Kate Bush - Aerial

 
badMoon
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Kate Bush - Aerial

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Gepostet: 19.10.2026 - 17:32 Uhr  ·  #1
Während sich heutige Quiz- und Showmaster stundenlang über eine Kaugummimarke unterhalten können und Quizteilnehmer bei der richtigen Antwort auf die Frage „Wie viele Tage hat der Dezember?“ schon mal 500 Euro einstreichen, hatte die Fernsehunterhaltung früher ganz andere Kaliber im Ärmel. Eines dieser Geschütze hieß „Bio’s Bahnhof“, der Master of Quality Alfred Biolek, der stets eine illustre Auswahl an Gästen präsentierte. Neben bekannten Namen tauchten dort immer wieder unbekannte Sternchen auf, die später zu richtigen Stars werden sollten. Eine dieser Künstlerinnen nannte sich Kate Bush. Am 9. Februar 1978 präsentierte sie dort ihren Song Wuthering Heights, der wenig später zum Welthit werden und sie auch in Deutschland bekannt machen sollte.

Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=R24_ssa11Fs

Nun geht es hier weder um Bio’s Bahnhof noch um Wuthering Heights, sondern um ihr Album "Aerial". Ein gewaltiger Zeitsprung von rund 27 Jahren. Kate Bush hatte inzwischen eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, sich musikalisch immer wieder neu erfunden und ihre Fans nebenbei mit einer Geduldsprobe der besonderen Art versorgt. Zwölf Jahre waren seit ihrem letzten Studioalbum "The Red Shoes" vergangen. Zwölf Jahre! Andere Künstler bringen in dieser Zeit eine ganze Diskografie auf den Markt, wechseln dreimal die Plattenfirma und gehen mit ihren größten Hits auf die dritte Abschiedstournee. Kate Bush dagegen machte sich rar. Und dann kam 2005 tatsächlich ein neues Doppelalbum.

Kate Bush – „Aerial“ | 2005 | Großbritannien | Art Pop, Art Rock

Schon der Titel "Aerial" deutet an, wohin die Reise geht: in luftige Höhen, hinaus in die Natur und hinein in eine Klangwelt, in der Vogelstimmen, Alltagsgeräusche und musikalische Ideen eine ebenso große Rolle spielen wie die eigentlichen Songs. Wer auf ein zweites "Hounds of Love" oder eine Neuauflage der dramatischen Frühwerke gehofft hatte, musste allerdings umdenken. Kate Bush ist hier nicht mehr das junge Energiebündel, das mit wehenden Haaren und großen Gesten über die Bühne wirbelt. Sie wirkt gelassener, verspielter und beinahe so, als hätte sie überhaupt keine Lust mehr, sich irgendwelchen Erwartungen zu beugen.

Das Doppelalbum ist in zwei eigenständige Teile aufgeteilt. "A Sea of Honey" versammelt sieben einzelne Stücke, während "A Sky of Honey" eine musikalische Reise durch einen Tag bildet. Das klingt zunächst vielleicht nach einem dieser Konzepte, bei denen man sich vor dem ersten Ton vorsichtshalber noch einen Kaffee kocht. Doch keine Sorge: Kate Bush bekommt die Kurve, ohne dass man dafür ein Musikstudium oder eine Bedienungsanleitung benötigt. Während sich die erste CD stilistisch abwechslungsreich präsentiert und ganz unterschiedliche Themen aufgreift, folgt die zweite einem durchgehenden Spannungsbogen, der sich vom späten Nachmittag über den Sonnenuntergang bis zum nächsten Morgen erstreckt. Dabei spielen Naturgeräusche, insbesondere Vogelstimmen, eine wichtige Rolle und werden geschickt in die Musik eingebunden. Man muss sich allerdings darauf einlassen, dass hier nicht alle paar Minuten ein eingängiger Refrain um die Ecke kommt. Wer Kate Bush jedoch die nötige Zeit zugesteht, wird feststellen, dass dieses ungewöhnliche Konzept durchaus seinen Reiz entfaltet.


Los geht es mit King of the Mountain. Schon der Auftakt macht klar, dass hier keine harmlose Hintergrundmusik wartet. Ein federnder Rhythmus, geheimnisvolle Klänge und Bushs unverwechselbare Stimme bauen eine Atmosphäre auf, die gleichermaßen einladend wie rätselhaft ist. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit Elvis Presley und der Frage, was aus einem Menschen wird, der zu Lebzeiten zum Mythos aufgebaut wurde. Ist der King vielleicht noch irgendwo da draußen? Kate Bush lässt die Frage im Raum stehen und serviert einen Song, der sich langsam festsetzt.

