HAWKWIND - Phase 4 (Technology in Rock)

 
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HAWKWIND - Phase 4 (Technology in Rock)

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Gepostet: 03.07.2006 - 20:01 Uhr  ·  #1
Wir sind in den 90ern und auch da möchte ich ausführlicher werden.

Beginnen wir gleich mal im Jahre 1990. Hawkwind präsentieren eine echte Neuerung. Mit Bridget Wishart ist eine Sängerin auf der Kommandobrücke angekommen. Zu hören auf dem Album „Space Bandits“. Das fetzt gleich los mit dem über 9minütigen „Images“ und gleich ist man in alten Zeiten. Ein straighter Rhythmus, energisch, kräftig und Wishart’s Stimme passt so gut dazu, als ob sie schon immer dabei wäre. Erster Volltreffer. „Black Elk Speaks“ beginnt mit dumpfen Indianer-Trommeln aus der Steckdose und Häuptling Black Elk hält dazu ein wunderschönes Gebet, das langsam in nen treibenden HW Song übergeht. Zweiter Volltreffer. Vögel zwitschern und langsam nimmt der nächste Song - „Wings“ - Fahrt auf. Sehr schön melodiös gesungen von Bassist Alan Davey. Dritter Volltreffer. Insgesamt ist das ganze Album ordentlich rockig, treibend, moderner als früher und einfach gut, macht Spass. Wo waren bloss diese Attribute in den Vorjahren ?

1991 kommt „Palace Springs“, ein Livealbum bei dem sie das Publikum weggemischt haben (bis auf ein oder zwei Stellen) mit Material der „Space Bandits“ Tour mit Wishart plus zwei neuer Songs in Liveversionen. Mein Wiedereinstiegsalbum war das, nachdem ich sie durch ihre Mitt- bis Spätachtziger Eskapaden aus den Ohren verloren hatte. Bis heute gehört Palace Springs zu den am meisten aufgelegten Scheiben bei mir überhaupt. Typischer HW Sound, nicht zu hart und einfach rund und stimmig.

Wie schon gewohnt, hält diese Besetzung nicht. Wishart steigt aus, weil Hawkwind eine „Männer-Band“ ist und sie das Gefühl hat dass ihre Ideen in Sachen Sound und Performance nicht wirklich ernst genommen werden. Wer sich in Sachen Performance ein Bild machen will – es gibt ein HW Konzert aus Nottingham 1991 auf DVD namens „Classic Rock Legends“. Hier bekommt man schon eine Ahnung das es mit Bridgette Wishart mehr in Richtung Kunst-Performance gegangen wäre. Schade finde ich dass diese Kollaboration nicht weiterbestand.

Neben Wishart gehen gleich noch Violinist Simon House (der aber immer mal dabei und dann wieder nicht ist) und mit Harvey Bainbridge (Keyboards, Synths) auch ein Musiker der Dave Brock schon seit den Hawklords begleitet hatte.

Da warens also nur noch drei. Davey (Bass, Gesang), Chadwick (Drums) und Brock (Gitarre) basteln zu dritt das Album „Electric Tepee“. Die Keyboards übernehmen ab sofort Brock und Davey zusätzlich, im Studio wie auf der Bühne. Leider ist das Album recht langweilig. Außer dem Opener „LSD“ muß man davon eigentlich nix haben. Da war der Schock der Abgänge wohl doch groß.

1993 hatten sie sich wieder gefangen, aber in ner ganz anderen Richtung. „It is the business of the future, to be dangerous“. Das Album mit dem längsten Titel der Hawkwind Geschichte, ist alles andere als “Gefährlich”. Aber mir gefällts ausnehmend gut. Brock beginnt sich für ethnische Kulturen zu interessieren, entdeckt nach den Indianern diesesmal Tibet, und herauskommt auf diesem Album eine Art „Ambient-Rock“. Die ersten 5 Titel sind gleich alle instrumental und überwiegend ruhig, mit fernöstlichen Motiven angereichert. Für mich ein Volltreffer der unerwarteten Art, da ich ja solcherart Musik sehr schätze. Gerockt wird auf dem Album nur sehr dezent und erst beim (überflüssigen) Cover von „Gimme shelter“ wird’s richtig rockig. Bis auf dieses Stück, ein Lieblingsalbum der Hawks von mir und anders als alles was sie sonst gemacht haben.

1994 folgt das Livealbum „The business trip“ (auf dieser Tour sah ich sie zum erstenmal) welches die neuen ruhigen Stücke mit nahtlos ineinander übergehenden rockigen Songs, älteren Datums mischt. Die fehlenden Bandmitglieder ersetzen sie live mit Bravour, indem sie mit vielen intelligenten und spannenden Sound-Samples die Lücken füllen während Brock an der Gitarre und Davey am Bass alles geben. Saustarkes Konzert mit interessanter Optik (z.B. tibetische Tänzerinnen, und wunderschöne psychedelische Farben und Dias) und einfach Klasse-Musik.

