So, liebe Musikfreunde, diesmal gibt es zwar einen alten Schinken, aber immer noch frischen Sound auf die Ohren. Dank des Shuffle-Modus meiner NAS wurde nämlich ein ganz bestimmter, allseits bekannter Song von CANNED HEAT wieder an die Oberfläche und damit auch in mein Gedächtnis gespült. Hier ist von niemand Geringerem als On The Road Again die Rede. Ein paar Takte davon gehört, und schon war die Erinnerung an eine CD wieder da, die schon mehr als lange unbeachtet im Regal stand.
Also flugs „Boogie With Canned Heat“ hervorgeholt und die komplette Scheibe laufen lassen. Dabei stellte sich ziemlich schnell heraus, dass man die Band keineswegs auf diesen einen Gassenhauer reduzieren sollte. Klar, On The Road Again ist der große Ohrwurm und Alan Wilsons ungewöhnlich hohe Stimme macht den Song ohnehin unverwechselbar. Beim erneuten Hören sind mir diesmal allerdings vor allem die Gitarren aufgefallen. Die haben nämlich deutlich mehr zu bieten, als ich sie aus meiner Erinnerung abgespeichert hatte. Nun aber, auf geht's, wie frisch kommt die Scheibe heute rüber?
CANNED HEAT - Boogie With Canned Heat | 1968 | USA | Blues Rock / Boogie Rock
Schon bei den ersten Stücken wird klar, was diese Band damals so besonders machte. Da kommt Blues zusammen mit Boogie, ein Schuss Psychedelic darf ebenfalls nicht fehlen, dazu dieser leicht schmuddelige, ungeschliffene Klang, der vielen Aufnahmen aus dieser Zeit inzwischen fast schon etwas Sympathisches gibt. CANNED HEAT wollen hier keine Hochglanzproduktion abliefern. Die Musik darf atmen, rumpeln und gelegentlich auch einmal ordentlich aus dem Rahmen fallen.
So machen Evil Woman, My Crime und natürlich On The Road Again ziemlich schnell klar, wohin die Reise geht. Der Blues wird hier nicht geschniegelt und gebügelt präsentiert. Die Stücke haben Ecken, die Gitarren dürfen auch einmal etwas rauer klingen und über allem liegt diese eigentümliche Mischung aus Blues, Boogie und einer leichten psychedelischen Färbung.
Bei den Stimmen haben wir mit Bob Hite und Alan Wilson (...auf On the Road Again und An Owl Song) gleich zwei ziemlich unterschiedliche Charaktere. Hite bringt das kräftige, raue Bluesorgan mit, während Wilson geradezu das Gegenteil verkörpert. Seine hohe, fast zerbrechlich wirkende, fistelige Stimme bei On The Road Again klingt zunächst beinahe so, als würde sie gar nicht richtig zu diesem wuchtigen Bluesrock-Unterbau passen. Aber, genau diese Kombination macht den Song allerdings so unverwechselbar.
Noch stärker hängen geblieben ist mir diesmal allerdings das Gitarrenspiel. Henry Vestine und Alan Wilson gehen dabei durchaus unterschiedlich zu Werke. Vestine spielt rauer, direkter und häufig ziemlich bissig. Wilson bringt dagegen eine etwas feinere, bluesigere Note hinein und sorgt mit seiner Gitarre dafür, dass die Stücke nicht einfach nur nach einer weiteren Bluesrock-Band klingen. Gerade dieses Zusammenspiel macht einen großen Teil des Reizes aus.
Bei ---> My Crime oder ---> Amphetamine Annie lässt sich das bereits gut beobachten. Die Gitarren sind nicht einfach nur Begleitung für den Gesang. Sie schieben die Stücke an, antworten aufeinander und setzen immer wieder kleine Stiche. Man hat nie den Eindruck, dass hier einfach ein vorher festgelegtes Schema abgespult wird. Die Musiker lassen den Songs genügend Luft, um sich zu entwickeln. (My Crime, so mein erster Gedanke, hätte auch gut und gerne auch auf einer Scheibe von J.L.Hooker erscheinen können). Dann folgt der Song, der wohl auch Nicht-Bluesern bekannt sein dürfte: ---> On The Road Again. Der Song ist völlig zu Recht der bekannteste Titel des Albums. Alan Wilsons Stimme, die hypnotische Rhythmusarbeit, Mundharmonika und Gitarre ergeben eine ziemlich eigenartige Mischung. Gerade seine Stimme sorgt dafür, dass sich der Song aus dem damaligen Bluesrock-Einerlei deutlich heraushebt.