Mit Pi folgt ein Stück, das man sich erst einmal trauen muss. Kate Bush singt die Ziffernfolge der mathematischen Kreiszahl Pi herunter, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Andere schreiben Liebeslieder, sie macht Musik aus einer mathematischen Konstante. Und das funktioniert erstaunlich gut! Der Song hat etwas Verschrobenes, beinahe Manisches, bleibt aber durch seinen rhythmischen Sog wunderbar zugänglich. Wer behauptet, Mathematik sei grundsätzlich langweilig, sollte hier vielleicht noch einmal in sich gehen.

Ganz anders präsentiert sich Bertie, eine zärtliche Liebeserklärung an ihren Sohn. Die Musik klingt beinahe mittelalterlich, mit hellen, tänzerischen Klängen und einer Stimme, die eine große Ruhe ausstrahlt. Kate Bush lässt hier tief in ihre persönliche Welt blicken, ohne ihr Privatleben gleich auf dem Silbertablett auszubreiten. Das Stück ist ein schönes Beispiel dafür, wie sie selbst aus sehr persönlichen Gefühlen etwas Musikalisches macht, das nicht im Kitsch versinkt.

Ein für mich weiteres Highlight ist Mrs. Bartolozzi. Was andere vielleicht nicht einmal eines zweiten Blickes würdigen würden, wird bei Bush zum Ausgangspunkt einer musikalischen Fantasiereise: eine Waschmaschine, Wäsche, Wasser und die Gedanken, die dabei durch den Kopf gehen. Mit der Zeile „The suds go yellow, the suds go green“ („Der Schaum wird gelb, der Schaum wird grün“) verwandelt sie den unspektakulären Waschvorgang in eine beinahe surreale Beobachtung. Die Wäsche dreht sich, das Wasser bewegt sich, Farben und Erinnerungen scheinen ineinander überzugehen. Das klingt zunächst ziemlich schräg, entwickelt aber einen eigentümlichen Sog. Hier zeigt sich Kate Bushs besondere Fähigkeit, das Alltägliche mit anderen Augen zu betrachten und ihm eine traumhafte, fast magische Dimension zu verleihen. Wer sonst macht aus einer laufenden Waschmaschine einen Song, der einen derart in seinen Bann ziehen kann?

Mit How to Be Invisible wird es wieder etwas rhythmischer und geheimnisvoller. Der Wunsch, sich unsichtbar zu machen, lässt sich durchaus als augenzwinkernder Kommentar zum eigenen Leben verstehen. Wer wie Kate Bush seit Jahrzehnten versucht, sich dem öffentlichen Dauerfeuer zu entziehen, dürfte für diesen Gedanken ein gewisses Verständnis aufbringen. Der Song klingt dabei keineswegs nach Rückzug und Weltflucht, sondern nach einer Künstlerin, die sehr genau weiß, was sie will – und was eben nicht.

Auch Joanni gehört zu den Stücken, die man nicht übergehen sollte. Der Song ist Jeanne d’Arc gewidmet und verbindet eine treibende Rhythmik mit einer fast beschwörenden Atmosphäre. Kate Bush greift historische Figuren auf, ohne daraus einen trockenen Geschichtsunterricht zu machen. Und mit A Coral Room endet die erste CD ausgesprochen nachdenklich. Das Stück, das sich mit Erinnerungen und dem Verlust ihrer Mutter auseinandersetzt, gehört zu den emotionalen Höhepunkten des Albums. Hier braucht es keine großen Gesten. Stimme, Klavier und die leisen Zwischentöne reichen völlig aus.

Weiter geht es mit der zweiten CD. Fast bin ich versucht zu behaupten, dass daraus ebenso gut ein eigenständiges Album hätte werden können. Das soll allerdings keineswegs heißen, dass die beiden Teile nicht zusammengehören oder die zweite CD in einem eigenen Album besser aufgehoben wäre. Im Gegenteil: Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung ergibt sich daraus ein stimmiges Gesamtwerk, bei dem beide Teile ihren eigenen Charakter entfalten und sich dennoch wunderbar ergänzen. Insgesamt eine runde Sache.

"A Sky of Honey" ist keine gewöhnliche Ansammlung weiterer Songs, sondern ein zusammenhängendes Klangbild, das den Verlauf eines Tages einfängt. Vom späten Nachmittag über den Sonnenuntergang bis in die Nacht und schließlich zum Morgen lässt Kate Bush ihre Musik langsam wachsen. Vogelstimmen, flirrende Instrumente und wechselnde Rhythmen gehören ebenso dazu wie die menschliche Stimme (Prelude, Prologue. Wer hier ständig auf den nächsten Refrain wartet, könnte ungeduldig werden. Wer sich dagegen auf das Ganze einlässt, entdeckt eine der faszinierendsten Seiten dieser Künstlerin.

