Senf™ als Osterei ist da! Und es liegt im Gras, im Kraut und rockt!
Es hat doch etwas länger gedauert, aber das Thema war diesmal doch eines der bislang wohl spannendsten, betrifft es doch eine Zeit des Musikhörens und Großwerdens mit eben dieser Musik, die viele von uns „live“ erlebt haben, vor allem auch, ohne zu wissen was da überhaupt gehört wurde (gehört aber vor allem in Westdeutschland), noch welche Tragweite die Musik, deutsche Rockmusik!, überhaupt hat. Die englischen Medien sprachen damals - hier das Underground Magazin „Friends“ 1971- davon, „…diese Gruppen und Musiker gestalten unbemerkt die Zukunft einer modernen europäischen Musik. […] Ihr Schaffen könnte einem in vielerlei Hinsicht amateurhaft erscheinen, verglichen mit dem Professionalismus englischer und amerikanischer Musiker, aber ihre Stimmung und Geisteshaltung ist ehrlicher und weniger oberflächlich als die ihrer Samthosen tragenden englischsprachigen Kollegen.“ (Christoph Wagner „Der Klang der Revolte - Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground“).
Ich muss hier selbst viel zitieren, da ich naturgemäß die historischen Umstände nicht kennen kann; bei vielen Stücken die FÜR MICH kein Krautrock sind, reicht mir dann aber das doch etwas geschulte Ohr, das Holzohr, aus.
radiot grüßt und wünscht viele dicke musikalische Ostereier!
Frimp - Birth Control - Gamma Ray
Das wird sich jetzt wie ein roter Faden durch fast die gesamte Bewertung ziehen, was früher nur Rock oder wie im Falle von Birth Control „Hardrock“, wird heute aus verklärter Sicht alles „Krautrock“ genannt. Dabei trifft sicher auch zu, was Günter Kunert in seinem „Englischen Tagebuch“ erwähnte (Zitat sinngemäß): „Alle Geschichte ist Lüge, weil wir nicht wissen ob sich die historischen Fakten oder die Ansichten darüber geändert haben.“ Birth Control wurde 1982 in Tibor Kneifs „Rockmusik - ein Handbuch zum kritischen Verständnis“ (rororo 6279), und da im Abschnitt „Ausgewählte Kapitel aus der Rockgeschichte - Rock unter halbkolonialen Verhältnissen: BRD und Berlin West“ im Unterabschnitt „Hardrock und Psychedelica“ (ab S. 312) geführt. Birth Controls Frühzeit wird als undifferenziert eingeschätzt, „so daß die gewagten Plattenhüllen fast mehr Aufmerksamkeit beanspruchen können als die darin verpackten Musikstücke.“
„Unverkennbar ist jedoch eine stete Steigerung von Handwerk und Künstlererfahrung.“ Immerhin. Im Buch „Rock in den 70ern“ (Hrsg.Tibor Kneif, rororo 7385) wird Birth Control im 8. Kapitel „Live-Rock in Berlin“ von Joachim Strieben aber auch attestiert: „Mit Bernd Noske besaß die Band neben seinen Fähigkeiten als Schlagzeuger auch einen der wenigen fähigen deutschen Sänger.“
Birth Control wurde im Freundeskreis, so man der Platten habhaft werden konnte, damals in den Zeiten d. g. DDR d. W. natürlich auch gehört. Aber immer als „Hardrock“, weswegen dann auch das Interesse nachließ.
Das Stück selbst ist natürlich gut gemacht, keine Frage, (und „everybody clap your hands“ auffordernde (Kraut?) Rocker sieht man immer gerne), aber für mich eben nichts aus der Abteilung Krautrock.
Epikur - Epitaph - Fly
In den instrumentalen Abschnitten ein schönes Stück, der Gesang nicht so prickelnd, insgesamt auch kein Krautrock für mich. Eher gute Rockmusik, die aber, nur weil aus Deutschland kommen, nicht unbedingt als Krautrock eingeordnet werden muss. Im schon bei Birth Control genannten Kapitel über die Band: „… Auch Epitaph gehören zu den nicht kategorisierbaren Musikern. … die Gruppe (bewegte sich) um 1972/73 im britisch beeinflußten Hardrock…“.
