Auch ich mußte das heute morgen in der SZ lesen:
Klangartist im Muskelshirt
Er war der große Athlet des Jazz: der schwedische Pianist Esbjörn Svensson. Nun ist er bei einem Tauchausflug ums Leben gekommen.
Von Alex Rühle
Manche Meldungen erwischen einen so hart, als sei man gegen einen Betonpfosten gelaufen. Esbjörn Svensson. Das ist doch der große Athlet des Jazz, der Mann, der immer mit Handtuch um die Schultern auf die Bühne kam und selbst nach der dritten Zugabe noch aussah, als sei er 25 und gerade von einem Dauerlauf nach Hause zurückgekehrt. Esbjörn Svensson ist am Samstag gestorben.
"Ich spiele Klavier, weil wir kein anderes Instrument zu Hause hatten. Schlagzeug wäre mir eigentlich lieber gewesen. Aber dann kam Magnus Öström mit seinen Trommeln und ich blieb beim Klavier. Denn wir sind gemeinsam aufgewachsen und haben von Anfang an zusammen Musik gemacht."
Der entspannte Ton, in dem Svensson einmal im Interview über seine Anfänge erzählte, war ganz und gar typisch für die unprätentiöse Art des schwedischen Jazzpianisten. Svensson, Sohn einer Klassikpianistin, formte 1990 mit Öström und dem Bassisten Dan Berglund die Band e.s.t.
"From Gagarin's Point Of View", das erste Album, das außerhalb Schwedens erschien, brachte den drei Schweden 1999 den internationalen Durchbruch. Nach "Good Morning Susie Soho" und erst recht mit dem 2002 erschienenen "Strange Place for Snow" wurden Svensson und seine beiden Freunde mit alllen erdenklichen Musikpreisen überhäuft.
"Hmmm, ist das Jazz?"
Als erste europäische Jazzband kamen sie auf das Cover des amerikanischen Jazzmagazins Downbeat und brachen mit ihren an Popsongs geschulten, userfreundlichen Kompositionen in der Jazzwelt eine Debatte vom Zaun, was denn noch echter Jazz sei und was nicht. "Hmmm, ist das Jazz?" fragte er mal, Jetlag im Blick, er war da gerade auf Welttournee, "ich weiß es nicht."
Angesprochen auf den Rummel um seine Person, darauf, dass seine Kompositionen auf MTV liefen, fuhr er sich mit der Hand übers raspelkurze Haar, und sagte nur, wenn irgendwelche Leute ihn Popstar des Jazz nennen, könne er auch nichts dran ändern.
Wenn er in Cargohose und Muskelshirt die Bühne betrat, wenn er sich zwischen den Nummern wie ein Tennisspieler Gesicht und Hände abtrocknete und ein paar Schluck aus seiner Flasche nahm, signalisierte er immer auch: Kinder, das hier ist Musik mit Bauchmuskeln. Rückhandvolleyjazz.
Manche seiner Improvisationen glichen technoidem Pulsen, in solchen Momenten schmiegten sich seine Improvisationen in ihrer linearen Eleganz so glatt an die Themen wie eine enge Läuferhose an ein schöngeformtes Bein. Manchmal aber brach es in den Konzerten geradezu rachmaninoffisch aus ihm heraus, er konnte sich dann oktavgreifend in winzige Patterns hineinwühlen, sie verflüssigen wie Klangmagma.
Klangliche Gleichberechtigung
Immer aber war ihm das Trio wichtiger als das Solospiel, ja selten kam ein Trio dem Ideal von der klanglichen Gleichberechtigung so nah wie e.s.t. Ihren an Keith Jarretts Quartett orientierten Klang betteten die drei Schweden oft in Ambient-Hintergründe ein und verbanden so den Jazz mit dezentem Programming, ohne dass dabei je Fusion-brei herausgekommen wäre.
Einmal in München, das war 2003, widmete er den letzten Song des Abends seinem Sohn Ruben, der ein paar Tage später zehn Jahre alt wurde. Mit Ruben ging Esbjörn Svensson am Wochenende zum Tauchen - und ist dabei ertrunken. Er wurde 44 Jahre alt.
(SZ vom 16.6.2008/gal)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/,ra4l1/kultur/artikel/36/180480/