Interessant ist für mich heute allerdings, dass ausgerechnet dieser bekannte Gassenhauer beim erneuten Hören gar nicht mehr unbedingt mein persönlicher Höhepunkt der Platte ist. Der Shuffle-Modus hat zwar dafür gesorgt, dass ich überhaupt wieder auf das Album aufmerksam geworden bin. Beim kompletten Durchlauf waren es dann eher die Gitarrenarbeit und die längeren Passagen, die mich gepackt haben.
Auch die übrigen Stücke können sich hören lassen. World In A Jug, Turpentine Moan, Whiskey Headed Woman No. 2 oder Marie Laveau zeigen verschiedene Spielarten dessen, was CANNED HEAT damals unter Blues und Boogie verstanden. Mal geht es ziemlich direkt zur Sache, mal wird es etwas verspielter. Bei ---> World In A Jug gefällt mir vor allem dieser lässige Blues-Groove. Dazu kommen schöne Gitarrenpassagen und genau die richtige Portion Rauheit – ein kleines, feines Stück auf der Platte. ---> An Owl Song bringt zusätzlich eine ruhigere, fast entrückte Farbe ins Album - klingt für mich heute jedoch etwas altbacken.
Dann kommt allerdings der ganz große Brocken: Fried Hockey Boogie, der mir die wiederentdeckten Canned Heat richtig schmackhaft macht.
Mit gut elf Minuten ist das Stück nicht nur der längste Titel des Albums. Eigentlich handelt es sich dabei fast um eine kleine Live-Nummer, die sich mitten auf der Studioaufnahme breitmacht und einfach macht, was sie will. Wer bei der Anzeige "elf Minuten Laufzeit" schon nervös auf die Skip-Taste schaut, sollte sie diesmal besser liegen lassen.
---> Fried Hockey Boogie beginnt zunächst ziemlich unspektakulär mit einem treibenden Boogie-Rhythmus. Genau dieser stoische Grundrhythmus ist aber die Grundlage für das, was danach passiert. Bass, Schlagzeug und Gitarren halten den Motor am Laufen, während sich die Band immer weiter in diesen Groove hineinarbeitet. Larry Taylor am Bass liefert dabei ein Fundament, auf dem sich die anderen Musiker ziemlich ungeniert austoben können. Fito de la Parra hält den Laden am Schlagzeug zusammen, ohne den Boogie unnötig mit irgendwelchen Kunststückchen zuzupflastern.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=tRYKAMjKgto
Besonders interessant wird es bei den Gitarren. Henry Vestine und Alan Wilson bekommen hier wesentlich mehr Raum als in den kürzeren Songs. Die beiden müssen nicht ständig darauf achten, nach drei Minuten wieder beim Refrain zu landen. Stattdessen können sie Linien aufnehmen, verlängern, beantworten und wieder verschwinden lassen. Genau daraus entsteht dieser typische Jam-Charakter.
Das Stück lebt deshalb weniger von irgendwelchen großen musikalischen Überraschungen als von seiner Entwicklung innerhalb des immer gleichen Grundgerüsts. Der Rhythmus bleibt hartnäckig bestehen, darüber verschieben sich die Gewichte. Mal steht die Gitarre stärker im Vordergrund, mal übernimmt der Rhythmus die Führung. Zwischendurch meldet sich Bob Hite zu Wort und stellt die einzelnen Musiker vor. Dadurch bekommt die Nummer fast den Charakter einer kleinen Bühnenvorstellung.
Gerade diese Ansagen finde ich charmant. Das Ganze klingt nicht nach einer sorgfältig geplanten Studioübung, sondern eher danach, dass eine Band einfach Spaß daran hat, miteinander zu spielen. Die Musiker werden nacheinander ins Rampenlicht geschoben, dürfen ein bisschen zeigen, was sie können, und anschließend geht der Boogie einfach weiter.
