "Vincent". Die Songs liefen damals ja genügend im Radio.

Mit "American Pie" hat er sich einen Platz in der Ewigkeit der Musikwelt gesichert. Mir gefällt dieses Lied am besten von ihm.

Im Jahre 2000 hat sich Madonna auch ein Stück vom Kuchen geholt und diesen Song gecovert.

Vielen Dank, Wolfgang ! :-D
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 18.11.2021 - 18:05 Uhr  ·  #9
Welch Fleißarbeit, welch aussagekräftige Rezi. Hut ab dafür. :-D

Aber auch ich zähle mich in Sachen Don McLean zu den Unwissenden, kenne somit nur seine Hits "American Pie" und "Vincent". Aber dieses kann sich ja durch deine Rezi ändern .......

Auch von mir vielen Dank für diese Rezi.
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 22.11.2021 - 18:33 Uhr  ·  #10
Die Platte ist wie eine Droge. Wer einmal davon probiert hat, kommt schwerlich davon wieder los. Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als der Titeltrack im Radio rauf und runter gepielt wurde. Und wir Mädels haben lauthals den Text dazu mitgesungen und waren wohl auch ein wenig verliebt in den Musiker.

Das gesamte Album habe ich aber erst später kennen- und schätzen gelernt. Neben "Vincent", "American Pie" sind noch etliche weitere Höhepunkte wie "Till Tomorrow", "Winterwood", "Crossroads" oder "The Grave" enthalten, um mal einige davon stellvertretend zu nennen.

Mit deiner umfassenden Rezi und sämtlichen Anmerkungen dazu rückst dieses wunderbare Album in das Licht, wohin es auch gehört. Somit auch danke von mir für deine sehr gelungene Besprechung
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 23.11.2021 - 09:55 Uhr  ·  #11
Zitat geschrieben von White Bird

Die Platte ist wie eine Droge. Wer einmal davon probiert hat, kommt schwerlich davon wieder los. ...


Das bestätige ich gerne. Während sie lange kaum beachtet im Regal stand, läuft sie mittlerweile wieder mehrmals die Woche. Ein Stück Musikgeschichte.
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Re: Don McLean - American Pie | 1971

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Gepostet: 23.11.2021 - 11:20 Uhr  ·  #12
Zitat geschrieben von badMoon

Zitat geschrieben von White Bird

Die Platte ist wie eine Droge. Wer einmal davon probiert hat, kommt schwerlich davon wieder los. ...


Das bestätige ich gerne. Während sie lange kaum beachtet im Regal stand, läuft sie mittlerweile wieder mehrmals die Woche. Ein Stück Musikgeschichte.


Dann solltest du dir mal Raoul Vignal anhören, dann wird sich möglicherweise ein ähnlicher Effekt einstellen.
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