Dictators - Go Girl Crazy!

eigentlich kein 'Punk', aber wohin sonst....?

 
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Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 03.01.2021 - 17:42 Uhr  ·  #1
Dictators - Go Girl Crazy! (Epic 1975)

'Ich muß das hier nicht machen. Muß nicht hier oben stehen. Könnte In Florida sein.
In der Sonne liegen. Das hier ist nur'n Hobby, hört Ihr, nur'n Hobby, sonst nix!'

knurrt Handsome Dick Manitoba ins Mikro und damit beginnt das Debut der Band aus der
Bronx, die viele als mögliche Nachfolger der New York Dolls sahen.
Weit gefehlt!

Die Dolls, jene erste wirkliche Punk Band von allen, pfiffen schon aus dem letzten Loch und
es wurde händeringend nach Ersatz gesucht. Aus New York mußte sie natürlich sein, sonst
hätte es nicht gepaßt, sonst hätte man nicht diese schnoddrig und aus der Kurve brechende
Form des Rock'n'Roll erwarten dürfen.

Der Meldoy Maker war voller Lob und das abgebildete Cover von 'Girl Crazy' schien genau in
die richtige Richtung zu gehen. Wie üblich kam John Peel zu Hilfe und spielte ein paar Stücke.
Man versuchte dabei unbedingt, jenen schlacksig dahingerotzten sub-Rolling Stones-Stil
herauszuhören... nur, den gab es so nicht.
Was man dagegen hörte war geradliniger Rock mit einigen Balladen (!) und sogar zwei
Pop-Covers (!), z.B. 'I Got You Babe' (Sonny & Cher).



Die sechs Dictatoren hatten Sinn für Humor, nahmen sich selbst nicht bierernst und es
fehlten ihnen Allüren. Wie auch die Ramones kamen sie gerne etwas 'dumb' daher,
aber das war nur ein Spiel, nur eine Fassade.

Handsome Dick Manitoba als Sänger und Frontmann kontrollierte die Massen, während
Adny Shernoff (Adny = Andy) Bass oder Keyboards malträtierte und Top Ten Kempner und Ross The Boss
die Gitarren quälten. Stu Boy King war der erste Drummer, Mark Mendoza der reguläre Bassist.

Schon diese Bühnennamen verdeutlichen, wie wenig überkandidelt man war und gleich der Opener mit dem
satirischen Titel 'The Next Big Thing' belegte das. Eine Heavy Rock Ballade mit jeder Menge Gitarrensoli;
musikalisch etwa aufgebaut, wie bei den frühen Blue Oyster Cult (die ja auch aus der Bronx und somit Kollegen waren).

Das Sonny & Cher-Stück 'I Got You Babe' wird stark verrockt und mit einem vernünftigen Rhythmus klingt
es plötzlich sehr annehmbar.

'Back To Africa', dahin wollen sie wieder zurückkehren (warum? New York ist doch ganz nett...) und
natürlich gibts Stammesgetrommel hinter den Gitarren und einen gelegentlichen Affen kann man auch
hören.

'Master Race Rock'; nun, man kann es sich denken, wer hier sein Fett abkriegt und obendrein ists ein
voll abgehender Rocker den auch die MC5 gerne im Repertoire gehabt hätten.

Auch 'Teengenerate' braucht kaum eine Erklärung, führt uns aber mit einer Kino-Orgel zunächst in die
Irre. Danach ein Midtempo-Rocker mit Harmoniegesangmund musikalisch doch etwas in N.Y. Dolls-Nähe.
Aber viel bedächtiger und untermalt durch Adny's Pianozwischenspiel.
Textlich sind die Dictators hier bei den in ewigem Liebskummer schmachtenden Teenies. Und das meinen sie,
ganz bestimmt, sehr ernst.

Was fehlt noch an Klischees? Nun ein heavy dargebrachtes Surf-Cover des alten Hits 'California Sun';
mindestens genau so durchgehend tanzbar, wie das Original.

Jetzt nochmal zurück zu Handome Dick, der vor den außer Kontrolle schliddernden Gitarren auf sein
Recht auf ZWEI Badewannen verweist: "Two Tub Man". Da rockt das Badewasser mit.