Für mich ist dabei vor allem Henry Vestines Gitarrenspiel interessant. Seine Art zu spielen hat nichts besonders Glattes. Da wird ordentlich Druck gemacht, ohne dass es in irgendeine reine Virtuosenveranstaltung ausartet. Alan Wilson setzt dazu einen anderen Akzent. Sein Spiel wirkt häufig etwas zurückgenommener und bluesiger. Gerade dieser Kontrast zwischen den beiden Gitarristen hält Fried Hockey Boogie über die lange Strecke interessant.
Elf Minuten können verdammt lang sein. Gerade bei einem simplen Boogie-Rhythmus wäre es ziemlich leicht, irgendwann in endloses Gedudel abzurutschen. CANNED HEAT bekommen das erstaunlich gut hin. Das Stück hat zwar einen immer wiederkehrenden Kern, bleibt aber durch die wechselnden Instrumentalpassagen und die Interaktion der Musiker in Bewegung.
Dadurch empfinde ich Fried Hockey Boogie heute sogar als eines der spannendsten Stücke der Platte. Der Song zeigt ziemlich unverblümt, worum es CANNED HEAT eigentlich ging: Blues nicht nur nachzuspielen, sondern ihn laufen zu lassen. Die Band nimmt sich die Freiheit, aus einem relativ einfachen musikalischen Ausgangspunkt eine ausgedehnte Session zu machen. Kein überkonstruiertes Konzept, kein großes Brimborium – einfach Musiker, die ihren Blues kennen und offenbar ziemlich viel Spaß daran haben, ihn auszureizen.
Nach diesem erneuten Durchlauf frage ich mich jedenfalls, warum die CD so lange unbeachtet herumgestanden hat. Der NAS-Shuffle hat mir diesmal tatsächlich einen ziemlich brauchbaren musikalischen Erinnerungsdienst geleistet.
Wenngleich ich Blues sehr gerne höre, ist er bei mir in den letzten Jahren doch ein wenig in Vergessenheit geraten. Dank dieser Zufallsspülung wird sich das vermutlich wieder ändern. Zunächst werde ich wohl einmal die Bluesheroen aus dem Regal ziehen, die für mich eine gewisse musikalische Nähe zu CANNED HEAT haben. JOHN LEE HOOKER gehört da für mich ganz nach vorne, besonders wegen dieses stoischen, hypnotischen Boogie-Rhythmus und seiner ganz eigenen Art, aus wenigen musikalischen Zutaten unglaublich viel herauszuholen. Aber auch John Mayall, Johnny Winter oder die ALLMAN BROTHERS BAND fallen mir mit einer gewissen Nähe zu CANNED HEAT noch ein.
Vielleicht habt ihr aber noch einen einzigen Tipp, der in diese Richtung geht und den ich mir unbedingt anhören sollte. Mehr möchte ich gar nicht wissen – sonst steht hier am Ende wieder der halbe Blues-Bestand des Forums auf meiner Einkaufsliste.
Eine kleine Anmerkung zum Schluss sei mir noch erlaubt: Wenn das Plattencover nur halb so gut wäre wie die Scheibe selbst, wäre die Sache wirklich rund. Die Gestaltung gehört nun wahrlich nicht zu den großen Glanzleistungen der Musikgeschichte. Aber letztendlich geht es hier ja um das, was zwischen den Lautsprechern herauskommt. Einen Preis für besonders gelungene Grafik muss CANNED HEAT mit „Boogie With Canned Heat“ jedenfalls nicht gewinnen. Dafür gibt es schließlich die Musik – und die kann sich auch nach fast sechs Jahrzehnten noch ziemlich gut hören lassen.
