Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

Geführt von Xanadu mit Philip Jähne

 
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Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 14.09.2020 - 22:21 Uhr  ·  #1
Servus Philip, vielen Dank schon mal das du wieder für den Musikzirkus Rede und Antwort stehst.

Xanadu: Glückwunsch erstmal zu "Here Now", das mir persönlich sehr gut gefällt.
Da die Zeit zum letzten Album „Abscence“ recht lang war (fast auf dem Tag genau 4 Jahre).
Wie habt ihr die Songs komponiert bzw wie war dann der Aufnahmeprozess ?


Philip: Dass es so lange wurde, hatte vor allem organisatorische Gründe. So hat Christian Dolenga, unser Mischer und Co-Produzent, sein Studio komplett umgebaut, so dass es vom Abschluss der Aufnahmen bis zum Final Mix über ein Jahr gedauert hat. Ansonsten war es unser üblicher Aufnahmeprozess: Stefan und ich schreiben die Songs und nehmen die Gitarren und Keyboardtracks aus. Dann kommt die Rhythmusgruppe und zum Abschluss Pias Flöte und die Sänger. Keine dieser Phasen hat länger gedauert als sonst, aber es entstanden leider immer wieder Pausen.


Gibt es eine Geschichte hinter dem Album? Bei „Island Noise“ und „A Day in June“ war es ja die Literatur. Bei „Absence“ war es eher die Vergangenheit.

Absence und Here Now gehören im Grunde zusammen, sind "companion pieces", da sie zwei Seiten derselben Medaille beleuchten. Bei Absence ging es um die Vergänglichkeit des Augenblicks. Alles Schöne, das wir erleben, ist bald nur noch eine langsam verblassende Erinnerung. Etwas, an das wir nur noch wehmütig zurückdenken können.
Here Now sieht die optimistische Seite derselben Sache: Jeder dieser Momente ist, ob bewusst oder unbewusst, für immer präsent. Und weil sich, so wie wir uns verändern, auch unsere Erinnerung verändert, ist er eben nicht nur wehmütige Erinnerung sondern Teil des Hier und Jetzt.


Sind auch hörbar, diese Unterschiede !
Woher holt ihr eure Inspiration diese Art von Musik zu schreiben und spielen?


Gute Frage … Das weiß wohl kein kreativ Schaffender so genau, wo die Ideen denn eigentlich herkommen … Musik, die wir hören? Bücher, die wir lesen? Menschen, die wir treffen? Bestimmte Orte? ….
Wir haben jedenfalls das Glück, dass uns die Ideen einfach nicht ausgehen wollen. Die Songs für das nächste Album sind schon fertig und warten nur auf die Rhythmus und Gesangsspuren. Und weil Stefan und ich viel mehr schreiben als wir mit der ganzen Band aufnehmen könnten, veröffentlichen wir nebenher digitale Singles, die wir spontan in kleiner Besetzung (Stefan, Phil Griffiths und ich ) aufnehmen.



Der Sound auf dem Album ist wie gewohnt phantastisch und ein Ohrenschmaus.
Wie nehmt ihr auf, wie läuft das Recording ab? Du hast ja glaub ich auch ein Homestudio.


Dieser Sound ist in erster Linie Christian Dolengas Verdienst. Christian mischt uns seit Paradise Out Of Time und wir denken mit jedem Album, besser geht es nicht mehr. Aber er legt immer noch eine Schippe drauf. Er hat einfach unglaubliche Ohren.
Die Aufnahmen passieren zunächst in meinem Studio - alle Gitarren und Keyboards werden hier aufgenommen, später z.T. auch Bass (sofern nicht live mit den Drums eingespielt) und Flöte. Für die Drum-Aufnahmen waren wir diesmal in Edo Zankis Kangaroo-Studio und die Gesangsaufnahmen macht Christian in seinem Studio.



Marillion verstehen es prächtig, ihre Neuerscheinungen über eine Fangemeinde vorfinanzieren zu lassen. Wie wird euer Projekt finanziert, sind das eher private Gelder, oder ist es ziemlich ausgeglichen ?