'Weekend' ist noch eine weitere schwer abrollende Ballade in der Dick Manitoba die Freiheit für
seine geplanten Aktivitäten einfordert, wie häufig mit druckvoller Rhythmusgruppe und dichten
Gitarrenläufen.

Noch einmal zurück nach California und zum vielleicht bekanntesten Titel der LP: '(I Live For) Cars And Girls'
im Beach Boys-Surf-Hot-Rod-Stil; natürlich mit typischem Beach Boys-Harmoniegesang, aber sehr
viel donnernder abgeliefert. Sie machen sich über den American Dream lustig (das macht sie erneut
sympathisch) in dem für die Jungs außer 'Cars und Girls' nicht zählt.
Und dennoch können die Dictators eine gewisse Affinität mit diesem California nicht völlig in
Abrede stellen... sie würden es auch mögen, wenn es nicht die Szenerie so vieler Blödel wäre.

Das war also trotz gewisser Erinnerungsmomente an die Dolls und frühe Blue Oyster Cult kein Punk
im urspünglichen Sinne, aber doch Punk im Sinne des sich lustig machens und sich selbst nicht
überbewertenden.

Nun, die nächste Dictators-Lp ließ zwei Jahre auf sich warten und war etwas härter, auch mit der
dritten ging es eher in Richtung Heavy Rock, nicht mehr ganz so satirisch, aber ohne dabei an
Qualität zu verlieren.
Hier werden diese Scheiben keinen Deut weniger geschätzt.
Sie machten noch viele Jahre lang weiter; 2005 gab es noch eine 'Live in New York' und vor 2, 3 Jahren
waren sie zuzletzt in Europa, damals aber mit stark veränderter Besetzung.

Noch eins:
Mädels sind 'beautiful'; Männer aber nicht;
Männer (und auch 'Geldsümmchen'(!)) sind HANDSOME!
Für welchen Körperteil 'Dick' steht..., na, das dürfte bekannt sein.

(I Live For) Cars And Girls
https://www.youtube.com/watch?v=7H5rqaEzYcY
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 04.01.2021 - 10:38 Uhr  ·  #2
Perfekt! Auf den Punkt genau beschrieben!

Critic John Dougan said that they were "one of the finest and most influential proto-punk bands to walk the earth."[2]

Hier noch eine Ergänzung

Manitoba`s Wild Kingdom

und der Hinweis(aber das weiß hier im Zirkus eigentlich jede*r)

das Ross the Boss zwischendurch bei Shakin`Street in Frankreich aktiv war und dann Mitbegründer von Manowar war! Weitere Zwischenstationen wie Death Dealer oder seine Solo Alben dürften dann den meisten Artisten nicht viel bedeuten!
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 04.01.2021 - 11:59 Uhr  ·  #3
Welch eine Freude, diese Rezi der Dictators hier im Musikzirkus vorzufinden. Meine ersten Berührungspunkte zu der Band hatte ich, als die Musikzeitung Sounds seinerzeit diese Band vorstellte. Natürlich waren die Dolls die Verknüpfungslinie, die zu diesem Zeitpunkt vor sich hin dümpelten und in den letzten Zügen lagen. Und hätte es den richtungsweisenden Club CBGB nicht gegeben, wer weiß, ob Bands wie Ramones, Richard & The Voidoids, Television, Blondie, James Chance And The Contortions, Johnny Thunder & The Heartbreakers, um nur einige zu nennen, ihren weltweiten Siegeszug in Sachen Punk’N’Roll/ Wave hätten antreten können. Die LP habe ich mir sogleich bei meinem Lieblingsplattendealer Michelle besorgt, der seinerzeit in Hamburg führend für Importscheiben war.

