Ein gerade zufällig wiedergefundener Beitrag unseres Zirkus-Mitglieds „badger“ brachte mich wieder auf die Spur einer Band, die bei mir schon länger nicht mehr auf dem musikalischen Speiseplan stand: JOY DIVISION. Den von badger erwähnten Film „Control“ hatten wir bereits verkonsumiert. Seine Kritik dazu kann ich voll und ganz bestätigen. Wer sich für die Geschichte der Band und insbesondere für ihren Sänger Ian Curtis interessiert, sollte sich den Film unbedingt ansehen. Keine leichte Kost, aber verdammt sehenswert.
---> Hier geht es zu badgers Beitrag.
Dieser Zufallsfund war jedenfalls eine gute Gelegenheit, meine NAS noch einmal zu bemühen und JOY DIVISION aus den digitalen Tiefen an die Oberfläche zu holen. Gut gespült, kann ich die NAS nur loben: „Closer“ stand noch vor dem Debütalbum an erster Stelle. Das entspricht exakt meiner persönlichen Reihenfolge der beiden Studioalben. Warum das so ist? Nach längerer Abstinenz wollte ich das einfach noch einmal überprüfen. Schließlich hört man manche Platten nach all den Jahren mit anderen Ohren. Also: Kopfhörer auf, Welt aus. Auf geht’s!
JOY DIVISION - Closer | 1980 | England | Post-Punk
Vier Mann, kein Bock auf musikalische Nettigkeiten
Das Cover macht schon einmal klar, dass hier niemand auf gute Laune aus ist. Eine Grabstätte, steinerne Trauerfiguren, alles in Schwarz-Weiß. Wer die Platte nach dem Motto „Mal sehen, was die Jungs aus Manchester so draufhaben“ auflegt, bekommt jedenfalls keine musikalische Streicheleinheit verpasst.
Was mich beim Wiederhören sofort packt, ist dieser ganz eigene Sound. Die Musik wirkt sperrig, zieht einen aber gleichzeitig hinein. Neun Stücke, gut 44 Minuten, kein Gramm überflüssiger Speck. Martin Hannett hat der Band eine Produktion verpasst, die für mich einen wesentlichen Teil der Faszination ausmacht. Die Instrumente stehen weit auseinander, Hall und Leerräume gehören ebenso dazu wie Bass, Gitarre und Schlagzeug. Nichts wird zu einem dicken Klangbrei verrührt, niemand drängt sich ständig in den Vordergrund. Stattdessen bekommt jedes Instrument seinen Platz, und gerade daraus entsteht dieser eigenwillige Sog. Mal schiebt der Bass nach vorn, mal verliert sich ein Gitarrenton im Hall, während das Schlagzeug stoisch seinen Takt durchzieht. Das klingt nicht nach einer Band, die sich mit möglichst viel Lärm Gehör verschaffen muss, sondern nach vier Musikern, die genau wissen, wann sie sich zurückhalten und wann sie Druck machen müssen. Hier wird nichts auf Hochglanz poliert. Warum auch? JOY DIVISION waren schließlich nicht angetreten, um beim nächsten Schönheitswettbewerb der Rockmusik mitzumischen.
Peter Hooks Bass übernimmt häufig die melodische Führung, Bernard Sumner setzt seine kantigen Gitarrenfiguren und Synthesizer dagegen, Stephen Morris bearbeitet sein Schlagzeug mit beinahe maschineller Präzision. Und Ian Curtis? Der singt nicht, um irgendjemandem zu gefallen. Seine Stimme klingt oft zurückgenommen, fast nüchtern. Gerade deshalb haben seine Worte eine Wirkung, die mir bei manch anderem Sänger mit bedeutend mehr Stimmvolumen ziemlich schnell auf die Nerven gehen würde.