Maddrax - Eloy - Poseidon's Creation
„Ocean (daraus Poseidon’s Creation) ist das sechste und kommerziell erfolgreichste Album der Band Eloy. Es stellt ein Konzeptwerk über die mythische Stadt Atlantis und ihren Untergang dar, gedacht als Fingerzeig auf die bedrohliche Situation der gesamten Menschheit.“
Hier musste ich freilich auch zitieren, denn Eloy sind mir absolut fast überhaupt nicht geläufig. Eloy startete als Hardrockband, dann später, nach „Inside“ (2. LP) wandte man sich mehr dem britischen „Kulturrock“ zu. Der hier vorgestellte Titel ist von 1977, und da sah es mit „Krautrock“ schon düster aus, will sagen, Eloy waren für mich (unerheblich, klar) nie Krautrock (der Gesang nervte mich immer und, ich muss es zugeben, ich verwechselte zuweilen ELO und Eloy, weil ich beide Bands nicht bzw. kaum hörte und kannte!) und 1977 schon gar nicht. Aber die Betrachtungsweise kann (oder ist?) auch eine andere; heute, so scheint es, wird fast jede damals einigermaßen erfolgreiche deutsche Band unter „Krautrock“ eingeordnet. Und wenn man nachliest, s. o., worum es auf „Ocean“ und dem enthaltenen Titel „Poseidon’s Creation“ geht, dann ist Krautrock alles oder nichts.
Leslie - Amon Düül II - Archangels Thunderbird
In der Tube dazu:
Manfred Nicolavor 3 Monaten
Klingt ähnlich wie die frühen Jefferson Airplane........
Da hat der Manfred durchaus recht. Und der Yeti, der kann singen…
Das Stück: um einiges, wenn nicht sogar um Längen erträglicher als die Singvögel, ob vor- oder rückwärts. Aber hier waren sie schon Nr. II in der Bandgeschichte („der bayerischen Musik-Kommune“). Amon Düül wurde von uns mit eben jenen „Singvögeln“ entdeckt, wobei es das Wort Entdecken nicht so ganz trifft, waren wir doch mehr oder weniger ahnungslos, zumal im Kontext von „Krautrock“ damals nie die Rede war. Irgendwer hatte irgendwas gehört davon (was ich heute eher bezweifle!), aber mehr auch nicht. Presse (die es so nicht gab) und Funk & Fernsehen (West) gaben auch nichts her, bzw. wenn ich so die einschlägige westdeutsche Musikliteratur aus den 70er - 80er Jahren wälze, dann ist da oft nur von „Kraut“ oder von „Rock-Kraut“ oder „Edelkraut“ die Rede; vielfach auch einfach nur von „Undergroundmusic“. So blieb uns das damals im Freundeskreis hoch gehandelte und begehrte und oft ausgeborgte „Rocklexikon“ von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves von 1975, in dem es den Begriff „Krautrock“ noch gar nicht gab! Aber eine, auch aus heutiger Sicht, herzerfrischende Beschreibung der Musik von Amon Düül II:
„… statt dessen spielten sie sich in die Zeit der Götter, Gräber und Gelehrten zurück und unternahmen mit ihren Verstärkern einen Phantasietrip in die Römerzeit…“.