Sicherlich konnten die Dictators nicht die gewünschte Nachfolgeband der Dolls werden, weil sie sich musikalisch doch erheblich unterschieden. Das Räudige, das Kratzige und auch das Derbe fanden sich bei ihnen nur ansatzweise in ihren Musikstücken wieder. Trotzdem präsentierten sie eine perfekte Melange aus Rock, knackigen Surfsound und Punk’N’Roll.
Allein der Frontmann Handsome Dick Manitoba hatte durch seine Körperlichkeit, seine Präsenz und seinem Gesang genügend Strahlkraft, damit nicht nur die Medien, sondern auch das Publikum von dieser Band begeistert waren. Der Siegeszug der Band hielt aber nicht lange an, denn kurze Zeit später kam es zum ersten Bruch der Band, weil die Verkaufszahlen eine andere Sprache offenbarte. Trotz dieses Knockdowns berappelte man sich schnell wieder und sie stiegen aus ihrer eigenen Asche mit einer leicht anderen Besetzung wieder hervor und bescherten uns mit zwei weiteren überzeugenden Alben. Diese beiden Folgealben „Manifest Destiny“ und „Bloodbrothers“ haben in meinen Augen ein wenig mehr „Arschtritt-Faktor“, reihen sich aber würdig zu ihrem Debütalbum ein.

Und die wahre Essenz dieser Band dürfte in Sachen Ruhmhaftigkeit darin bestanden haben, keinen Ruhm haben zu wollen. Denn da, wo Spaß, Freude und Leidenschaft steht, spricht die Musik der Dictators für sich allein. Mehr muss man gar nicht dazu sagen. Selbstredend stehen die ersten drei Tonträger auch hier.

badger: danke erneut für diese Rezi und den Anmerkungen zu den einzelnen Musiktiteln
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 04.01.2021 - 13:15 Uhr  ·  #4
danke lieber Badger - du bist echt böse - schon wieder auf eine Fehlstelle in meinem Regal hingewiesen :devil:

Wieder mal eine 1A-Rezi, welche einen regelrecht einsaugt und "haben-will-Reflexe" auslöst.

Auch sehr schön die am Wegesrand eingestreuten Zusatzinfos : in dem Fall hatte ich bisher keine ahnung von den Wurzeln von BÖC.
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 05.01.2021 - 16:20 Uhr  ·  #5
Zitat geschrieben von OldMcMetal

Perfekt! Auf den Punkt genau beschrieben!

Critic John Dougan said that they were "one of the finest and most influential proto-punk bands to walk the earth."[2]

Hier noch eine Ergänzung

Manitoba`s Wild Kingdom

und der Hinweis(aber das weiß hier im Zirkus eigentlich jede*r)

das Ross the Boss zwischendurch bei Shakin`Street in Frankreich aktiv war und dann Mitbegründer von Manowar war! Weitere Zwischenstationen wie Death Dealer oder seine Solo Alben dürften dann den meisten Artisten nicht viel bedeuten!


danke dir für weitere interessante infos. Manowar..., das war mir halbwegs bekannt, Shakin' Street überhaupt nicht.
mir will es allerdings so scheinen, daß sich alle band- oder solo-projekte nach der dritten lp doch sehr weit von
meinem persönlichen geschmack entwickelten, bis ich dann die 'Live In N.Y.' von 2005 hörte. da waren sie wieder
da, wo ich sie hinhaben wollte. leider ist die schrift im beiheft so klein, daß ich die besetzung nicht lesen kann.
wer von der ur-band außer Dick Manitoba noch dabei war...?
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 05.01.2021 - 16:45 Uhr  ·  #6
Zitat geschrieben von freaksound

danke lieber Badger - du bist echt böse - schon wieder auf eine Fehlstelle in meinem Regal hingewiesen :devil:

Wieder mal eine 1A-Rezi, welche einen regelrecht einsaugt und "haben-will-Reflexe" auslöst.

Auch sehr schön die am Wegesrand eingestreuten Zusatzinfos : in dem Fall hatte ich bisher keine ahnung von den Wurzeln von BÖC.


jetzt komme ich mir ja vor, wie der böse alte kapitalist, der der jugend das sauer zusammengebettelte taschengeld
aus dem beutel leiern will :devil: und ehrlich, ehrlich, ehrlich, ich war davon ausgegangen, daß dir diese 'geschmackvollen
werke zeitgenössischer jugendkultur' schon längst bestens vertraut sind.
aber im ernst, die wird es noch eine weile zu kaufen geben.

der BOC-vergleich ist auch schnell erklärt, denn BOC begannen ihre karriere tatsächlich im New York Dolls-Dunst und
im selben Club-Umfeld (Mercer Art Center, Max Kansas City, CBGB's) in dem dann auch die Dictators auftraten. und
alle diese bands beeinflußten sich irgendwie gegenseitig. die ähnlichkeiten hört man bei den Dictators nicht immer,
aber und an, heraus.
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Re: Dictators - Go Girl Crazy!