[Die Band]
* Bob Hite – Gesang
* Alan Wilson – Gesang, Gitarre, Mundharmonika
* Henry Vestine – Gitarre
* Larry Taylor – Bass
* Adolfo „Fito“ de la Parra – Schlagzeug
[Die Songs]
* Evil Woman
* My Crime
* On The Road Again
* World In A Jug
* Turpentine Moan
* Whiskey Headed Woman No. 2
* Amphetamine Annie
* An Owl Song
* Marie Laveau
* Fried Hockey Boogie
Also flugs „Boogie With Canned Heat“ hervorgeholt und die komplette Scheibe laufen lassen. Dabei stellte sich ziemlich schnell heraus, dass man die Band keineswegs auf diesen einen Gassenhauer reduzieren sollte. Klar, On The Road Again ist der große Ohrwurm und Alan Wilsons ungewöhnlich hohe Stimme macht den Song ohnehin unverwechselbar. Beim erneuten Hören sind mir diesmal allerdings vor allem die Gitarren aufgefallen. Die haben nämlich deutlich mehr zu bieten, als ich sie aus meiner Erinnerung abgespeichert hatte. Nun aber, auf geht's, wie frisch kommt die Scheibe heute rüber?
CANNED HEAT - Boogie With Canned Heat | 1968 | USA | Blues Rock / Boogie Rock
Schon bei den ersten Stücken wird klar, was diese Band damals so besonders machte. Da kommt Blues zusammen mit Boogie, ein Schuss Psychedelic darf ebenfalls nicht fehlen, dazu dieser leicht schmuddelige, ungeschliffene Klang, der vielen Aufnahmen aus dieser Zeit inzwischen fast schon etwas Sympathisches gibt. CANNED HEAT wollen hier keine Hochglanzproduktion abliefern. Die Musik darf atmen, rumpeln und gelegentlich auch einmal ordentlich aus dem Rahmen fallen.
So machen Evil Woman, My Crime und natürlich On The Road Again ziemlich schnell klar, wohin die Reise geht. Der Blues wird hier nicht geschniegelt und gebügelt präsentiert. Die Stücke haben Ecken, die Gitarren dürfen auch einmal etwas rauer klingen und über allem liegt diese eigentümliche Mischung aus Blues, Boogie und einer leichten psychedelischen Färbung.
Bei den Stimmen haben wir mit Bob Hite und Alan Wilson (...auf On the Road Again und An Owl Song) gleich zwei ziemlich unterschiedliche Charaktere. Hite bringt das kräftige, raue Bluesorgan mit, während Wilson geradezu das Gegenteil verkörpert. Seine hohe, fast zerbrechlich wirkende, fistelige Stimme bei On The Road Again klingt zunächst beinahe so, als würde sie gar nicht richtig zu diesem wuchtigen Bluesrock-Unterbau passen. Aber, genau diese Kombination macht den Song allerdings so unverwechselbar.
Noch stärker hängen geblieben ist mir diesmal allerdings das Gitarrenspiel. Henry Vestine und Alan Wilson gehen dabei durchaus unterschiedlich zu Werke. Vestine spielt rauer, direkter und häufig ziemlich bissig. Wilson bringt dagegen eine etwas feinere, bluesigere Note hinein und sorgt mit seiner Gitarre dafür, dass die Stücke nicht einfach nur nach einer weiteren Bluesrock-Band klingen. Gerade dieses Zusammenspiel macht einen großen Teil des Reizes aus.
Bei ---> My Crime oder ---> Amphetamine Annie lässt sich das bereits gut beobachten. Die Gitarren sind nicht einfach nur Begleitung für den Gesang. Sie schieben die Stücke an, antworten aufeinander und setzen immer wieder kleine Stiche. Man hat nie den Eindruck, dass hier einfach ein vorher festgelegtes Schema abgespult wird. Die Musiker lassen den Songs genügend Luft, um sich zu entwickeln. (My Crime, so mein erster Gedanke, hätte auch gut und gerne auch auf einer Scheibe von J.L.Hooker erscheinen können). Dann folgt der Song, der wohl auch Nicht-Bluesern bekannt sein dürfte: ---> On The Road Again. Der Song ist völlig zu Recht der bekannteste Titel des Albums. Alan Wilsons Stimme, die hypnotische Rhythmusarbeit, Mundharmonika und Gitarre ergeben eine ziemlich eigenartige Mischung. Gerade seine Stimme sorgt dafür, dass sich der Song aus dem damaligen Bluesrock-Einerlei deutlich heraushebt.
