New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

die rolling stonigste 60s Girl-Group des Punk

 
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New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

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Gepostet: 27.09.2006 - 00:06 Uhr  ·  #1
Vielleicht hast Du in den sogenannten Guten Alten Zeiten mal eine Zündapp besessen, oder 'ne Kreidler. Natürlich frisiert, ein bißchen aufgebohrt eben. Lief glatte 100, ja, sogar 110, der Bock.

Und Du hast Dich damit in die Kurven gelegt, volle Möhre, wie es so schön hieß.
Die Fußraste schleifte immer so über den Asphalt, daß die Funken flogen.
Und dann hast du gemerkt; Scheiße, ich bin hier viel zu schnell, ich schaff die Kurve nicht mehr.
Gleich würdest Du rausschlittern, aus der Kurve. Aus der Traum, Ade Du Süßes Leben.
Du hattest nur noch den Bruchteil einer Sekunde, zum Bremsen war es längst zu spät.
Und genau in diesem Augenblick hast Du gemerkt, daß Du den Scheitelpunkt der Kurve hinter Dir hattest. Bis heute begreifst Du nicht wie das noch klappen konnte, aber Du warst durch!
Und statt zu bremsen, hast Du nochmal voll Gas gegeben und kamst rausgeschossen... also wirklich, 1A!

Alles in Dir hat vor Glück und Erleichterung gejubelt. Mann, das war das Gefühl Deines Lebens.
Irgendwann später hast Du begriffen, daß dieses Draufgängertum nicht besonders intelligent war, aber erleben möchtest Du es schon noch mal, dieses Wahnsinnsgefühl des Reinschlitterns und Sich-Selbst-Wieder-Rausreißens.

Und da wäre die New York Dolls genau die richtigen Impulsgeber. Denn seit ihrer Gründung haben sie nichts anderes gemacht als immer mit überhöhter Geschwindigkeit in Kurven reinzuschlittern.
Das war haupsätzlich Johnny Thunder's Gitarre, die immer so total aus dem Ruder zu laufen schien; dieses Krängende, dieses aus-dem-Stück-rutschende; quasi mit dem Hinterrad schon aus der Kurve,
und jedesmal hat er es dann eben und eben noch geklappt; Gas geben, voller Griff in die Saiten; mit Ach und Krach auch diese Nummer wieder gerettet. Und die anderen Dolls liefen nicht weniger dwars;
immer rissen sie sich selbst im letzten Augenblick aus der Kurve; so grad noch...

Im wahren Leben ging das leider bei den meisten Dolls nicht gut. Der erste Drummer, Billy Murcia, flog schon bei der ersten Europatournee 1972 voll aus der Kurve; Drogentod, Heroin, natürlich. Johnny
Thunders konnte es kaum erwarten, ihm nachzufolgen. Drogentod, Heroin, natürlich. Bassist Arthur Kane warf alles in sich rein, was reinwerfbar war; Alk, Nikotin, Heroin, natürlich. Und auch der 2. Drummer, Jerry Nolan, starb an allem, was man unter illegalen Substanzen so aufzählen möchte.

Aber zwischendrin schafften es die Dolls 1973 und 1974 zwei LPs aufzunehmen, die noch immer mit zum Besten zählen, was der reine, der pure, der energiegeladene Rock'n'Roll so anzubieten hat.

Same (1973) und in Too Much Too Soon (1974, beide Mercury) waren vollgestopft mit 3-4 minütigen Teenage-Hymnen; schneller Rock'n'Roll a la Rolling Stones, so circa Exile On Mainstreet, aber natürlich bei weitem nicht so durchproduziert und natürlich viel chaotischer gespielt. Irgendwie hingen die Nummern alle auf der Kippe, aber irgendwie schafften sie es, jede einzelne davon noch aus der Kurve zu zerren.
Die Dolls waren die rotznäsige Reinkarnation der langsam fett-ansetzenden Stones. Aber sie waren auch die allererste Punkband überhaupt; Jahre später sollte ihr letzter Manager Malcolm McLaren seine Inspirationen für die UK-Punkszene von 1977 aus den Dolls ziehen.
Aber dann wieder waren diese lippenstiftverschmierten Puppen in Seidenblusen und hochhackigen Pumps auch die allergrößte 60s Girlgroup aller Zeiten; die Supremes, Shirelles und Shangri-Las blieben meilenweit zurück, wenn die Dolls zu ihren Tamla Motown geprägten Harmoniegesängen antraten.

Das Tandem David Johansen/Johnny Thunders sah sich gern als die neuen Jagger/Richards. Nun, so gut waren sie sicher nicht, aber ihre Klassiker haben trotzdem die Zeit überdauert; Personality Crisis; die Dolls waren ja nichts anderes als die Persönliche Krise; aber sie waren auch der Lonely Planet Boy, sie waren Trash; Schmutz, Abfall aus der Bowery, eben. Sie liebten Bad Girls und fuhren auf Subway Trains; natürlich hatten sie Spraydosen für ihre Graffitti dabei. Und wenn David Johansen sein Looking For A Kiss ins Mikro bellte, dann war klar, daß sich die anderen Puppen, nämlich die weiblichen, besser nicht lange zieren sollten. Denn:
If I Say I'm In Love, You Best Believe I'm In Love, L-U-V !

Aber sie wußten damals schon, was die Stunde geschlagen hatte; zwei meiner Lieblungsnummern legen Zeugnis ab: It's Too Late; trotz krängendem Rock'n'Roll, da ist doch nichts mehr zu retten.
Und Human Being; 'selbst wenn ich zuviele Dinge von diesem Leben erwarte, hilf mir, denn ich bin auch nur ein Mensch...'