„Serfas, Leopold, Schrat, Knaup, Weinzierl, Karrer und Rogner …spielten in der religiösen Science-Fiction Band, die nach dem ägyptischen Sonnengott Amon von Theben und einer türkischen Phantasie-Figur benannt war…“
Auf „… Phallus Dei (1969) trugen sie elektronisch verfremdete Gregorianik-Gesänge in altertümelndem Deutsch vor, vermengten Reports von futuristischen Desastern mit alttestamentarischen Katastrophenberichten, taten sich schwer mit Rückkopplungseffekten, eigenbrötlerischem Klangzauber und biederen Kopien von Pink Floyd-Musik…“
„…Ihre Konzerte überdehnten sie mit monotonen Schwelltönen und faden Akkordreihen, so daß die Kritiker bei ihrem ersten Auftritt zu den Essener Songtagen (!)1968 „nur ein halbstündiges musikalisches Nichts (FAZ) registrierten.“
Aber „… allmählich besserten sie ihre Underground-Oratorien mit Jazzimprovisationen, Hard-Rock Einlagen und Klang-Exotika auf. Zwischen den zunächst naiv kopierten Pink Floyd, der orchestrierten Schock-Elektronik der Mothers of Invention und dem Psycho-Rock von Jefferson Airplane richtete sich Amon Düül II so virtuos ein, daß der englische „Melody Maker“ den Musikanten 1972 bescheinigte, sie seien „die erste deutsche Gruppe, die einen eigenen Beitrag zur internationalen Musikszene geliefert“ habe…“
„ Die Musiker fühlten sich in ihrer „Kunstmusik innerhalb des Rock“ (Gruppenzitat) eher von Stockhausen als von den etablierten Synthesizer-Rockern beeinflußt und wollten auf „populärer Ebene zur Vorstellungswelt Beethovens zurückkehren.“
„Sie schafften es immerhin, mit ihrer Musik den Niveau - Anschluß zu den San Francisco-Rock-Bands von 1967/68 zu erreichen.“
Trotz harter Worte, aber auch deswegen und für die schöne Musik: 10 Punkte!
Street 66 - Frumpy - Keep On Going
Ein wunderbarer Titel, eine der besten deutschen Sängerinnen, auch und weil sie so gar nicht nach einer deutschen Sängerin klingt. Die Musik und die Musiker sind einfach Klasse, das hört sogar Holzohr. Im schon von mir erwähnten Rocklexikon haben Frumpy und Atlantis gar keinen eigenen Eintrag, nur Inga Rumpf hat einen, mit Verweis auf eben Frumpy und Atlantis. Inga Rumpf war als Sängerin zu dominierend, sie stach hervor - im Gegensatz zu der doch schwachen Stimme von Renate Knaup (Krötenschwanz?). Von der FAZ wurde Inga Rumpf im Mai 1973 als „größtes Individualtalent der bundesdeutschen Rockszene“ gerühmt. Inga Rumpf „Zusammen mit ihrem Co-Preacher Jean-Jaques Kravetz (von den City Preachers, 1965-70)… gründete… die Combo Frumpy, eine der ersten deutschen Rockbands mit Auslandserfolg. „Bluesröhre Inga“ (so der Producer Walter Haas) und ihre Hard-Rocker wurden im Pariser Olympia-Musiktheater ebenso bejubelt wie in Großbritannien.“…
Scoot - Atlantis - Big Brother
…“Im Juli 1972 ließ die Sängerin Frumpy untergehen und Atlantis auftauchen.“ „ Das LP-Debüt wurde mit englischen Gastmusikern in London produziert…technisch perfekter als alle früheren Rumpf-LPs (sic!)…erreichte aber nicht annähernd die Frumpy Umsätze.“
Scoots Stück bzw. seine Auswahl ist von der ersten Atlantis LP; hier wirkt die Musik tatsächlich schon glatter, „perfekter“ produziert.
Ok, beides sehr gute Stücke, für mich aber die reine Rockmusik. Deutsch ja, aus deutschen Landen ja, aber kein Krautrock. Und wie den Zitaten entnommen werden kann bzw. auch nicht, war damals nie von „Krautrock“ die Rede. Heute wird die Musik auch unter Krautrock geführt, warum nicht; die Spannweite ist groß und darf auch groß sein und immerhin steckt im Kraut ja auch der Rock drin.
Thorens - Jean Jacques Kravetz - I'd Like To Be A Child Again
Dieses Stück von der Solo-LP „Kravetz“ (1972) gehört „ zu (Inga Rumpfs)… eindrucksvollsten Interpretationen…“ Dieses Zitat ist dem Unterkapitel „Blues- und Soulrock, Rock ’n’ Roll“ aus oben schon erwähntem Buch
Tibor Kneifs „Rockmusik - ein Handbuch zum kritischen Verständnis“ (rororo 6279), und da im Abschnitt „Ausgewählte Kapitel aus der Rockgeschichte - Rock unter halbkolonialen Verhältnissen: BRD und Berlin West“
entnommen. Also, meine Meinung, sehr schöne und einzigartige Rockmusik. Und immerhin 5 bzw. 4 Punkte wert.
