Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

 
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Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 31.05.2020 - 15:42 Uhr  ·  #1
Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep | GB | 05/2020 | TripHop / AlternativeRock / Dub

Diese Scheibe ist für mich ein absoluter Zufallstreffer und Glücksfall. Schuld daran, dass mir Künstler und Album begegneten, ist Covid 19. Diesem Virus ist es zu verdanken, dass das Veröffentlichungsdatum der Scheiben, die ich auf dem Plan hatte, weit nach hinten verschoben wurden. Angedacht waren hier die Neuerscheinungen von Wardruna oder Willie Nelson. Von FloydPink kam der Hinweis auf die Neue von Pure Reason Revolution, bereits auf dem Teller lag hier die aktuelle CD von Joe Satriani - zu den beiden Scheiben habe ich allerdings, obwohl zweifelsfrei durchgehend top, noch keinen richtigen Zugang gefunden. Häufigeres Hören ist hier Pflicht.



Ob nun die hier vorgestellte Scheibe ein adäquater Ersatz ist, sei dahingestellt - darum geht es auch gar nicht. Für mich ist es eine Entdeckung, die es wert ist, vorgestellt zu werden. Wenn es sich dabei um ein hier nicht sehr geläufiges Genre handelt, liegt darin ein besonderer Reiz. Was also erwartet uns auf der Scheibe? Let's Go - wir werden sehen.

Obaro Ejimiwe, so der bürgerliche Name hinter dem Künstlernamen Ghostpoet, hat bereits bei der Trip-Hop-Band Massive Attack mitgewirkt. So ist es nicht verwunderlich, dass verschiedene Grundstrukturen in seiner Musik ähnlichen Charakter haben. Weit gefehlt wäre jedoch die Annahme, dort abgekupfert zu haben, Ghostpoet beschreitet seinen ganz eigenen Weg.

Das Album beschäftigt sich annähernd 45 Minuten mit ganz aktuellen Themen der Gesellschaft. Fast scheint es, Ghostpoet hatte die Gabe, beim Komponieren des Albums in die Zukunft zu schauen. In eine düstere Zukunft. Dies wird nicht nur durch die oft bedrohlichen, düsteren Klänge ausgedrückt. Auch die Texte malen kein gutes Bild unserer derzeitigen Gesellschaft.

Stülp Dir den Kopfhörer über und starte die Scheibe. Schleiche vorsichtig, wenn es düster geworden ist, durch eine verlassene Bahnhofsgegend. Oder durch ein Wohngebiet, welches nur selten wohlwollend in der Presse erwähnt wird. Diese Kombination aus den optischen und akustischen Reizen wird unweigerlich zu einem Unbehagen und zu Beklemmungen führen. Hoffentlich wirst Du nicht in dieser Gegend entdeckt. Oder gar von hinten angesprochen, ...der Schrecken würde Dir tief in die Glieder fahren.

"Rats In A Sack" beschäftigt sich mit dem Wiedererstarken der rechten Szene, "Social Lacerations" mit der Vereinsamung in einer fremden Welt - wohl nicht von ungefähr, Ejimiwe lebt in Großbritannien, geboren wurde er in Nigeria.

Rats In A Sack | Social Lacerations

Scheinbar monoton flirrt die Musik um die Ohren. Fühlt sich an wie ein Soundtrack zu einem apokalyptischen Film. Hypnotisierender Bass, quälende Gitarrenpassagen, verstörende Samples, eine Mixtur, die einerseits keine gute Laune auf den Hörer überträgt, andererseits sehr gut für den richtigen Groove auf der Tanzfläche einer Szenedisco sorgen kann.

Concrete Pony | Breaking Cover

Selbstzweifel scheinen der Inhalt des Songs "Humana Second Hand" zu sein, wenn dort beispielsweise sinniert wird

I'm just ugly / Grinning, me / Going on / Feed the pets / Watch the news / That window pane / Over yonder / Spit of pain / Once again the happy pills / Ain't doing shit - So what becomes of me? / What becomes of me? / So what becomes of me? / What becomes of me?

Die abgehackten Streicher am Anfang von Humana Second Hand erinnern mich ein wenig an den Start Led Zeppelins "Kashmir". Das wäre es auch schon mit Ähnlichkeiten. Sprechgesang, dunkle Bassläufe, rhythmische Drums beherrschen den depressiven Song, wenngleich - das Zeppelin-Intro zieht sich bis zum Ende durch das Geschehen.

Humana Second Hand | I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

Ghostpoet beschert der Musikwelt wahrlich kein einfaches Album - aber eines, welches sich zu entdecken lohnt. Freunde leicht düsterer Klänge werden voll auf ihre Kosten kommen - Text unterstützt Sound. Neugierige, welche etwas abseits gewohnter Pfade wildern möchten, könnten fündig werden. Cineasten, auf der Suche nach einem Soundtrack zur Untermalung eines sich in morbiden U-Bahnhöfen abspielenden Films haben den Joker gezogen. Suizidgefährdete Zeitgenossen, die gerade auf einer Dachkante hocken, sollten jedoch zu einem anderen Musikstück greifen, sofern sie noch Zweifel am Absprung haben.

Die Setlist

01 Breaking Cover
02 Concrete Pony
03 Humana Second Hand
04 Black Dog Got Silver Eyes
05 Rats In A Sack
06 This Trainwreck Of A Life
07 Nowhere To Hide Now
08 When Mouths Collide
09 I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep
10 Social Lacerations

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Re: Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 01.06.2020 - 08:11 Uhr  ·  #2
Klingt spannend. Massive Attackund alles was so drum herum wabert (Tricky z.B.) ist sowieso meine Welt.
Muss ich mal nachgreifen.
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Re: Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 01.06.2020 - 17:00 Uhr  ·  #3
Die Klangvielfalt des Tonträgers ist gewaltig und erinnert mich ein wenig an die großartigen Achtziger, als viele Musikstile neu erschaffen oder zum Teil modifiziert wurden. Ich kann es hier im Forum immer gar nicht nachvollziehen, warum gerade dieses Jahrzehnt mit einem Makel überzogen wird. Nun denn, sei es wie es ist.

Gerade das Kraftvolle dieser Musik, die sich meiner Einschätzung nach zwischen Rock, Prog, Ambient oder auch Jazz bewegt, übt eine unheimliche Dynamik aus, die sich mit dem textlichen Botschaften des Musikers bestens verknüpfen. Eine ganz tolle Platte.

Und ganz nebenbei, mit dieser Rezi ist dir wieder ein ganz großer Wurf gelungen.
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Re: Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 03.06.2020 - 18:52 Uhr  ·  #4
Wie immer von dir, lieber Wolfgang, eine hervorragend geschriebene Rezi. Besten Dank dafür! Die düstere Stimmung gefällt mir gut. Mein Favorit der hier vorgeschlagenen Tracks wäre Breaking Cover. Allerdings nur wäre, weil der gute Obaro dem ausgefeilten Sound sind gerecht wird. Er spricht monoton seinen Text, während die tolle Musik nur im Hintergrund fungiert. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass beide nicht zueinander finden und eine Gesamtheit bilden. Vielleicht muss ich es mir noch einmal anhören.
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Re: Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 05.06.2020 - 07:38 Uhr  ·  #5
@All,

Danke für's Lesen und euer Feedback.

@kraut-brain,
in der Tat ist enthält diese Scheibe eine sehr vielfältige Musik. Darüber hinaus ist sie hervorragend produziert. Gestern war ich allein zu haus und nutzte die Gelegenheit, sie sehr laut zu hören. Einfach phantastisch, was mir da von den Lautsprechern entgegenschallt.

@Holger,
ich bin gespannt, ob die Scheibe den Weg zu Dir nach Hause finden wird. YT lässt glücklicherweise vor der Kaufentscheidung ausführliches Hören zu - das vollständige Album ist dort abrufbar.
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Re: Juni 2020 - Ghostpoet - I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep

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Gepostet: 05.06.2020 - 17:46 Uhr  ·  #6
DAnke für diese Rezi, damit hattest Du ja in diesem Monat beide Rubriken gehabt :-)

Musikalisch finde ich die Sache wirklich spannend, ich habe mich aber noch nicht an diesen Sprechgesang gewöhnt :-) Das braucht sicher mehrere Durchgänge. Er hat ja auch schon einiges in seiner Diskografie.

trurl
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