JOY DIVISION haben sich vom klassischen Punk mit seinen drei Akkorden und der großen Krawallgeste längst entfernt. Die Haltung ist aber geblieben: eigene Regeln, eigener Kopf, kein unnötiges Herumgepose. Mir gefällt das ausgesprochen gut.
Tanzen? Ja. Gute Laune? Vergiss es!
Bei Isolation erwische ich mich jedes Mal dabei, wie ich unwillkürlich mit dem Fuß den Takt mitklopfe. Der Rhythmus hat etwas geradezu Freches, die Synthesizer setzen ihre Akzente, und für einen Moment könnte man tatsächlich meinen, die Herren aus Manchester wollten uns auf die Tanzfläche locken. Dann kommt Ian Curtis mit seinem Gesang um die Ecke und macht diese kleine Anwandlung von guter Laune gleich wieder zunichte.
Ich mag diesen Gegensatz. Die Musik marschiert nach vorn, während Curtis klingt, als wäre ihm das alles längst zu viel. Das hat etwas herrlich Widersprüchliches. Man möchte sich bewegen, weiß aber nicht so recht, ob man dabei grinsen oder lieber die Stirn in Falten legen soll. Für mich ist genau das einer der Momente, in denen „Closer“ seine besondere Klasse zeigt.
Einer meiner persönlichen Lieblingssongs auf dem Album ist allerdings Passover. Hier stimmt für mich einfach alles: dieser schleppende, fast hypnotische Rhythmus, der markante Bass und die Gitarre, die sich immer wieder dazwischen schiebt, ohne sich aufzudrängen. Das Stück entwickelt einen ganz eigenen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen kann. Es muss gar nicht viel passieren, damit die Spannung erhalten bleibt. Gerade diese Zurückhaltung macht Passover für mich so stark.
Bei Twenty Four Hours bin ich dann endgültig wieder hellwach. Schon der Anfang sorgt bei mir für ein kleines Déjà-vu: Dieser markante Basslauf und das Gitarrenspiel erinnern mich spontan an einzelne Stücke von THE CURE. Die Assoziation ist ziemlich deutlich, verschwindet allerdings wieder, sobald Ian Curtis mit seinem Gesang einsetzt. Trotzdem bleibt diese Erinnerung im Hinterkopf. Dieser Basslauf hat einfach etwas ungemein Packendes, dazu das unnachgiebige Schlagzeug und die Gitarre, die immer wieder dazwischenfährt – da ist ordentlich Druck auf dem Kessel. Hier blitzt für mich am deutlichsten auf, wo die Wurzeln der Band liegen. Da steckt noch jede Menge Punk-Energie drin, aber JOY DIVISION machen eben nicht einfach nur Krach. Der Song baut sich auf, zieht die Schraube immer weiter an und lässt einen kaum zur Ruhe kommen. Die Instrumente treiben sich gegenseitig voran, bis man das Gefühl hat, dass sich die ganze Nummer jederzeit noch weiter hochschaukeln könnte. Wenn ich einen Titel nennen müsste, der mir auf „Closer“ besonders unter die Haut geht, wäre dieser ganz vorne dabei.
Das Schöne daran: Die Band muss dafür keine großen Kunststücke aufführen. Kein Gitarrensolo bis zur Bewusstlosigkeit, kein Schlagzeuger, der seine Stöcke durch die Gegend wirft. Vier Musiker, die genau wissen, was sie tun, und dabei ordentlich Dampf ablassen. So einfach kann das manchmal sein.
Ein Album statt neun Einzelkämpfer
Bei aller Begeisterung für einzelne Songs möchte ich „Closer“ gar nicht in eine Reihe von Einzelbesprechungen zerlegen. Für mich liegt die eigentliche Stärke in der Gesamtwirkung. Die neun Stücke gehören zusammen, verändern allmählich ihren Charakter und lassen dem Hörer kaum eine bequeme Verschnaufpause. Keine Nummer nach dem Motto: Jetzt haben wir genug Trübsal geblasen, nun machen wir mal etwas für die Stimmung. Die Herren ziehen ihren Plan durch. Das kann man stur nennen. Ich nenne es eine klare musikalische Haltung.