Aber Krautrock ist dann vielleicht doch etwas anderes, wie zum Beispiel Floyd Pinks Auswahl zeigen kann…
Floyd Pink - Can - Paperhouse
Can (1968 in Köln gegründet), gilt 1972 dem Londoner „Melody Maker“ als die „talentierteste und beständigste Experimental-Rockgruppe in Europa“ und als „jedem britischen Ensemble weit voraus.“ Also selbst bei Can, vielleicht dem (heutigen) musikalischen Inbegriff für Krautrock (?), fehlt damals die Bezeichnung „Krautrock“ oder „Krautrockband“ und die Band wird als eine der besten „Europas“ bezeichnet. Can erreichte anfangs mit einem (verrückt gewordenen?) US-amerikanischen und dann mit einem verrückten (?) japanischen Sänger eine erstaunliche Leistung. Ihre Stücke werden als „schwere Rock-Improvisationen“, ihr Werdegang als der von einer „Underground-Gruppe“ hin zu einer „hochgeschätzten Musikkommune“ bezeichnet. Und hier ist jetzt auch das Wort gefallen, welches für viele der heute sogenannten Krautrockbands gelten kann, es waren damals einfach nur „Undergroundbands“ oder „Musikkommunen“, besonders auch im Hinblick auf Amon Düül / II.
Also 12 Punkte für meinen Spitzenreiter.
Triskell - Eloy - Light From Deep Darkness
Siehe Maddrax' Auswahl. Freilich kein schlechtes Stück. Hinterher ist man ja immer schlauer, aber zumindest für mich zutreffend, wird Eloy bei Wikipedia so beschrieben:
„Eloy ist eine deutsche Artrock-Band, die 1969 von Frank Bornemann in Hannover gegründet wurde. Der Name ist dem H.-G.-Wells-Roman Die Zeitmaschine entnommen, in dem ein Volk namens Eloi beschrieben wird.“
Am Ende ist sicher vieles Ansichtssache, aber wie schon erwähnt, wird heute fast alles unter Krautrock eingeordnet. Zum großen Teil liegt dies sicher auch am modernen und immer verfügbaren Kostenloslexikon, in dem Einordnungen und Behauptungen über die Zeit zur Wahrheit werden.
Moniek - Tangerine Dream - Alpha Centauri
Die Zeiten ändern sich. Wenn Tangerine Dream (…“weiche elektronische Endlosschleifen, die nach kosmischem Frieden klingen…“ Zitat: Peter Matzke) 1980 in „Rock in den 70ern“ von Tibor Kneif noch so bewertet wird…
„Ob die elektronische Musik dem Rock dauernde Impulse vermittelt hat, bleibt insgesamt fraglich. Gruppen wie Tangerine Dream und Einzelmusiker wie Klaus Schulze und Edgar Froese sind nicht bereit (oder fähig), ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes weihevolles Pathos und ein gänzlich veraltetes Tonmaterial in Einklang zu bringen mit den bereitgestellten Mitteln entwickelter Elektronik. Als eine problematische Zwittergattung, die weder eine ernstzunehmende Elektronik, noch eine wirkliche Rockmusik darstellt, hat der elektronische Rock in den Siebzigern dennoch eine ungemeine Popularität erlangt, nicht zuletzt wegen seiner Politikferne und wegen der von ihm geschürten Neuen Mystik, zu der zahllose desorientierte Jugendliche neigen.“
Auch hier wieder kein Wort von Krautrock; den Begriff scheint es damals nur in England gegeben zu haben - kreiert (nach Recherche Christoph Wagners) vom Virgin Plattenvertrieb in England, wo „im Oktober 1972 bei Virgin noch von „German Imports“ die Rede ist, werden im Februar 1973 die Schallplatten von Gruppen wie Ashra Temple oder Amon Düül 2 unter der Rubrik „Kraut“ geführt. Im Oktober ’73 ist dann von „Krautrock“ die Rede. (Melody Maker 28.10.1972, 3.2.1973 und 6.10.1973).“
„ ‚Krautrock’ war das Schlagwort, das die Engländer 1973 für den „German Rock“ fanden. Der Begriff, der anfänglich einen negative Beigeschmack besaß, weil „Kraut“ das historische Schimpfwort für die Deutschen war, entwickelte sich mit der Zeit zu einem Ehrentitel und Markenzeichen. Heute will jeder ein Krautrocker gewesen sein.“ (Beide Zitate aus Christoph Wagners „Der Klang der Revolte - Die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground“, SCHOTT 2013).