Interessant ist für mich heute allerdings, dass ausgerechnet dieser bekannte Gassenhauer beim erneuten Hören gar nicht mehr unbedingt mein persönlicher Höhepunkt der Platte ist. Der Shuffle-Modus hat zwar dafür gesorgt, dass ich überhaupt wieder auf das Album aufmerksam geworden bin. Beim kompletten Durchlauf waren es dann eher die Gitarrenarbeit und die längeren Passagen, die mich gepackt haben.
Auch die übrigen Stücke können sich hören lassen. World In A Jug, Turpentine Moan, Whiskey Headed Woman No. 2 oder Marie Laveau zeigen verschiedene Spielarten dessen, was CANNED HEAT damals unter Blues und Boogie verstanden. Mal geht es ziemlich direkt zur Sache, mal wird es etwas verspielter. Bei ---> World In A Jug gefällt mir vor allem dieser lässige Blues-Groove. Dazu kommen schöne Gitarrenpassagen und genau die richtige Portion Rauheit – ein kleines, feines Stück auf der Platte. ---> An Owl Song bringt zusätzlich eine ruhigere, fast entrückte Farbe ins Album - klingt für mich heute jedoch etwas altbacken.
Dann kommt allerdings der ganz große Brocken: Fried Hockey Boogie, der mir die wiederentdeckten Canned Heat richtig schmackhaft macht.
Mit gut elf Minuten ist das Stück nicht nur der längste Titel des Albums. Eigentlich handelt es sich dabei fast um eine kleine Live-Nummer, die sich mitten auf der Studioaufnahme breitmacht und einfach macht, was sie will. Wer bei der Anzeige "elf Minuten Laufzeit" schon nervös auf die Skip-Taste schaut, sollte sie diesmal besser liegen lassen.
---> Fried Hockey Boogie beginnt zunächst ziemlich unspektakulär mit einem treibenden Boogie-Rhythmus. Genau dieser stoische Grundrhythmus ist aber die Grundlage für das, was danach passiert. Bass, Schlagzeug und Gitarren halten den Motor am Laufen, während sich die Band immer weiter in diesen Groove hineinarbeitet. Larry Taylor am Bass liefert dabei ein Fundament, auf dem sich die anderen Musiker ziemlich ungeniert austoben können. Fito de la Parra hält den Laden am Schlagzeug zusammen, ohne den Boogie unnötig mit irgendwelchen Kunststückchen zuzupflastern.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=tRYKAMjKgto
Besonders interessant wird es bei den Gitarren. Henry Vestine und Alan Wilson bekommen hier wesentlich mehr Raum als in den kürzeren Songs. Die beiden müssen nicht ständig darauf achten, nach drei Minuten wieder beim Refrain zu landen. Stattdessen können sie Linien aufnehmen, verlängern, beantworten und wieder verschwinden lassen. Genau daraus entsteht dieser typische Jam-Charakter.
Das Stück lebt deshalb weniger von irgendwelchen großen musikalischen Überraschungen als von seiner Entwicklung innerhalb des immer gleichen Grundgerüsts. Der Rhythmus bleibt hartnäckig bestehen, darüber verschieben sich die Gewichte. Mal steht die Gitarre stärker im Vordergrund, mal übernimmt der Rhythmus die Führung. Zwischendurch meldet sich Bob Hite zu Wort und stellt die einzelnen Musiker vor. Dadurch bekommt die Nummer fast den Charakter einer kleinen Bühnenvorstellung.
Gerade diese Ansagen finde ich charmant. Das Ganze klingt nicht nach einer sorgfältig geplanten Studioübung, sondern eher danach, dass eine Band einfach Spaß daran hat, miteinander zu spielen. Die Musiker werden nacheinander ins Rampenlicht geschoben, dürfen ein bisschen zeigen, was sie können, und anschließend geht der Boogie einfach weiter.