Ein Jahr später hat sich natürlich schon wieder so einiges geändert. Sänger Ron Tree ist neu dabei. „Alien 4“ ist ein Konzeptalbum mit einer durchgängig erzählten und vertonten SF Geschichte. Metallisch hart und kühl ist ihr Sound, als auch Tree’s Gesang. Zuerst gewöhnungsbedürftig, gewann das Album mit jedem Hören. 1996 dann das, wie üblich nun zugehörige (diesmal Doppel), Live Album „Love in space“ welches auch als Video (nun DVD) erschienen ist. Sound wie beim Studioalbum nur noch stimmiger und runder. Auch alte Songs werden jetzt ausgegraben und in das neue Werk mit eingepasst. Hervorragend und ordentlich rockig, teils hart.

1997 folgt „Distant Horizons“. Neu war hier außer dem jetzt zweiten Gitarrist Jerry Richards, dass das Album nicht in Europa normal erhältlich war. Es war nur kurze Zeit als Import da und dann verschwunden und gehört darum bis heute zu den gesuchtesten HW Alben. HW hatten seit einiger Zeit ein eigenes Label, aber keinen Vertrieb zu dieser Zeit – das war der Grund.
Musikalisch geht DH noch deutlicher hin zu einer Vermischung der Rock und Hardrockelemente mit Technosounds und Beats. Bevor jetzt jeder hier aufstöhnt: Das machen sie wirklich gut, dezent, passend zum Gesamtsound und passend auch zu ihrem nun bald 30jährigem Space-Image. Trotzdem ist DH kein großes Album, da die wirklich Klasse-Songs fehlen.

Ein Jahr später erscheint „In your area“, ein Hybride aus Live- und Studioalbum. Der Liveteil ist teils so wild und hart wie lange nicht mehr, wird aber ergänzt durch intelligente auflockernde Soundteile (ein kurzer Space-Reggae mitten in Brainstorm z.B.). Der Studioblock ist dann in etwa als Science Fiction Hörspiel zu beschreiben. Natürlich gibt’s hier hauptsächlich Musik, aber viele Stimmsamples und Effekte lassen hier einen Film im Kopf entstehen. Sehr gut umgesetzt, aber leider das letzte was man bisher von HW aus dem Studio vernommen hat.

Im letzten Jahr mit der 19 vorneweg erscheint die offizielle (eher selten so was) Sammlung „Epoch Eclipse“ die in der 3CD Version gut zu empfehlen ist. Inzwischen (dem Internet sei Dank) werden HW immer unabhängiger von Record Companies, geben fleissig in England Konzerte und vereinzelt auch auf dem Festland und bringen fast pausenlos Live-Alben aus allen Hawkwind-Epochen auf den Markt. Diese sind überwiegend gut bis sehr gut. Dazu schreibe ich ne Extra-Liste. Die Musiker geben sich, bis auf Drummer Richard Chadwick, die Klinke in die Hand. Hawkwind ist nun definitiv Dave Brock.

Nach langer langer Pause erschien dann 2005 endlich ihr neues Studioalbum "Take me to your leader". Dazu extra nen Beitrag von mir.

- Space Bandits (1990)
- Palace Springs (1991)
- Electric Tepee (1992)
- It Is The Business Of The Future, To Be Dangerous (1993)
- The Business Trip - Live (1994)
- Alien 4 (1995)
- Love In Space – Live (1996)
- Distant Horizons (1997)
- In Your Area (1998)
- Epoch Eclipse (1999)

Hier tu ich mich furchtbar schwer. Das ganze Jahrzehnt über sind sie mir so richtig erst ans Herz gewachsen. Diese Mischung aus straightem Rock, mit technischen, technoiden Spielereien plus Science Fiction Themen, die sie nun mehr denn je dazugeben macht mich süchtig. Für viele von euch ist der Sound wohl durch die vielen vielen Technik-Spielereien leider wohl nix, für mich begann es damit so richtig erst. Eine Band die sich die Science Fiction auf die Fahne geschrieben hat, kommt um ernstgenommen zu werden, meiner Meinung nach, gar nicht an all den ganzen technischen Neuerungen vorbei.

Also als Einstiegsalbum ring ich mir gerade noch „Palace Springs“ ab (siehe oben den Grund). Aber eigentlich muß ich hier bis auf „Electric Tepee“ und „Distant Horizons“ wohl alle nennen, denn zumindest ich hätte mit jedem anderen 90er-Album den Einstieg zu dieser Band geschafft.
Auf alle Fälle kann man sagen: In diesen Jahren wurden Hawkwind erstens zur Kultband über Rockgrenzen hinaus (sie sind inzwischen in der Techno-Trance Szene auch als so eine Art Vorreiter angesehen), zweitens schafften sie es sich auf unabhängige Beine zu stellen und drittens sind sie wohl auch soundtechnisch nun zuhause angekommen, da diese Mischung nun schon ne ganze Weile anhält.

Jerry, der jetzt Bord seines Shuttles geht

P.S: Das 2000er Album "Spacebrock" erschien zwar unter Hawkwind, aber der Titel sagt es schon - es ist ein Dave Brock Soloalbum. Drum hier nicht dabei
Tom Cody
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Re: HAWKWIND - Phase 4 (Technology in Rock)

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Gepostet: 05.06.2012 - 21:13 Uhr  ·  #2
Phase 4 ist so an mir vorbeigezogen! 😉
hmc
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Re: HAWKWIND - Phase 4 (Technology in Rock)

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Gepostet: 17.08.2013 - 13:07 Uhr  ·  #3
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