…kommt Julian Cope in seinem „krautrock sampler“ (One Head’s Guide To The Grosse Kosmische Musik, Der Grüne Zweig 186, verlegt durch Werner Pieper’s MedienXperimente 1996) (nur EUR 65,99 + EUR 3,00 Versandkosten Gebraucht - Akzeptabel bei medimops, Schnäppchen!; aber das Buch hat sicher jeder Interessierte, oder?) zu einem ganz anderen Urteil, nämlich seinem empathisch enthusiastischen:
„Alpha Centauri… für mich beschwor diese Platte Zeiten jenseits der Apoklaypse und diesseits der Sintflut herauf.“
„Aber diesmal hatten Tangerine Dream beim deutschen Publikum eine Saite zum Schwingen gebracht, und von Alpha Centauri verkauften sich sensationelle 20 000 Stück, wodurch die Band und die Kosmische Musik einen Einfluß gewannen, mit dem vorher niemand gerechnet hätte.“
Cope schreibt in seinem Buch natürlich aus einer sehr individuellen Sicht und sehr engagiert (z. Bsp.: „Die Harmonien auf ZEIT sind die besten Rock’n’Roll Schlaflieder.“), aber mit seinem Buch (1995 in England bei HeadHeritage erschienen) hat er wohl das Interesse und die öffentliche Wahrnehmung des „Krautrocks“ wieder ins Rampenlicht gerückt und neu begründet.
Und was hat nun Alpha Centauri mit Krautrock zu tun. Mit ROCK gar nichts, mit KRAUT alles, denn hier kommt wahrscheinlich musikalisch ganz klar zum Ausdruck, was Mani Neumeier (1970 bei GURU GURU) damals sagte: „Wir haben absolut nichts so gemacht wie die Ausländer. Ums Verrecken nicht!“ (Sounds 1/76) Es ging um die eigenen Ausdrucksformen und nicht um die Nachahmung der angloamerikanischen Vorbilder, davon wollte man, wenn auch als kleine Gruppe von Musikern, wegkommen. Allerdings, wenn man sich noch TDs „Electronic Meditation“ (1970) zu Gemüte führt, dann „Phaedra“ (1971) wird der Gegensatz der Platten allzu deutlich und die Verwunderung über TD, die Rezeption der Musik und die spätere Einordnung als Krautrock kennt fast keine Grenzen mehr.
Trotzdem: Acht Punkte fürs Kraut ohne Rock!
Mr. Upduff – Kraan – Gut und Richtig
Kraan läuft bei Tibor Kneif unter „Edelkraut“, als „virtuose und eigenwillige Gruppe mit Free-Jazz-Vergangenheit.“ In den ersten Jahren ihre Bestehens war Kraan (1972), und hier auch im Titel wohl zu hören, „deutlich von Jazz, amerikanischer Westcoast- und Soulmusik, arabischer Folklore und auch von perkussiver Musik Afrikas, Südamerikas…“ angeregt.
Nur gut, dass es auch Bücher gibt, da kann ich nachlesen, was ich eigentlich höre. Leider habe ich von Kraan gar nichts (mehr) im Regal, sehe aber, dass ich das wohl ändern müsste. Also sieben Punkte und ein Eintrag ins grüne Büchlein.