Vorfinanzierung kann ich mir bei uns nicht vorstellen. Here Now hätte ja ursprünglich zwei Jahre früher erscheinen sollen. Man stelle sich nur vor, wir hätten da schon Geld gesammelt und dann die Leute immer wieder vertrösten müssen.
Bis jetzt ging es immer so aus, dass jedes Album genug eingespielt hat, um das nächste zu finanzieren. Wir sind aber natürlich auch von den abnehmenden Verkaufszahlen im Musikgeschäft betroffen, wobei uns bislang der Siegeszug des Streamings noch gar nicht mit voller Wucht getroffen hat (Absence ist ja vier Jahre her). Wir müssen also mal schauen, wie sich das jetzt mit dem neuen Album entwickelt. Zum ersten Mal bringen wir das ja auch auf Vinyl raus und hoffen, dass die Leute eher die bestmögliche Klangqualität wollen und lieber die Platte (oder auch CD) kaufen als sich mit Streaming zufrieden zu geben.


Also Leute kauft, kann ich nur empfehlen.
Erfahrt ihr viel Resonanz auf eure Band, eure CDs? Was war das schönste Kompliment an euch, was die negativste Resonanz, die euch im Gedächtnis geblieben ist?


Es kommt schon viel Resonanz, ja. Es gibt viele Reviews, die uns wirklich freuen, vor allem, wenn man merkt, dass da jemand wirklich genau hinhört, sich auch über die Texte Gedanken macht etc. Mindestens genauso freut es uns aber, wenn dann mal aus heiterem Himmel eine Mail von jemand aus z.B. Japan oder Chile kommt, der uns schreibt, welche Rolle unsere Musik in seinem Leben spielt.
Negative Resonanz gibt es eigentlich kaum. Der eine oder andere Review sicher. Aber das gehört nunmal dazu und die bei weitem überwiegende Mehrheit ist ja zum Glück sehr, sehr positiv.
Als negativ empfinde ich vor allem die Tatsache, dass uns Magazine mit einer größeren Reichweite konsequent ignorieren. So bleiben wir ein Insider-Tip, auch wenn offensichtlich ist, dass es weit mehr Leute gibt, denen unsere Musik gefallen würde, wenn sie denn wüssten, dass es sie gibt. Wir hatten gerade ein TV-Feature im SDR und sofort gab es begeisterte Reaktionen von Leuten, die noch nie von uns gehört hatten. Das zeigt uns, es gäbe ein größeres Publikum, aber leider bleiben solche Features Einzelfälle
.


Ihr seid alle phantastische Musiker, aber einen will ich diesmal hervorheben. Stefan Glomb beweist hier besonders auf diesem Album, dass er zu den besten Gitarristen Deutschlands gehört. Kommt man beim spielen spontan auf solch ein Solo wie am Ende von "The Garden", oder ist das hartes komponieren von Tönen?

Stefan ist ein typischer first-take-Spieler. Wenn er ein Solo aufnimmt, dann klappt das entweder auf Anhieb oder man weiß, dass man es an diesem Tag nicht weiter versuchen muss. So war es auch bei The Garden: Einstöpseln - Spielen - „Sollen wir noch einen take machen?“ - „Nein, das ist es!“ Auch wenn nicht alles perfekt sein sollte, bleibt man lieber bei dieser Aufnahme. Die atmet, die hat Seele.
Überhaupt sind unsere Aufnahmen viel spontaner als man es bei unserer Arbeitsweise vermuten könnte. Wir sind zwar praktisch nie alle zusammen im Studio, aber jeder, der seinen Teil aufnimmt, tut dies spontan mit aller Freiheit für das, was ihm in den Sinn kommt.


Derzeit ist vieles auf dem Planeten im Umbruch, sei es politisch, ökologisch, klimamäßig usw. Gäbe dies nicht viel Stoff her, ein Konzeptalbum über den derzeitigen Zustand und die sich daraus ergebenden Folgen anzugehen?

Ich glaube nicht, dass die Welt gerade unseren Kommentar zur Lage der Dinge braucht. Und meistens wird die Art von Texten, die so etwas ganz betont an- und ausspricht, entsetzlich platt.
Aber ich wage zu behaupten, dass wir immer einen starken Aktualitätsbezug haben, nur nicht so offensichtlich: Wenn wir uns an Weltliteratur wagen, wie bei Island Noises oder A Day In June, dann sind das Werke, die heute nicht weniger relevant sind als zur Zeit ihrer Entstehung. Oder was könnte aktueller sein als die Texte von Absence und Here Now, die reflektieren, wie wir denn überhaupt die Welt erleben und in welcher Beziehung sie zu unserer Biographie steht. Oder noch ein Beispiel: The Star, eine unserer digitalen Non-Album-Singles wurde in einer Review beschrieben als „a meditation on the relativity of human ideas against the backdrop of the cosmic drama“. Das ist natürlich nichts anderes als ein Kommentar zum derzeitigen Zustand der Welt, aber ein subtiler.