Auch die Produktion trägt dazu bei. Hannett lässt den Instrumenten Platz, statt alles zu einem dicken Klangbrei zusammenzurühren. Der Bass darf nach vorne, die Gitarre muss nicht ständig den dicken Max markieren, und das Schlagzeug hält die ganze Angelegenheit zusammen. Die Synthesizer setzen zusätzliche Akzente, ohne dass die Band plötzlich so klingt, als hätte sie ihre Instrumente gegen ein paar blinkende Spielzeuge eingetauscht.
Ich höre „Closer“ am liebsten mit Kopfhörern und ohne Ablenkung. Dann fallen mir immer wieder Kleinigkeiten auf, die beim beiläufigen Hören vermutlich untergehen würden. Ein Basslauf, ein kurzer Schlagzeugakzent, ein Gitarrenton, der genau an der richtigen Stelle sitzt. Das ist keine Musik, die man nebenbei konsumiert und anschließend mit einem knappen „Ganz nett“ abhakt. Dafür passiert hier einfach zu viel.
Wenn am Ende die Kraft ausgeht
Gegen Ende kommt für mich der Moment, auf den ich bei jedem Hören beinahe warte: The Eternal. Dieser Song ist mein absolutes Highlight auf „Closer“, und ich finde es schwer, genau zu beschreiben, was er mit mir macht. Schon das Piano zieht mich hinein. Dazu diese behutsame Instrumentierung, die sich nie in den Vordergrund drängt, und Ian Curtis’ Stimme, die mich jedes Mal aufs Neue erwischt. Da liegt so viel Schmerz und Verletzlichkeit drin, ohne dass auch nur eine Sekunde das Gefühl entsteht, hier wolle jemand große Gefühle zur Schau stellen. Ich höre da keinen Sänger, der noch einmal alles gibt, um das Publikum zu packen. Eher einen Menschen, der kaum noch Worte findet und dessen Stimme trotzdem alles sagt. Gerade diese Zurückhaltung macht den Song für mich so erschütternd. Er lässt mir Raum, selbst etwas hineinzulegen, und vielleicht trifft er mich deshalb jedes Mal wieder so tief. Wenn ich einen einzigen Titel nennen müsste, der mir die besondere Klasse von „Closer“ nahebringt, wäre es The Eternal. Für mich ist das einer dieser seltenen Songs, bei denen ich am liebsten die Luft anhalten würde, damit mir auch nicht der kleinste Moment entgeht.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=gR0ytCjcSL4
Mit Decades schließt das Album schließlich auf eine Weise, die mich auch nach all den Jahren nicht kaltlässt. Die Musik wirkt entrückt, die Instrumente scheinen sich immer weiter voneinander zu entfernen, und Curtis klingt, als wäre er mit seinen Gedanken längst ganz woanders. Kein großes Finale, kein letzter Kraftakt, keine versöhnliche Geste. Die Platte endet, und man sitzt erst einmal da.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=y9sYRgSRnq8
Dass Ian Curtis’ Geschichte beim Hören eine Rolle spielt, lässt sich kaum vermeiden. Er litt an Epilepsie und Depressionen und stand unter erheblichen persönlichen Belastungen. Am 18. Mai 1980 nahm er sich im Alter von nur 23 Jahren das Leben. „Closer“ erschien zwei Monate später.
Ich möchte allerdings nicht jede Textzeile nachträglich zum Abschiedsbrief erklären. Das wäre mir zu einfach und würde der Musik nicht gerecht. Trotzdem bekommt das Album durch dieses Wissen eine zusätzliche Schwere. Man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist, und fragt sich unwillkürlich, was aus dieser Band noch hätte werden können.
