El Topo - Pigiama Psicoattivo

...mal was anderes!

 
firebyrd
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El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 07.11.2008 - 08:38 Uhr  ·  #1
El Topo - Pigiama Psicoattivo


Zunächst einmal - recht ungewöhnliche Musik.
Als langjähriger und bekennender Jazzfan ist auch etwas für mich dabei, also reichlich Improvisation. Aber es ist nicht unbedingt 'meine Musik'. Und es ist hier nicht einfach, den 'Schubladenbegriff' eindeutig anzuwenden, denn wo hinein sollte man es nur packen???

So bemerkte meine Frau beim Anhören, dass ihr die Musik sehr gut gefiele, denn sie empfinde, so sagte sie - diese als »nicht greifbar«, und das als positiver Aspekt gesehen. Dem kann ich nur zustimmen, denn hier geschieht etwas, was wahrlich nicht unbedingt im herkömmlichen Sinne 'strukturiert' ist.

Die vier italienischen Musiker, die sich als Band 2006 in Rom zusammenfanden (allerdings arbeiten zwei von ihnen bereits seit etwa 2000 zusammen), spielen laut eigenen Angaben in einer Pressemitteilung eine Mischung aus »Rockjazz/Electronica, mit etwas Krautrock, Elementen minimalistischer und psychedelischer Prägung, eine Mischung aus Komposition und Improvisation.«

In der Besetzung mit Gitarre, Vibrafon, Bass, Schlagzeug und 'electronics' wirbeln die vier Herren die Musikgeschichte teilweise wild durcheinander. Denn - was kann ich hier nun alles hören?

Ambient, Industrial, Frank Zappa, Captain Beefheart, Durutti Column, This Heat, Tuxedo Moon, Snakefinger, Elemente des Free Jazz, 'Klänge aus dem Übungskeller', manchmal aufs Einfachste reduziert, dann wieder klug und bewusst durchdacht. Orientalische Klänge mischen sich ein, verabschieden sich jedoch alsbald wieder und machen Platz für scheppernde Drums mit verträumten Vibrafonpassagen. Dann wieder lässt der leicht verhallte Bass Erinnerungen an skurrile deutsche Krimiserien der 60er und 70er wach werden, ein sanfter Akkordeonklang lädt 'Kommissar Maigret' ein, durch die Szene zu schreiten - eigentlich eignet sich die Musik hervorragend zur Vertonung eigentümlicher Filme, die im Rahmen von Filmkunsttagen einem nicht unbedingt gewöhnlichen Publikum vorgesetzt werden.
Aber auch bei Morricone scheint man abgeguckt zu haben, die Atmosphäre fließt durchaus auch mal ein. David Lynch könnte die Musik sehr gut atmosphärisch in einem Film verarbeiten.

Einige Gastmusiker geben mit ihrem Einsatz dann noch ordentlich 'Würze' in das Gebräu, so eine Lap Steel Guitar, Saxofon, das schon genannte Akkordeon, und auf dem Stück Nummer fünf eine Udu Drum. Schwach fällt für mich hier der gesangliche Beitrag von Amy Denio aus, ansonsten ist er an Saxofon und Akkordeon zu hören.

Doch - Anspruch hat diese Musik schon, obwohl, wie ich gelegentlich lesen konnte, ist das hier mit Sicherheit für mich kein Jazz, es fehlt das swingende Element völlig, das ist schon eher Avantgarde. Wie auch immer, abgeliefert haben sie ein ungewöhnliches Klangspektrum, dem man sich öffnen muss, um genießen zu können. Das ist grundsätzlich keine Musik zum 'Nebenbeihören'.

Schon der erste Track setzt skurrile und schräge Akzente, hier mit saxofonistischer Unterstützung. 'Gefälliger' wird es da schon mit dem zweiten Titel, der für mich bereits annähernd Assoziationen zur Loungemusik weckt. Und wieder dieser Aspekt des 70er-Jahre-Krimis dabei, fein, diese Tremolo-Gitarre und dazu dieser Bass, der mich an Hugh Hopper von Soft Machine erinnert. Dazu die teils asiatisch anmutenden Perkussionsklänge, aber immer wieder nur alles kurz und als ganz kleines Element. Gerade bei diesem Track, der mein erklärtes Lieblingsstück ist, zeigt sich, welche Vielseitigkeit die Band einzubringen versucht!