Für mich ist dabei vor allem Henry Vestines Gitarrenspiel interessant. Seine Art zu spielen hat nichts besonders Glattes. Da wird ordentlich Druck gemacht, ohne dass es in irgendeine reine Virtuosenveranstaltung ausartet. Alan Wilson setzt dazu einen anderen Akzent. Sein Spiel wirkt häufig etwas zurückgenommener und bluesiger. Gerade dieser Kontrast zwischen den beiden Gitarristen hält Fried Hockey Boogie über die lange Strecke interessant.
Elf Minuten können verdammt lang sein. Gerade bei einem simplen Boogie-Rhythmus wäre es ziemlich leicht, irgendwann in endloses Gedudel abzurutschen. CANNED HEAT bekommen das erstaunlich gut hin. Das Stück hat zwar einen immer wiederkehrenden Kern, bleibt aber durch die wechselnden Instrumentalpassagen und die Interaktion der Musiker in Bewegung.
Dadurch empfinde ich Fried Hockey Boogie heute sogar als eines der spannendsten Stücke der Platte. Der Song zeigt ziemlich unverblümt, worum es CANNED HEAT eigentlich ging: Blues nicht nur nachzuspielen, sondern ihn laufen zu lassen. Die Band nimmt sich die Freiheit, aus einem relativ einfachen musikalischen Ausgangspunkt eine ausgedehnte Session zu machen. Kein überkonstruiertes Konzept, kein großes Brimborium – einfach Musiker, die ihren Blues kennen und offenbar ziemlich viel Spaß daran haben, ihn auszureizen.
Nach diesem erneuten Durchlauf frage ich mich jedenfalls, warum die CD so lange unbeachtet herumgestanden hat. Der NAS-Shuffle hat mir diesmal tatsächlich einen ziemlich brauchbaren musikalischen Erinnerungsdienst geleistet.
Wenngleich ich Blues sehr gerne höre, ist er bei mir in den letzten Jahren doch ein wenig in Vergessenheit geraten. Dank dieser Zufallsspülung wird sich das vermutlich wieder ändern. Zunächst werde ich wohl einmal die Bluesheroen aus dem Regal ziehen, die für mich eine gewisse musikalische Nähe zu CANNED HEAT haben. JOHN LEE HOOKER gehört da für mich ganz nach vorne, besonders wegen dieses stoischen, hypnotischen Boogie-Rhythmus und seiner ganz eigenen Art, aus wenigen musikalischen Zutaten unglaublich viel herauszuholen. Aber auch John Mayall, Johnny Winter oder die ALLMAN BROTHERS BAND fallen mir mit einer gewissen Nähe zu CANNED HEAT noch ein.
Vielleicht habt ihr aber noch einen einzigen Tipp, der in diese Richtung geht und den ich mir unbedingt anhören sollte. Mehr möchte ich gar nicht wissen – sonst steht hier am Ende wieder der halbe Blues-Bestand des Forums auf meiner Einkaufsliste.
Eine kleine Anmerkung zum Schluss sei mir noch erlaubt: Wenn das Plattencover nur halb so gut wäre wie die Scheibe selbst, wäre die Sache wirklich rund. Die Gestaltung gehört nun wahrlich nicht zu den großen Glanzleistungen der Musikgeschichte. Aber letztendlich geht es hier ja um das, was zwischen den Lautsprechern herauskommt. Einen Preis für besonders gelungene Grafik muss CANNED HEAT mit „Boogie With Canned Heat“ jedenfalls nicht gewinnen. Dafür gibt es schließlich die Musik – und die kann sich auch nach fast sechs Jahrzehnten noch ziemlich gut hören lassen.
[Die Band]
* Bob Hite – Gesang
* Alan Wilson – Gesang, Gitarre, Mundharmonika
* Henry Vestine – Gitarre
* Larry Taylor – Bass
* Adolfo „Fito“ de la Parra – Schlagzeug
[Die Songs]
* Evil Woman
* My Crime
* On The Road Again
* World In A Jug
* Turpentine Moan
* Whiskey Headed Woman No. 2
* Amphetamine Annie
* An Owl Song
* Marie Laveau
* Fried Hockey Boogie
Hier der YouTube- Clip dazu, wenn es jemand prüfen möchte: