Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

 
Rainer The Mage
 
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Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 15.06.2014 - 16:20 Uhr  ·  #1
FZ war ja immer bekannt für merkwürdige Titel und Phrasen, dieser hier bezieht sich auf einen von ihm geliebten Snack. Er bestand aus einem Hebrew National Hotdog zwischen zwei Brotscheiben mit Senf garniert.

Bei Burnt Weeny Sandwich handelt es sich um die erste Veröffentlichung nach der Auflösung der Mothers aus dem Jahre 1970, welche aus einer Mischung aus Doo-Wop-Stücken, Live- und Studiomaterial, Klamauk und klassischen Elementen.

Der Beitrag von Ian Underwood ist hier wirklich nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz zum Gegenstück Weasels Ripped My Flesh, welches ebenfalls aus unveröffentlichtem Material bestand, gibt es hier primär Studiomaterial. Wie üblich strukturierte FZ alles akrabisch und so kommen auch hier die gewohnt vertrackten Rhythmen zum Einsatz.

Das Gitarrensolo auf "Theme From Burnt Weeny Sandwich" ist ein Outtake aus einer längeren Fassung von "Lonely Little Girl", welche im Zuge der Sessions zu We're Only in It for the Money aufgenommen wurde. Zappa und Art Tripp fügten später noch einige Percussion-Elemente hinzu.

"Valarie" war ursprünglich als B-Seite für die Single-Veröffentlichung von "My Guitar Wants To Kill Your Mama" gedacht, aber entweder hatte FZ oder sein Label Reprise Records entschieden sich letztendlich dagegen und so kam der Song auf das Album.

"Igor's Boogie" ist wenig überraschend nach seinem Lieblings Komponisten Igor Stravinsky benannt.

Das Piano-Intro von "The Little House I Used To Live In" ist ebenfalls auf Yvar Mikhashoff's 4-CD-Set "Yvar Mikhashoff's Panorama Of American Piano Music" zu hören.

Cover-Künstler Cal Schenkel hatte das Bild übrigens ursprünglich für den Avant-Jazzer Eric Dolphy entworfen, welcher leider 1964 schon mit gerade einmal 36 Jahren in Berlin sterben musste, weil man bei ihm Diabetes übersehen hatte. Interessanterweise befindet sich auf dem Nachfolger Weasels Ripped My Flesh auch ein Tribut an den von Zappa geschätzten Musiker.

Die LP beinhaltete ein dreifach gefaltetes Poster mit der Aufschrift "The Mothers Of Invention Sincerely Regret To Inform You welches bisher nicht für die CD-Booklets oder andere Reissues reproduziert wurde. Bis 2012 enthielten die CD-Reissues auch einen ordentlichen Ton-Abfall zu Beginn von "The Little House I Used to Live In" welcher auf der Orginal-LP nicht vertreten war.

Die beiden genannten Scheiben wurden auch gemeinsam als 2 Originals Of The Mothers Of Invention als DoLP veröffentlicht, wobei die beiden Orginal-Cover als Innenseiten des Klappcovers verwendet wurden und die Front eine Pistole zeigt, welche Zahnpasta auf eine Zahnbürste schießt.

Bei dem Kritikern kam die Mischung durchaus gut an, da der Vorgänger Uncle Meat doch recht sperrig geraten war. Gerade der Jazz-Rock erlebte ja zu dieser Zeit einen wahren Schub.
Gelegentlich wird aber auch von Platzhalteralben gesprochen, was ich nicht nachvollziehen kann, da sich die Nummern hier keineswegs verstecken müssen.

Ich habe die Scheibe eine Zeit lang weniger beachtet, da ich zu der Zeit bereits viel Material angehäuft hatte und gerade das Material so zwischen '67 und Anfang '72 teilweise recht schwierig ist. Das galt und gilt somit für Absolutely Free (1967), We're Only In It For The Money (1968), die Spaß-Scheibe Cruising With Ruben And The Jets (1968), Uncle Meat (1969), die beiden genannten Alben von 1970, Chunga's Revenge (1970), Fillmore East (1971), 200 Motels (1971) und Just Another Band From L.A. (1972). Natürlich höre ich inzwischen gerade Chunga's Revenge sehr gern, aber durch die Menge, das Material und die Hammer-Jazz-Rock-Alben der Zeit fand und finde ich einfach andere Scheiben mit etwas weniger Klamauk stärker.


Tracks

Alle Kompositionen außer Nr. 1 und 9 stammen von Frank Zappa.

1. "WPLJ" (The Four Deuces) 3:02
2. "Igor's Boogie, Phase One" 0:40
3. "Overture to a Holiday in Berlin" 1:29
4. "Theme from Burnt Weeny Sandwich" 4:35
5. "Igor's Boogie, Phase Two" 0:35
6. "Holiday in Berlin, Full Blown" 6:27
7. "Aybe Sea" 2:45
8. "The Little House I Used to Live in" 18:42
9. "Valarie" (Jackie and the Starlites) 3:14

Besetzung
Frank Zappa: Gitarre, Vocals
Lowell George: Gitarre, Vocals
Roy Estrada: Bass, Vocals
Don Preston: Keyboard, Minimoog
Ian Underwood: Keyboard, Klarinette, Klavier
Buzz Gardner: Trompete
Bunk Gardner: Holzblasinstrumente
Jim „Motorhead“ Sherwood: Saxophon, Vocals
Jimmy Carl Black: Schlagzeug, Trompete, Vocals
Art Tripp: Schlagzeug, Schlaginstrumente
Don Harris Violinensolo auf Little House I Used To Live In
Gabby Furggy (Janet Ferguson) singt "Dit-Dit-Doo-Way-Doo" auf WPLJ

Production
Producer: Frank Zappa
Engineer: Dick Kunc
Arranger: Frank Zappa
Design: John Williams
Cover art: Cal Schenkel
CD package design: Ferenc Dobronyl
CD art adaptation: Cal Schenkel[/size]

badger
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 15.06.2014 - 18:43 Uhr  ·  #2
danke für diese tolle rezi;
da hast du bei mir voll den numerus clausus erreicht.

tatsächlich lieferst du hier ein paar infos, die selbst dem alten onkel badger noch nicht
bekannt waren; z.b. woher der titel dieses vortrefflichen werkes stammt.
oder daß dem ursprünglichen vinyl ein poster beilag
(ich hab dieses vinyl noch; natürlich ohne poster, muß also gleich mal bei der plattenfirma
protestieren).

deine aussage, daß das material zwischen '67-'72 recht schwierig ist, möchte ich so
kommentieren: die schwierigste zeit war mir die LIEBSTE, denn hier sprühte Frankie-Boy nur
so vor revolutionären ideen.
so gut BWS auch ist, im fraglichen zeitpunkt hat Zappa sogar noch bessere sachen abgeliefert;
Absolute Free; Freak Out; We're Only In It For The Money... und noch einige andere.

jedenfalls kannst du jetzt auf Zappalogie studieren.
Tom Cody
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 15.06.2014 - 20:57 Uhr  ·  #3
Sehr informativ, Rainer! Danke für die Vorstellung! :r:
Rainer The Mage
 
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 15.06.2014 - 22:05 Uhr  ·  #4
Das ein oder andere Album aus der Reihe ist eben schon ein wahres Schwergewicht und deshalb dauert es eben, wen wundert, manchmal länger. Ein Snickers und Geduld wirken Wunder ;)
sunny
 
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 19.06.2014 - 10:53 Uhr  ·  #5
danke für die Vorstellung.
radiot
 
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 21.06.2014 - 20:00 Uhr  ·  #6
Eine ambitionierte Vorstellung einer Platte mit sehr schönen Mothers Stücken. Vielen Dank! Die CD - leider nicht die Platte! - habe ich schon lange im Bestand und sie zählt letztlich zu einer der besten Aufnahmen Zappas und der Mothers.

Meine Anmerkungen dazu aus der Abteilung "Angelesenes Halbwissen":