Track sechs ist es dann, der mich mit diesem aus meiner Sicht wirklich grausamen und dem Song nicht unbedingt dienlichen Vokalbeitrag unendlich nervt. (Rote Karte dafür!)

Insgesamt überwiegen jedoch die 'mich versöhnenden' Töne, ein handwerklich sehr vielseitiges Album, das mir allein subjektiv nicht 100%ig zusagt, aber dem ich objektiv meine Hochachtung für die Gestaltung und den Mut der Musiker, dieses geschaffen zu haben, aussprechen muss!

Nun, die italienische Presse hat sich angesichts der Veröffentlichung teilweise 'überschlagen': »Geniale, avantgardistisch influenzierte Fusion-Jazz-Scheibe«, »jazzige Improvisation und elektronisch-minimalistische Strukturen kollidieren«, »wunderschön ausbalanciert zwischen Experiment und Handwerkskunst« usw. .
Sicher haben sie alle recht, doch , wie gesagt, jeder, der sich an 'normal' strukturierte Musik gewöhnt hat, dürfte einen Kulturschock erleben. Jeder, der sich mit Gitarristen wie Derek Bailey oder Arto Lindsay auskennt, dürfte müde lächeln. Irgendwo dazwischen steht es wohl.

Doch gegen den Ausdruck einer Fusion-Jazz-Scheibe muss ich mich wehren, denn ich empfinde hier wenig Jazzmomente.

Es musizieren:


Adriano Lanzi (guitar, electronics)
Omar Sodano (bass, electronics)
Andrea Biondi (vibraphone, perc)
Francesco Mendolia (drums)

Mike Cooper (resophonic & lap-steel guitars – on 1, 3, 4, 6, 7, 9)
Amy Denio (sax, accordeon, vocals – on 1, 6, 8, 9)
Ricardo Lay (double bass – on 1, 2, 4, 7, 8)
Anadi Mishra (udu drum – on 5)


Hier noch die Titel:


1 Tosca (3:53)
2 Sonics (5:14)
3 Seicento Giri Carico Frontale (4:37)
4 Pigiama Psicoattivo (6:03)
5 Telegraph Dakar (5:36)
6 Scelsi (4:32)
7 Errore Meccanico (5:43)
8 Crew'N'C (5:54)
9 Macinino (5:09)


Viel Vergnügen beim Entdecken!

Wolfgang
pur
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Re: El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 07.11.2008 - 23:13 Uhr  ·  #2
Ja hört sehr Interessant an. Mal sehen ob ich es finde.
freaksound
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Re: El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 09.11.2008 - 18:17 Uhr  ·  #3
schließe mich Pur an
firebyrd
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Re: El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 09.11.2008 - 19:31 Uhr  ·  #4
freaksound
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Re: El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 10.11.2008 - 07:57 Uhr  ·  #5
@Wolfgang: danke für den Link.
Habe mal reingehört und das klingt wirklich nicht uninteressant!

Deine Beschreibung und das was ich so bisher gehört habe, erinnert mich an eine Geschichte die ich mal gelesen habe:

Eine Schulklasse besucht einen Vogelpark. Der Park liegt direkt neben einer gut befahrenen Strasse.
Die Lehrerin sagt den Kindern: schließt eure Augen und sagt mir, was ihr hört, was euch auffällt.

Die Kinder aus der Stadt sagen: wir hören Vögel singen.
Die Kinder aus dem Dorf sagen: wie hören die Autos vorbeifahren.

Für mich, dem der Jazz noch relatives Neuland ist, aber schräg-experimentel-zerfaserter Rock gut reinläuft, ist hier eine Jazzige Note sehr deutlich rauszuschmecken.
Vielleicht deshalb weil es das ist, was ich sonst wenig bis kaum höre.

Werde mich mal auf die Suche machen nach der Scheibe !
Tom Cody
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Re: El Topo - Pigiama Psicoattivo

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Gepostet: 30.07.2012 - 18:44 Uhr  ·  #6
Hoch damit.... 😉
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