An Architect’s Dream und The Painter’s Link verbinden Musik mit Bildern und dem Blick eines Malers auf seine Umgebung. In Sunset wird es besonders eindrucksvoll. Die spanisch anmutenden Gitarrenklänge, die warme Atmosphäre und Bushs Gesang erzeugen ein Gefühl, als würde man tatsächlich draußen sitzen und beobachten, wie der Tag langsam verschwindet.

Mit Somewhere in Between geht es in jene geheimnisvolle Übergangszone zwischen Tag und Nacht. Die Musik wirkt schwebend, die Stimmung beinahe entrückt. Nocturn führt diese Reise weiter, bevor der Titeltrack Aerial das Ganze in einem wunderbar lebendigen Finale zusammenführt. Hier wird mit Vogelstimmen, rhythmischen Ausbrüchen und einem fast überschäumenden Gesang gearbeitet. Besonders schön ist, wie sich die Naturgeräusche nicht bloß als Dekoration in die Musik schmiegen, sondern zu einem Teil des musikalischen Geschehens werden. Das ist schon eine ziemlich eigene Vorstellung davon, wie ein Popsong funktionieren kann.

Natürlich ist "Aerial" kein Album, das bei jedem Durchlauf gleichermaßen begeistert. Manche Passagen wirken zunächst etwas lang, und nicht jeder musikalische Einfall erschließt sich sofort. Aber genau darin liegt auch der Reiz: Bush vertraut ihrer eigenen Vorstellung und verzichtet darauf, jeden Gedanken für den schnellen Konsum zurechtzustutzen. Das Album verlangt Zeit, belohnt diese aber mit zahlreichen Details, die man beim ersten Hören leicht übersieht.

Was mich an "Aerial" besonders beeindruckt, ist diese Mischung aus Eigenwilligkeit und Gelassenheit. Kate Bush kann sich eine Waschmaschine als musikalisches Thema vornehmen, eine mathematische Zahl besingen oder einen ganzen Tagesablauf in Musik verwandeln. Und sie tut das mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich erst einmal leisten können muss.

Kate Bush gehört für mich zu jenen Künstlerinnen, die sich nie wirklich in eine Schublade stecken ließen. Schon früh war sie anders, später wurde sie immer eigenständiger – und mit "Aerial" zeigt sie, dass sie sich auch nach zwölf Jahren Pause nicht von den Erwartungen eines Musikgeschäfts treiben lässt. Sie veröffentlicht dann ein Album, wenn sie etwas zu sagen hat, und nicht, weil der Kalender der Plattenfirma es verlangt.

Dass sie ihr Privatleben weitgehend abschirmt, Interviews nur selten gibt und öffentliche Auftritte meidet, gehört inzwischen ebenso zu ihrem Bild wie ihre Musik. Dabei sollte man sie nicht zur geheimnisvollen Einsiedlerin verklären. Sie hat schlicht entschieden, dass nicht jeder Teil ihres Lebens öffentlich verhandelt werden muss. Umso größer war die Überraschung, als sie 2014 nach 35 Jahren ohne größere Tournee mit "Before the Dawn" wieder auf die Bühne zurückkehrte. Eine Konzertreihe, die viele Fans kaum noch für möglich gehalten hatten – und die zeigte, dass sie auch live noch immer eine ganz eigene Welt erschaffen kann. Alle 22 Konzerttermine waren innerhalb von nur 15 Minuten restlos ausverkauft, was zu Schwarzmarktpreisen von bis zu 1.500 € führte - für ein Ticket wohlgemerkt.

"Aerial" ist für mich weit mehr als die verspätete Rückkehr einer großen Künstlerin. Es ist ein Album, das Ruhe, Fantasie und musikalische Freiheit ausstrahlt. Es braucht keine Hitparadenambitionen und keine lauten Ansagen. Kate Bush nimmt sich ihre Zeit, geht ihren Weg und lässt sich nicht in die Karten schauen. Und wenn sie dann doch einmal wieder auftaucht, hört die Musikwelt aufmerksam hin. Wer weiß – vielleicht erscheint irgendwann völlig unerwartet wieder ein neues Album. Oder Kate Bush geht tatsächlich noch einmal auf größere Tournee. Dann könnte ich mir gut und gerne vorstellen, diesmal wesentlich zeitnäher eine aktuelle Rezension zu verfassen.

Wir werden sehen – oder besser: hören!
Trurl
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Re: Kate Bush - Aerial

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Gepostet: 19.10.2026 - 21:21 Uhr  ·  #2
Passt 👍 ich glaube, jeder weiss, dass ich ihre Musik liebe. Ohne sie gäbe es wohl keine Björk u.a.

Trurl
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Re: Kate Bush - Aerial

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Gepostet: Gestern um 08:55 Uhr  ·  #3
wow - das nenne ich mal eine tolle Rezie zu einem bemerkenswertem Album !
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