Zappa bringt hier nach der Auflösung der Mothers "und dem Geschrei der alten Fans" darüber eine schöne Zusammenstellung älterer Mothersaufnahmen, quasi einen Sampler. Das Album folgt keinem Originalkonzept und es kann darüber debattiert werden, "was ein Original-Album, eine aus dem Archiv zusammengestellte Sammelplatte und ein Sampler mit schon veröffentlichten Tracks wirklich voneinander unterscheidet". Zappa hat ja wohl wirklich Zeit seines Lebens nur im Keller gesessen und an seinen Aufnahmen, sprich den Bändern davon, herumgewerkelt. Burnt Weeny Sandwich wird von der (heutigen!) Kritik zurecht als "Glücksgriff" bei der wohlüberlegten Zusammenstellung der Titel gewürdigt. (Und selbst auf beim Abhören der CD, keine Auslaufrille!, merkt man, wo die A-Seite endet und die B-Seite anfängt.) So empfinde ich dies auch, wenngleich das Eröffnung- und Endstück, zwei R&B Stücke, welche die Platte zusammen halten, also praktisch eine Klammer bilden, anfangs für mich gewöhnungsbedürftig waren. Solch "alte"Musik, solch alte amerikanische populäre Musik verortete ich in der Zeit, in der Musik für mich noch nicht so bestimmend war. Da war ich so zwischen 0 und 5 Jahre alt. Egal.

Bis auf die R&B Stücke, die nicht von ihm sind, werden Zappas Kompositionen auf der Platte als "überaus elegant und absolut glaubwürdig komponiert und instrumentiert" beschrieben. Und, wie die Kritik auch vermerkt, hat Zappa eben "mit Kompositionen dieser Güte jahrelang vor allem seine Kritiker verschreckt". Die konnten wohl einfach nicht glauben und wollten dies vielleicht auch gar nicht, dass der Mann eben doch ein Komponist (American Composer) war. Ein Langhaariger, der dann auch noch nicht nur subtil Gesellschaftskritik übte, konnte nicht ernstzunehmen sein. Und Zappa hielt ihnen vor, "dass sie von Musik nichts oder nur sehr wenig verstanden, ...als dass man sich mit ihnen über Musik, speziell seine, angemessen unterhalten kann."

Zu der Zusammenstellung der Aufnahmen selbst wird noch vermerkt, dass sie zu den "mit Abstand harmonischsten" der Mothers gehört. Wohl wahr, hier hat Zappa ganze Arbeit geleistet. Es scheint alles zu stimmen. Besonders angetan bin ich von den (A-Seite) Stücken "Holiday In Berlin, Full Blown", "Aybe Sea" (irgendwo mal als "zappafied sea shanty" tituliert, dabei nur "ABC" meinend und sehr richtig als "ein raffiniertes musikalisches Kabinettstück mit weit über den Tag hinausweisender Melodik und großer Schlichtheit" beschrieben), sowie natürlich (B-Seite) "The Little House I Used To Live In" - satte 18:42 erstklassiger Musik; und wenn ab ca. 5:20 Sugar Cane Harris für tolle 8 Minuten seine Geige bearbeitet, nur kurz von Don Prestons Klaviersolo unterbrochen, dann ist die Welt in Ordnung.

Klamauk :'-( , mein lieber Herr Zauberer, höre ich auf dieser Platte nicht!

radiot grüßt! 8)
Rainer The Mage
 
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 24.06.2014 - 14:33 Uhr  ·  #7
Ich finde, bei WPLJ und Valarie kommt man schon ins Schmunzeln, aber natürlich ist hier nicht der Mothers-Wahnsinn drin, so wie man ihn von manchem Vorgänger kennt.
Proggy
 
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 05.07.2014 - 16:34 Uhr  ·  #8
Die beiden Titel " Overture to a Holiday in Berlin" und "Holiday in Berlin" sind musikalische Beschwörungen des "Berliner Ärgers" welchen Frank während eines Konzertes dort hatte! Kommunistische Aktivisten forderten vom Meister,daß er eine öffentliche Erklärung gegen den Kapitalismus abgeben solle, was er natürlich nicht tat! Er wurde als Faschist betitelt und die Aktivisten riefen ständig " Mothers of Reaction" !
Das fand er insofern garnicht lustig.
Danke für die Rezension.
Burnt Weeny gehört in jedes ZAPPA-Regal!
LG
Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen! F.Z.
Jersch
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Re: Frank Zappa - Burnt Weeny Sandwich (1970)

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Gepostet: 06.07.2014 - 16:39 Uhr  ·  #9
Wichtige und sehr gute Scheibe von ZAPPA, die sich in den "oberen" Rängen meiner Favoritenliste wiederfindet! Mit den Höreindrücken von unserem "Rainer The Mage" identifiziere ich mich absolut!

Jersch`s Höreindrücke einiger Scheiben findet Ihr hier:

forum/topic.php?t=9865&page=fs…rank;zappa
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