Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

 
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Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 12.10.2021 - 15:52 Uhr  ·  #1
THE FELICE BROTHERS ist eine US-amerikanische Band, welche 2006 gegründet wurde. Ihren mittlerweile in den USA erreichten Kultstatus musste sie sich schwer erarbeiten. So musizierte sie anfangs in den U-Bahn-Stationen 42nd Street und Union Square, bevor sie in ihrem eigenen Tourbus durch das Land tourten. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die drei Brüder Ian, James und Simone Felice sowie Josh Rawson, Greg Farley und David Estabrook.

Nach zehn Alben (das erste, "Tonight At The Arizona", erschien 2006), welche alle unbemerkt an mir vorbeigezogen sind, stolperte ich vor wenigen Tagen erstmals über den Namen dieser Band und ihr aktuell veröffentlichtes Album. Ob der berauschenden Beschreibungen zu dieser Scheibe wurde ich sofort neugierig, schnupperte in der Riesenfundgrube Internet durch alle Songs, was unvermittelt zu einer Bestellung dieser Scheibe führte. Hier also

THE FELICE BROTHERS - From Dreams To Dust | USA 2021 | Americana, Folk, Country-Rock[/size]

Die U-Bahn-Stationen habe THE FELICE BROTHERS glücklicherweise verlassen und sind mittlerweile einem breiten Musikpublikum zugänglich. Statt in den Untergrundstationen von harten Getränken zu singen, wird nun, auf dem Opener der Scheibe, ---> Jazz on the Autobahn die Geschichte mehrerer Personen erzählt, die sich gemeinsam auf der Flucht vor der nahenden Apocalypse befinden. Ein flockig-lockerer Auftakt, fein untermalt von Trompete und Piano.

Unschlüssig, was noch im Leben erledigt werden soll? Hier könnte der muntere Song ---> To Do List mit vielen Anregungen weiterhelfen. So wird unter anderem dazu geraten, Haus und Garten zu verkaufen, auf einem Saxophon zu jammen, eine Affaire in der Provinz zu haben, herauszufinden, was die Bienen tötet oder die Grenzen der Liebe auszutesten.

Trotz der - zumindest musikalisch fröhlich anmutenden Eröffnungssongs - ist das Album meist melancholisch, tendenziell etwas düster. Es wird über die Liebe und das Leben, über Hoffnung und Resignation, über die Unzulänglichkeiten des Lebens oder darüber, warum manche Erinnerungen bleiben und sich rückblickend als Irrtum entpuppen sinniert. Zurück in das siebzehnte Lebensjahr erinnert heißt es beispielsweise in dem Titel ---> Inferno "Ich kann das nicht nachvollziehen | Warum manche Erinnerungen bestehen bleiben | Auf halbem Weg sind wir gegangen | teilten uns eine Zigarette | Ich kann nicht nach Hause gehen | Der Weg ist dunkel und zugewachsen"

"From Dreams To Dust" ist ganz große Erzählkunst. Songs, die von den schönen und schlechten, den glücklichen und den traurigen Seiten des Lebens erzählen. Geschichten, eingehüllt in Melodien, die viele kleine Filme im Kopf ablaufen lassen. Sei es das Bewerbungsgespräch, von dem das Lied ---> Money Talks erzählt, oder das im wahrsten Sinne des Wortes tottraurige Stück ---> Be At Rest, in dem sich der Sänger fragt, was von ihm übrigbleiben wird, nach seinem Tod. Von Orgel und Chorgesang begleitet ist hier in der letzten Strophe auch der Titel des Albums wiederzufinden. Dort heißt es: "Seinem Sohn hinterlässt er einen wolkenlosen Himmel | Ein Paar schlecht sitzende Schuhe | Seiner Frau eine Kiste mit unentwickelten Negativen | Und eine Schüssel Zwiebelsuppe | Von Träumen zu Staub " - "From Dreams To Dust". Berührend schön.