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Gepostet: 05.01.2021 - 17:25 Uhr  ·  #7
Zitat geschrieben von kraut-brain

Welch eine Freude, diese Rezi der Dictators hier im Musikzirkus vorzufinden. Meine ersten Berührungspunkte zu der Band hatte ich, als die Musikzeitung Sounds seinerzeit diese Band vorstellte. Natürlich waren die Dolls die Verknüpfungslinie, die zu diesem Zeitpunkt vor sich hin dümpelten und in den letzten Zügen lagen. Und hätte es den richtungsweisenden Club CBGB nicht gegeben, wer weiß, ob Bands wie Ramones, Richard & The Voidoids, Television, Blondie, James Chance And The Contortions, Johnny Thunder & The Heartbreakers, um nur einige zu nennen, ihren weltweiten Siegeszug in Sachen Punk’N’Roll/ Wave hätten antreten können. Die LP habe ich mir sogleich bei meinem Lieblingsplattendealer Michelle besorgt, der seinerzeit in Hamburg führend für Importscheiben war.

Sicherlich konnten die Dictators nicht die gewünschte Nachfolgeband der Dolls werden, weil sie sich musikalisch doch erheblich unterschieden. Das Räudige, das Kratzige und auch das Derbe fanden sich bei ihnen nur ansatzweise in ihren Musikstücken wieder. Trotzdem präsentierten sie eine perfekte Melange aus Rock, knackigen Surfsound und Punk’N’Roll.
Allein der Frontmann Handsome Dick Manitoba hatte durch seine Körperlichkeit, seine Präsenz und seinem Gesang genügend Strahlkraft, damit nicht nur die Medien, sondern auch das Publikum von dieser Band begeistert waren. Der Siegeszug der Band hielt aber nicht lange an, denn kurze Zeit später kam es zum ersten Bruch der Band, weil die Verkaufszahlen eine andere Sprache offenbarte. Trotz dieses Knockdowns berappelte man sich schnell wieder und sie stiegen aus ihrer eigenen Asche mit einer leicht anderen Besetzung wieder hervor und bescherten uns mit zwei weiteren überzeugenden Alben. Diese beiden Folgealben „Manifest Destiny“ und „Bloodbrothers“ haben in meinen Augen ein wenig mehr „Arschtritt-Faktor“, reihen sich aber würdig zu ihrem Debütalbum ein.

Und die wahre Essenz dieser Band dürfte in Sachen Ruhmhaftigkeit darin bestanden haben, keinen Ruhm haben zu wollen. Denn da, wo Spaß, Freude und Leidenschaft steht, spricht die Musik der Dictators für sich allein. Mehr muss man gar nicht dazu sagen. Selbstredend stehen die ersten drei Tonträger auch hier.

badger: danke erneut für diese Rezi und den Anmerkungen zu den einzelnen Musiktiteln


welch einen tollen beitrag lieferst du hier; wunderbar aufgebaut und in sich stimmig; es macht spaß, das zu lesen.
und sicher, man kann dir nichts 'neues' mehr unterjubeln; du weißt schon, welches wissen zum thema gehört und
welches nicht. ich denke da nur an die info zum CBGB's; da merkt man, daß du zumindest mit dem kopf schon
da warst (und daß du dir dabei sicher auch die Dictators live auf der bühne vorstellen kannst).
Und das Mercer Arts Center oder Max's Kansas City dürfte dir ebenfalls vertraut sein.

das ist erfrischend, denn dann kann man vom dozieren zum fachlichen austausch übergehen; was gleich noch
einmal soviel spaß macht.

N.Y. hatte ja so zwischen 1972 - ca. 1980 eine ungeheuer fruchtvolle szene an wirklich gut abgehenden rockbands,
von denen es viele nie ins bewußtsein der massen und deren massenströmung geschafft haben.
vielleicht waren sie alle zusammen nicht so kreativ und wichtig, wie z.B. die Velvet Underground; zum stadion-rock
mit erhobenen feuerzeugen oder wunderkerzen haben sie es alle nicht geschafft (selbst Velvet Underground
nicht und auch die Dolls oder Dictators nicht). und das ist gut so, verdammt gut.
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