Ziggy - Pell Mell - Alone
Pell Mell lief glaub ich schon mal in einem anderen Wettbewerb („Pferdehaar trifft Katzendarm“?), dessen ungeachtet wird hier trotzdem (für mich) kein Krautrockbeitrag daraus. Die Band wird meist unter Symphonic-Prog-Rock erwähnt, Tibor Kneif erwähnt Pell Mell im Unterkapitel „Kulturrock und Mainstream“, S. 324 (des Hauptkapitels „Rock unter halbkolonialen Verhältnissen: BRD und Berlin West“) so: „Unten (stehend) können einige Rockbands mit Mainstream, Kulturrock- und Disco-Einschlag lediglich genannt, statt auch in ihrer musikalischen Eigenart gewürdigt zu werden.“ Genannt wird neben Pell Mell dann auch noch Kin Ping Meh, die hier auch im Rennen waren. In der hier bei mir versammelten einschlägigen Literatur wird Pell Mell nur zwei Mal erwähnt, deswegen flechte ich hier Wikipedia ein:
„Pell Mell war eine aus Marburg stammende Progressive Rock-Band. Sie galt als deutsche Antwort auf die holländische Klassik-Rockband Ekseption und hatte mit einer Klassik-Rock-Coverversion des Titels Moldau (nach Die Moldau von Bedřich Smetana) einen Single-Erfolg.“
„Auf dem nach ihrer Heimatstadt benannten Debütalbum, das die Gruppe 1972 in den Dierks-Studios (Stommeln) einspielte, produzierte sie einen anspruchsvollen Sound mit vielen klassischen Elementen - charakteristisch dabei der keyboardlastige Sound und der Geigenpart. Die meisten der Stücke waren Instrumentals.“
„Spätestens mit dem dritten Album, das 1975 in teilweise veränderter Besetzung eingespielt wurde, war der Sound der Gruppe endgültig symphonisch geworden, wobei sie Themen von Liszt und Rachmaninow verwendete.“
Hiermit ist die Musik Pell Mells hinreichend beschrieben. Davon unabhängig kann natürlich jeder und vor allem Ziggy die Musik einordnen, wie er gerne möchte. Im Freundeskreis liefen früher in den 70er Jahren Pell Mell und Kin Ping Meh mehr vom Tonbandgerät der glücklichen Besitzer eines solchen (mir war das immer zu teuer und die Jagd nach vernünftigen BASF-Bändern noch teurer, da nur in Devisen = Westmark erhältlich), als von Schallplatte, denn die waren musikalisch nur von kurzer Dauer interessant und wie die Tonbänder einfach zu teuer.
Firebyrd - Emergency - Springtime
Endlich mal Jazzrock im Krautrock! Und trommelt hier Lindenberg? Egal. Gut gespielt, bei nicht genauem Hinhören könnte ich meinen, Blood, Sweat & Tears treten auf, jedenfalls am Anfang. In einer anderen Konstellation hätte es auch Punkte für das / die Stücke gegeben.
Shamble - Jane - Daytime
Auch kein Krautrock für mich, selbst wenn im Kostenloslexikon ein Hinweis darauf steht. Hier im Forum wird Jane ja öfter gepostet, aber unter Krautrock würde ich die Band nie verorten. Und im Stück „Daytime“ wird genau nicht das gemacht, wovon Christoph Wagner über seine Auswahl der Bands für sein Buch schreibt:
„Ich konzentrierte mich auf diejenigen Bands und Musiker, die sich vom anglo-amerikanischen Modell von Rockmusik und vom amerikanischen Jazz lösten, und - obwohl natürlich inspiriert davon - an eigenen Konzepten bastelten. Deswegen kommen einige deutsche Gruppen - darunter sogar sehr erfolgreiche wie die Scorpions, Triumvirat, Lucifer’s Friend, Karthago oder Jane- gar nicht oder nur am Rande vor.“
Sorry, Null Punkte.
Xanadu - Sahara - Marie Celeste
Die Band wird wie viele andere in diesem vorgenannten Abschnitt - siehe Pell Mell - erwähnt:
„Unten (stehend) können einige Rockbands mit Mainstream, Kulturrock- und Disco-Einschlag lediglich genannt, statt auch in ihrer musikalischen Eigenart gewürdigt zu werden.“
Hier gesellt sich zu Pell Mell und Kin Ping Meh noch Sahara.
Dan - Pinguin - Der grosse rote Vogel
Klingt nach einer DDR-Band, etwas bemüht. Im Krautrockkontext habe ich von Pinguin noch nie gehört. Und auch wenn green-brain & friends die Platte erwähnen, für mich unter Krautrock schwer einzuordnen.
Benefit - Streetmark - Dreams
Die beiden Tubeneinträge zum Video zeigen, wie aus elektronischer Musik Krautrock wird:
„Hochgeladen am 11.11.2011
Elektronik-Rock aus deutschen Landen mit, dem schon wunderbaren, Wolfgang Riechmann.“
„70's-Elektronic-Progressive-Kraut-Rock from Germany ...“
Trotzdem schöne Musik.