„From Dreams To Dust“, so habe ich unter anderem gelesen, sei vielleicht das bisher beste Album der Felice Brothers, eine wunderbare Mischung aus Folk, Country und Americana. So tut sich mir die Frage auf, ob ich es bei diesem Album belassen oder in die Vergangenheit der Band eintauchen soll. Schließlich schließt das Album mit ---> We Shall Live Again, einer mit Accordeon untermalten acht Minuten-Hymne und einem Mitsing-Refrain, mit einem Song, der schwerlich getoppt werden kann.

Da ich mich und meine Neugierde jedoch kenne, wird dieses Album nicht alleine im Regal stehen bleiben.


[Die Band]

Ian Felice - Voice, Guitar
James Felice - Voice, Piano, Keyboards, Accordion
Jesske Hume - Voice, Bass
Will Lawrence - Voice, Drums, Percussion

[Gastmusiker]
Mike Mogis - Pedal Steel (“Valium, silverfish, “Blow Him Apart.” Marxophone (“All The Way Down”)
Nate Walcott - Horns (“Jazz On The Autobahn”, “The Land Of Yesterdays”)


[Die Songs und weitere Anspieltipps]

01 - Jazz On The Autobahn
02 - To-Do List
03 - ---> All The Way Down
04 - Money Talks
05 - Be At Rest
06 - Valium
07 - Inferno
08 - ---> Silverfish
09 - ---> Celebrity X
10 - Land Of Yesterdays
11 - Blow Him Apart
12 - We Shall Live Again


[Im Web]

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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 12.10.2021 - 21:13 Uhr  ·  #2
Klingt irgendwie angemessen herbstlich. Aber sag mal, bM, findest Du nicht auch, dass der Sänger bei "We Shall Live Again" klingt wie Bob Dylan ohne Polypen?
Egal, wie immer schöne Rezension!
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 13.10.2021 - 12:35 Uhr  ·  #3
Hier schallen einem berührende Musikstücke und zugleich nachdenkliche Texte entgegen. Dominierend sind die dunklen und verhaltenen Klänge der Songs, die jeweils textlich eine eigene Geschichte erzählen. Gerade die in Moll gehaltenen Stücke passen bestens zu den tiefgründigen Erzählungen. Das hat die Band richtig gut gemacht.

Abschließend nochmals danke für deine aussagekräftige Rezi.
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 13.10.2021 - 18:19 Uhr  ·  #4
eine wieder wunderbare Rezi, heute mal auf der Bahnrückfahrt angehört, Streaming läßt das ja zu. Sehr schönes Album, besonders Money talks" ist mir im Ohr geblieben. Wie Floyd Pink habe ich des öfteren an Bob Dylan gedacht. Ob es zum Kauf reicht, kann ich noch nicht sicher sagen, aber zumindest in die nähere Auswahl kommt das Album :-)

trurl
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 13.10.2021 - 20:20 Uhr  ·  #5
...habe mir nun auch rezibefohlen das Album angehört...Jazz und Autobahn klangen zudem vielversprechend spr/witzig und das Cover so schön naiv...im Gegensatz zur Musik...manchmal ziemlich holpriges Dahingespiele und vollkommen unhumorig...keine Melodie erreicht mein Zuhörerherz...zudem mir viel zu bob- und brucig...leider kein Treffer bei mir...aber anderen hast Du ja schon die Ohren wässrig gemacht...und so soll es sein..
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 13.10.2021 - 20:55 Uhr  ·  #6
eine interessante rezi hast du da geschrieben. vielleicht noch ein paar weitere infos dazu.

als die Felice Brothers 2007 in erscheinung traten (nach 1 oder 2 privat-cds), verriet das cd-cover sofort, daß sie sich
auf der Upstate New York-schiene mit Dylan und der Band angesiedelt hatten; retro a la Basement Tapes
und Big Pink.