Nun, man hat ihnen nicht geholfen, die Ur-Dolls zerbrachen, denn auf Dauer kann kein Human Being solche Mengen an Drogen und anderem Fehlverhalten kompensieren.

Was folgte waren Pseudo-Dolls mit Pseudo-Platten; statt echter neuer Nummern gab es massenhaft miserable Live-Mitschnitte. Johnny Thunders und Jerry Nolan gründeten die Heartbreakers, zogen nach London und gehörten einen Herzbrechenden Herzschlag lang zu den allerersten Punkbands der UK-Szene. Rhythmus-Gitarrist Sylvain
Sylvain stampfte eine Feierabend.Rock-Formation nach der anderen aus dem Boden; schon in der ersten Kurve flogen sie alle raus. Arthur 'Killer' Kane soff sich langsam zu Tode. David Johansen veröffentlichte mäßige
bis saumäßige Solowerke, auch unter dem alias Buster Poindexter; nichts davon muß man haben.

Das wars also für die New York Dolls. Johnny Thunders und Jerry Nolan waren längst an mehr als nur gebrochenen Herzen gestorben, eine Wiederbelebung schien schier unmöglich.

Und mitten in dieser so finalen Lebenskurve erschien ihnen der ehemalige Frontmann (oder muß man sagen 'Frontfrau') der Smiths; Morrissey, um ein Durchstarten in eine neue Existenz zu ermöglichen. Morrissey
hatte eben immer Gefallen an den nett aussehenden Püppchen gefunden, er wollte sie auch mal privat ans Herz drücken.

So müssen die Rock'n'Roller tatsächlich einer Schwuchtel Abbitte leisten, zumal die Dolls, die ihre Campness immer nur als Jux betrachteten (ihre wahren Interessen lagen immer darin, den weiblichen Lesern von 17 Magazine einmal ihre Puppenstube zu zeigen), über diese süße kleine Morrisey-ette nur altersweise lächeln konnten.

2004 kamen sie plötzlich und völlig wider aller physikalischen Gesetze aus der Kurve geschossen, mit funkenschlagenden Fußrasten und jeder Menge Energie. Ihre Tour durch die UK wurde zum Riesenerfolg; natürlich genehmigte sich Killer Kane zur Feier des Tages die ein oder andere Substanz, und natürlich schlitterte auch er schlußendlich in die Unendlichkeit.
Aber das beließ immer noch David Johansen und Sylvain Sylvain um die Rolling Stonigste 60s Girlgroup des Punk in neue, noch nicht durchfahrende Kurven hineinrasen zu lassen.

Und jetzt kommt das Schöne; sie schaffen es wieder und immer noch, und erneut mit Karacho. Dieser Tage unterstützt u.a. vom ex-Hanoi Rocks-Gitarrenhelden Sammy Jaffa, der genau so krängend und rutschend Gitarre spielen kann, wie einst Johnny Thunders. Der Beweis ist ist ihre neue CD One Day It Will PLease Us; der Beweis ist ihre aktuelle Live-DVD; und ganz besonders, der Beweis sind ihre Live-Auftritte; nachzuvollziehen z.B.
am 08. Oktober im Marix, Bochum.

Und Du, der Du mittlerweile alt genug bist, um einen Satz selbstbezahlter dritter Zähne zu besitzen (und das sind nicht die Zähne des Zahnkranzes
Deiner alten Zündapp oder Kreidler), Du kannst Dir gerne dieses Gefühl des Gerade-Nochmal-Davongekommen verschaffen. Es ist völlig ungefährlich für Dich; selbst wenn Du nicht mehr richtig abrocken kannst;
die Püppchen im Publikum werden kaum über Dich lachen, werden Dich nichtmal beachten, weder Deine Frau, noch Deine Tochter, noch Deine Enkeltochter. Sie werden eh gleich bei David Johansen und den anderen Dolls in der Garderobe sein (wahrscheinlich, weil Sie sich die Fliehkraft in Kurven erklären lassen wollen, warum auch sonst). . Während Du, übers Urinierbecken gebeugt, dem netten Nachbarn Deine Gallensteine erklärst

Hey, und natürlich werden die derzeitigen Aktivitäten, inkl. einer Besprechung der Lippenstift-großartigsten CD der Nachkurven-Ära
(nach dem Kurvenschlittern ist vor dem Kurvenschlittern) noch gesondert Erwähnung finden. Laßt mich erstmal mein Samtjäckchen anziehen, und meine hochhackigen Stiefel...
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Guestuser
 
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Re: New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

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Gepostet: 27.09.2006 - 12:11 Uhr  ·  #2
@Badger: Macht Spaß deine Bandvorstellungen zu lesen ! Auch wenn du (meist) Bands vorstellst mit denen ich gar nix anfangen kann, so ist das doch ne Bereicherung fürs Forum.

Jerry
Tom Cody
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Re: New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

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Gepostet: 25.06.2015 - 21:41 Uhr  ·  #3
Sehr schöne Vorstellung! Vielen Dank! :)
freaksound
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Re: New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

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Gepostet: 26.06.2015 - 09:57 Uhr  ·  #4
Zitat geschrieben von Guestuser

@Badger: Macht Spaß deine Bandvorstellungen zu lesen ! Auch wenn du (meist) Bands vorstellst mit denen ich gar nix anfangen kann, so ist das .... ne Bereicherung fürs Forum.

Jerry


Kann da Jerry selig in den markierten Teilen nur voll zustimmen,

...und musikalisch steht mir der gute Dachs eh viel näher als Jerry ehedems,
also : long live rock´n roll !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
sunny
 
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Re: New York Dolls - Das Gefühl Des Überlebens

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Gepostet: 06.07.2015 - 07:18 Uhr  ·  #5
vielen Dank für die klasse Vorstellung :D
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