Verehrte, wäßrig-triefende Bleichlinge,
leider verhinderte Rostfraß und andere Widrigkeiten dieses viel zu feuchten Planeten eine schnellere Antwort. Auch wollen meine blauen kristallenen Linsen nicht mehr so recht und mein Freund Klapaucius konnte die Ersatzteile noch nicht liefern. Aber um die Lebensgeschichte etwas abzukürzen: näheres zu meiner leiblichen, wohlgeformten Gestalt aus edlen Metallen, Kristallen und anderen ehernen Materialien könnt ihr in dem wohlgelungenen Buch "Kyberiade" von Stanislaw Lem nachlesen, aus dem ich den Avatar entnommen habe, um Euch einen Augenblick für kurze Zeit mein Antlitz zu zeigen.
Meine Forschungen auf diesem wässrigen Planeten begann im Jahre 1959. Eingehüllt in einer arg feuchten Körpermaske lebte ich als "angeblich" jüngstes Kind in einer Familie der hier dominierenden Lebensform, um die Kultur zu studieren.
Dank der beiden älteren Kinder durfte ich schon in jungen Jahren eine Musiksendung der heimischen Fernsehstation sehen - daher auch meine Prägung für Musik aus der Epoche, die man die "swinging Sixties" nennt. Merkwürdig verkleidete Menschen in Kostümen früherer Epochen lernte ich lieben, besonders die Bands, die von einer kleinen Insel kamen, die dem Kontinent Europa vorgelagert ist.
Erste Bekanntschaft mit Musik, die mich an heimatliche Klänge erinnerte, machte ich in den frühen 70ern. Endlich vernahm ich Musik, bei denen die Elektronen frei dahinschwebten - reine Sinus-, Sägezahn- und andere Kurven erinnerten mich an die Heimat, in der die Sterne nach Farbe und Größe sortiert am Himmel stehen. Seitdem lausche ich besonders gern diesen Tönen und freue mich über jede Entdeckung.
Später kamen Gruppen hinzu, die gar lange Instrumentalpassagen bevorzugten. Nicht nur die Haare, auch die Stücke wurden länger - die Entdeckung des britischen und europäischen "progressiven Rocks" ließ den Einfluß brüderlicherseits verschwinden, ohne die "alten" Helden aufzugeben.
Nachdem Glitzerumhänge, Keyboardburgen und esoterisches Gesinge die Menschen ermüdete, widmete auch ich mich der neuen Welle. Nun kamen die Favoriten aus einem kleinen Club in New York, andere aus Manchester oder Dublin. Dazu gesellten sich eher vergessene Interpreten aus den fühen Jahren der Rockmusik, die ich aufgrund der eigenen "Kindheit" nur am Rande erlebt hatte.
In den 90ern gelangte ich auch in die "Jazz" genannten Gefilde - allerdings auch hier beschränkt auf ein kleines Gebiet dieses Planeten, dass sich Norwegen nennt. Dazu kommt die Bevorzugung von Musik, bei denen Rhythmik weitgehend verschwunden ist und KLANGFARBEN/SOUNDS im Vordergrund stehen. All dies liegt nun in diversen Stapeln in Regalen, Schränken und auf dem Boden hier herum.
ergebenst euer Trurl