wie gesagt, man sieht förmlich THE BAND auf sich zukommen.

das kam auf den ersten beiden (regulär erhältlichen) cds ('Team Love' kam 2008) auch recht gut rüber,
zumal es bei den texten am humor nicht fehlte.
....dann hatten sie ihre geschichte erzählt.... und die 3.,'Yonder Is The Clock', ging zur 'noch 'ne retro scheibe'
über. im prinzip immer noch empfehlenswert, aber man fragt sich, ob danach noch eine 4. oder gar 5.
nötig ist.

nun sind sie also immer noch unterwegs; hätt' ich nicht gedacht; mehr als ein dutzend mal retro; es scheint
sich immer noch gut zu verkaufen...

mir reichen die ersten drei (vor allem die ersten beiden kann man empfehlen), aber so ganz verkehrt werden
die späteren sicher nicht sein.
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 13.10.2021 - 21:08 Uhr  ·  #7
Sehr schön geschrieben badMoon.
Da hab ich doch gleich ein Ohr bzw 2 Ohren riskiert und wie oben schon öfters bemerkt, es ist sehr Bob Dylan/The Band lastig.
Ich würde die Band sogar eher mit den Jayhawks vergleichen z.B. by to do List der sanfte Americana Sound, dieser wird nur ab und an von einer kurzen wilden kratzigen Gitarre gestört.
Sehr schön.
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 14.10.2021 - 14:04 Uhr  ·  #8
Hallo an die Lesenden und Schreibenden,

ja, Mr. Dylan schimmert tatsächlich, vor allem im letzten Song, mächtig durch. Dies wurde auch umgehend von Frau C. angemerkt. Und ja, auch "THE BAND" wird von der hier rezensierten Truppe als Vorbild genannt.

Also, besten Dank für Eure Reaktionen. Kritik, positiv oder negativ, sachlich geäußert, ist immer sehr willkommen. Und diese schöne Sachlichkeit macht unser Forum eben aus :-).
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 17.10.2021 - 16:10 Uhr  ·  #9
Wolfgang, Kompliment zu dieser, eigentlich wie immer, äußerst gelungenen Vorstellung. Habe Probe gehört, aber die Musik erreicht mich nicht wirklich. Den Vergleichen zu Dylan würde ich dabei durchaus zustimmen.

Danke für diese schöne Rezi! :-D
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 17.10.2021 - 16:34 Uhr  ·  #10
Zitat geschrieben von badMoon

Schließlich schließt das Album mit ---> We Shall Live Again, einer mit Accordeon untermalten acht Minuten-Hymne und einem Mitsing-Refrain, mit einem Song, der schwerlich getoppt werden kann.


hab mir mal den Song hier oben angehört - man kann in der Tat mal an Mister Dylan denken - der Sänger allerdings nuschelt entschieden weniger als Bob

obwohl Bob in seinem Album vom letzten Jahr nicht mehr nuschelt, nein, mit rauchiger lasziver Stimme gibt er den - False Prophet - Hello Mary Lou - Hello Miss Pearl ;-)

dein vorgestelltes Album kann man durchaus anhören - es gibt keinen Grund abzuschalten - ach ja - eine gute Vorstellung!
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Re: Oktober 2021 | The Felice Brothers - From Dreams to Dust

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Gepostet: 18.10.2021 - 15:35 Uhr  ·  #11
Für mich ein stimmiges Album, das Elemente aus dem Folk, Country und Rock aus dem Indie Bereich enthällt. Allerdings hat es sich mir wegen seiner Detaildichte erst nach mehreren Durchläufen erschlossen, was man allerdings als Kompliment werten sollte.

Die vorherrschende Düsternheit der Musik ist bisweilen erdrückend, so dass ich das Album nicht jederzeit hören könnte. Dazu muss man schon in der richtigen Stimmung sein.

Somit auch danke von mir für eine wieder äußerst gelungene Rezi.
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