"The Garden" ist ja von Martin Griffith mitgeschrieben worden. Hat er da persönliche Inspiration durch seinen „Nebenjob“ (Anm.d.Red.: Er ist Schlossführer!) mit eingebracht? Würde ja naheliegen :-).


Ja, absolut. Martin ist quasi zuhause im Schlossgarten von Schwetzingen. (Übrigens ein Ort, der auch Stefan und mich schon immer inspiriert hat.) Martin kennt diesen Ort und seine Geschichte wie kein zweiter. All das, aber vor allem auch sein persönliches Erleben, ist in The Garden eingeflossen.


Es hat sich ja anscheinend nicht viel geändert mit eurer Einstellung zu Liveauftritten.
Wie schaut es mit deiner bzw euren Nebenprojekten aus?



PGM-Liveauftritte sind immer noch nicht sehr wahrscheinlich, aber nicht mehr völlig ausgeschlossen. Es müsste nur den entsprechenden Rahmen geben. The Garden ist ja zu einer Art inoffiziellem Theme-Song des Schwetzinger Schlossgartens geworden. Es gibt wohl Überlegungen, dass wir den dort aufführen könnten. Wenn das konkret werden sollte, würden wir es machen.
Jetzt schon live aktiv sind Pia Darmstaedter (unsere Flötistin) und ich mit Coarbegh, Musik mit Elektronik, Ambient, Klassik aber auch Prog-Einflüssen. Wir haben selbst jetzt im Corona-Sommer einige sehr schöne und erfolgreiche Konzerte gespielt. Noch ist das die einzige Möglichkeit, Poor Genetic Material Stücke live zu hören, wir haben zwei davon im Programm.
Ja und dann gibt’s natürlich noch Alias Eye, die wieder ein ihrer Ur-Besetzung aktiv sind. Live immer noch unschlagbar gut.



Philipp, ich sage vielen lieben Dank für dieses interessante Interview, hat mir wiedermal viel Spaß gemacht. Sag allen deinen Mitmusiker schöne rockige Grüße und ich bzw der Musikzirkus freut sich schon auf euer nächstes Album (Gibt es da schon Pläne? ), das wir bei uns wieder vorstellen dürfen.


Ich sage vielen Dank an dich. Für deine tolle Besprechung von Here Now und für die interessanten Fragen. Und ja, wie gesagt, das nächste Album ist im Entstehen. Egal, wie lange das dauert, wird man diesmal nicht vier Jahre auf neue Musik von uns warten müssen, denn zwischendrin werden wir immer mal wieder digitale Singles veröffentlichen. Herzliche Grüße an den Musikzirkus und bis demnächst.

Das hoffe ich auch! :-)


Hier geht es zur Rezension des Albums "Here Now"
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Re: Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 14.09.2020 - 22:28 Uhr  ·  #2
Danke! Das hat mir eine Band näher gebracht, die eher ein Schattendasein in meinem musikalischen Kosmos beansprucht. Jetzt nicht mehr!
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Re: Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 15.09.2020 - 06:34 Uhr  ·  #3
Tolles Interview. Das mit Schlossführer Martin Griffiths wusste ich ja noch gar nicht, cool.

Ich finde auch, dass Stefan Glomb sehr präsent war diesmal, sicherlich auch der "optimistischeren" Ausrichtung der Musik geschuldet. Insgesamt aber natürlich alle Instrumentalisten - auch bei ihren Soloparts - absolut top.

Schön, dass es noch solche Musiker gibt, die zu allererst Wert auf Qualität legen und für ihre Musik leben.
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Re: Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 15.09.2020 - 12:36 Uhr  ·  #4
...so einen Interviewer wünscht sich so manche andere Band...nur versierte Fragen kitzeln auch interessante Antworten heraus...
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Re: Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 16.09.2020 - 22:39 Uhr  ·  #5
Tolles Interview, Hut ab .... :-D
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Re: Exklusiv Interview mit Poor Genetic Material

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Gepostet: 18.09.2020 - 20:46 Uhr  ·  #6
Sehr gutes Interview, Achim!

Philip ist ja offensichtlich ein angenehmer Gesprächspartner, der nicht nur die üblichen Floskeln raushaut.

Er hat mir die Band und ihre Musik nähergebracht!
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