Trurl - Agitation Free - Ala Tul
Eintrag ins Grüne Büchlein.
„Kosmische Sounds und sphärische Klänge - Die Anfänge der elektronischen Musik in Berlin“ - so die Überschrift des Kapitels aus Christoph Wagners Buch (s.o.), daneben ein großes Bild von Michael Hoenig, dem Keyboarder der Band. Im Kapitel fallen im Zusammenhang mit Agitation Free Stichworte wie „Minimal Music“, Namen wie Terry Riley, Steve Reich und La Monte Young. Agitation Free gingen bei Thomas Kessler im Tonstudio der Wilmersdorfer Jugendmusikschule in Berlin, dem „Electronic Beat Studio“ in der Pfalzburger Straße zur „Schule“. Das Studio sollte sich für Jahre „zu einer wichtigen Keimzelle der elektronischen Rockmusik in Berlin“ entwickeln. Insgesamt ein sehr informatives und lesenswertes Kapitel des Buches. Ich empfehle es dringend!
Ach ja, Punkte gab’s auch noch für das Stück….
radiot - amon düül - "singvögel rückwärts (singvögel vorwärts)"
Ja wie denn nun, vorwärts, rückwärts, oder wie? Eine der seltsamsten musikalischen Berührungspunkte damals. Wir wussten nicht was wir hörten, noch wussten wir damit etwas anzufangen. Losgelassen hat die Musik dann doch nicht und vergessen ist sie auch nicht. Nur leider wurde hier ein besserer Titel von Amon Düül (2) ins Rennen geschickt, sonst hätte ich mehr fette Punkte mit den Singvögeln kassiert! Oder?
Stattmeister - Kin Ping Meh - Everythings my way
„1973 schaltete ‚Polydor’ für einen Sampler mit seinen Gruppen Out of Focus, Abacus, Kin Ping Meh und Ihre Kinder im Rockmagazin ‚Flash’ eine ganzseitige Anzeige mit dem Slogan ‚Jetzt rockt Deutschland - Deutsch-Rock (Do-LP) - Heiß und Aktuell.“ (Zitat Christoph Wagner, aus Flash, Mai 1973)
Also für mich: Deutsch-Rock ja, Krautrock nein. Sogar Holzohr hört, dass das Stück ein simples Rockstück ist.
nixe - Grobschnitt- Solar Music Live 78 Complete version
Auch Grobschnitt wird bei Tibor Kneif unter „Kulturrock und Mainstream“ gelistet. Aber von einem, diesem Titel hier, kann nicht unbedingt auf alles von Grobschnitt geschlossen werden, zumal auf den Grobschnittplatten das live-feeling (welches ich ja landschaftsbedingt nie erleben konnte) schlecht rüberkommt.
Allerdings höre ich hier nur reine Rockmusik (was immer dies auch sein mag!),voller Zitate und Wendungen, wie sie von anderen und ähnlichen Rockbands hinlänglich bekannt sind. Auch wenn Grobschnitt immer und immer wieder mit Krautrock in Verbindung gebracht werden - für mich ist dieses Stück Rock, nicht Krautrock.
freaksound: Epsilon - 2-Four-4
Und hier bleibt mir nur noch, Rudi Vogel zu zitieren:
„Dass Ortel und Pfannmüller geübte Klavierspieler sind, hört man dem Album an. Der Sound ist angloamerikanisch geprägt, "Nice und Rock 'n' Roll-Vorbilder standen unvereint nebeneinander" (Rock in Deutschland, Pressetext).“
„Nun, das hört sich schlimmer an, als es ist. Mit dem Debütalbum von Epsilon bin ich groß geworden und es ist eines meiner Lieblings-Krautrock-Alben. Die Band ist exzellent und hat für mich den typischen Bacillus-Sound. Die Kompositionen sind exzellent, die Musiker ebenso. Neben den exzellenten Keyboards fällt vor allem der tiefe, kräftige Gesang auf.
(Rudi Vogel alias green-brain)“
Auf alle Fälle schönes Orgelspiel und Tastendrückerei. Krautrock? Geschmackssache.