JOY DIVISION hatten ihren eigenen Klang längst gefunden und waren dabei, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Sie hatten sich von den üblichen Punkmustern gelöst, ohne ihre ursprüngliche Haltung über Bord zu werfen. Dass diese Entwicklung so abrupt endete, ist tragisch. Die Qualität von „Closer“ muss man damit aber nicht erst begründen. Die steckt in der Musik selbst.
Fazit: Für mich weiterhin die Nummer eins
Nach dieser erneuten Hörsession bleibt meine Reihenfolge unverändert: „Closer“ steht bei mir vor „Unknown Pleasures“. Das Debüt ist ein großartiges Album, keine Frage. „Closer“ empfinde ich jedoch als geschlossener, mutiger und musikalisch konsequenter. Die Band experimentiert, ohne sich in Spielereien zu verlieren, und entwickelt ihren eigenen Sound weiter, ohne sich dabei selbst untreu zu werden.
Was mich besonders beeindruckt, ist, dass die Platte auch heute noch Biss hat. Sie klingt nicht wie ein Museumsstück, das man ehrfürchtig bestaunt, weil es irgendwann einmal wichtig gewesen ist. Hier wird nichts glattgebügelt, damit es möglichst vielen gefällt. JOY DIVISION haben ihren Weg verfolgt und dabei ein Album geschaffen, das sich auch nach Jahrzehnten nicht anbiedert.
Die Kopfhörer sind inzwischen wieder abgenommen, die NAS darf sich ausruhen. Ich bin froh, dass badgers Beitrag mich daran erinnert hat, diese Scheibe wieder hervorzuholen. Es war mehr als ein nostalgischer Ausflug in die eigene Musiksammlung. „Closer“ hat mir erneut gezeigt, warum ich dieses Album schon damals vor das Debüt gestellt habe.
Wer bei Punk nur an lautes Getöse und drei Akkorde denkt, sollte hier einmal genauer hinhören. Manchmal braucht es keinen großen Krawall, um ordentlich Eindruck zu hinterlassen. Ein Bass, der sich seinen Platz nimmt, ein Schlagzeug wie ein Uhrwerk und eine Stimme, die sich nicht anbiedert – das reicht völlig.
Und dann sitzt man nach 44 Minuten da, schaut auf die Anlage und denkt: Verdammt, das war gut. Auch wenn man sich danach erst einmal etwas weniger Düsteres auflegen sollte.
[Die Band]
* Ian Curtis – Gesang, Gitarre, Melodica
* Bernard Sumner – Gitarre, Keyboards, Bass
* Peter Hook – Bass, Gitarre
* Stephen Morris – Schlagzeug, Percussion
* Produktion: Martin Hannett
[Die Songs]
* Atrocity Exhibition – 6:05
* Isolation – 2:52
* Passover – 4:45
* Colony – 3:53
* A Means to an End – 4:06
* Heart and Soul – 5:50
* Twenty Four Hours – 4:26
* The Eternal – 6:04
* Decades – 6:08
Gesamtspielzeit: ca. 44 Minuten
, eine solche Medizin hatte ich nie genommen. Was verpasst - weiß ich nicht, egal, ich vermisse das auch nachträglich nicht. So oder so, damals wie auch nun wieder kann ich sagen, dass mir die Scheibe nach wie vor hervorragend gefällt. Ich brauchte wohl nur wieder diesen Anschubser, damit "Closer" wieder unter die Kopfhörer kommt.
. Und ansonsten - in meinem Entwurfs-Postfach schlummern noch einige vorgefertigte sowie fertige Rezies. Manchmal fange ich damit einfach an, wenn mich ein Album packt - da fallen mir die meisten Worte ein. Eine riesenlange Retroperspektive zu einem Künstler schlummert da bereits ewig - allerdings glaube ich, dass das hier auf wenig bis gar kein Interesse stoßen würde. Naja, so oder so - aktuell habe ich wieder was in der Pipeline, der Feinschliff fehlt noch.