Vor längerer Zeit habe ich mich mal ein wenig mit der Geschichte der indigenen Völker der USA beschäftigt. Schuld daran war unter anderem ein Buch mit dem ziemlich eindringlichen Titel „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ von Dee Brown. Keine leichte Kost, aber eine Lektüre, die einem den Wilden Westen ganz schön um die Ohren haut. Denn plötzlich sind die Indianer nicht mehr die Statisten in den Geschichten über mutige Siedler und große Eroberer, sondern diejenigen, denen man das Land nahm, die man vertrieb und zu Tausenden ermordete.
Auch der Bildband „Die Indianer Nordamerikas“ von Edward S. Curtis aus dem TASCHEN-Verlag steht bei mir im Regal. Curtis hat Anfang des 20. Jahrhunderts indigene Gemeinschaften fotografiert und damit beeindruckende Einblicke in ihre Lebenswelten hinterlassen. Die Bilder sind faszinierend, auch wenn man nicht vergessen sollte, dass Curtis die Menschen und ihre Kultur aus seiner eigenen Perspektive dokumentierte.
REDBONE – We Were All Wounded at Wounded Knee | 1973 | USA | Rock
Als mir jetzt „We Were All Wounded at Wounded Knee“ von REDBONE wieder über den Weg lief, war ich deshalb gleich hellhörig. Hier geht es offenbar genau um diese Geschichte. Um ein Massaker, gebrochene Versprechen und eine Wunde, die bis heute nicht verheilt ist.
„We were all wounded at Wounded Knee / You and me“
Wir alle wurden bei Wounded Knee verwundet. Du und ich.
Mit diesem „Wir alle“ sind vermutlich die indigenen Völker gemeint, die über Generationen hinweg unter Vertreibung, Gewalt und dem Verlust ihrer Heimat zu leiden hatten. Wounded Knee steht dabei wahrscheinlich für weit mehr als ein einzelnes Ereignis.
Am 29. Dezember 1890 erschossen Soldaten der Siebten US-Kavallerie in South Dakota zahlreiche Lakota. Die Menschen waren bereits umstellt, als man sie entwaffnen wollte. Nach einem Schuss eröffneten die Soldaten das Feuer. Unter den mehreren Hundert Toten waren auch Frauen und Kinder. Heute gilt das Geschehen weithin als Massaker.
REDBONE bringen es auf eine drastische Formel:
„We were all wiped out by the Seventh Cavalry“
Wir wurden alle von der Siebten Kavallerie ausgelöscht.
Wörtlich stimmt das natürlich nicht. Die Lakota wurden nicht ausgelöscht, ihre Nachkommen leben bis heute. Vermutlich geht es in dieser Zeile vielmehr um das Leid einer Gemeinschaft, deren Lebensweise systematisch bedroht wurde.
„In the name of Manifest Destiny“
Im Namen der sogenannten Manifest Destiny.
Dahinter könnte die Überzeugung gestanden haben, dass die USA dazu bestimmt seien, sich über den gesamten nordamerikanischen Kontinent auszubreiten. Viele amerikanische Siedler und Politiker des 19. Jahrhunderts verstanden diese Vorstellung offenbar als eine Art göttlichen Auftrag: Man sollte neues Land erschließen, die eigene Vorstellung von Freiheit und Zivilisation verbreiten und die Nation immer weiter nach Westen ausdehnen.
Dass dieses Land längst von indigenen Völkern bewohnt wurde, scheint dabei häufig eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Deren Vertreibung und der Verlust ihrer Heimat ließen sich im Namen von Fortschritt und nationaler Bestimmung offenbar leichter rechtfertigen.
Wenn REDBONE diese Zeile singen, könnte darin deshalb eine deutliche Anklage stecken: Im Namen einer vermeintlich höheren Bestimmung wurden Menschen um ihr Land gebracht, vertrieben und getötet. Was für die einen als große nationale Mission gegolten haben mag, bedeutete für die anderen den Verlust ihrer Heimat, ihrer Lebensgrundlage und ihrer vertrauten Lebensweise.
„They made us many promises / But always broke their word“
Sie machten uns viele Versprechen, hielten sich aber nie daran.
Auch das dürfte kaum eine bloße dichterische Übertreibung sein. Verträge wurden missachtet, zugesichertes Land wieder beansprucht und die Interessen der indigenen Bevölkerung immer wieder übergangen.
Besonders bitter wird es hier:
„They penned us in like buffalo / Drove us like a herd“
Sie sperrten uns ein wie Büffel und trieben uns wie eine Herde.
Menschen wie Vieh behandeln – deutlicher kann man es kaum ausdrücken. Der Vergleich mit den Büffeln hat vermutlich einen zusätzlichen Hintergrund: Ihre massenhafte Tötung im 19. Jahrhundert zerstörte eine wichtige Lebensgrundlage vieler indigener Völker der Prärie. Erst nahm man ihnen das Land, dann die Lebensgrundlage und schließlich drängte man sie in Reservate. Dort ging es vielfach ums nackte Überleben und darum, wenigstens die eigene Kultur zu bewahren.
Dass der Song 1973 erschien, ist ebenfalls interessant. Im selben Jahr besetzten Aktivisten der American Indian Movement gemeinsam mit Angehörigen der Oglala-Lakota-Gemeinschaft den Ort Wounded Knee. 71 Tage lang protestierten sie gegen Missstände in den Reservaten und die Behandlung der indigenen Bevölkerung. Die Geschichte war also keineswegs erledigt. Wounded Knee stand plötzlich wieder für einen Konflikt, der bis in die Gegenwart reichte.
Dann ändert sich der Ton des Songs:
„We'll sing, sing, sing out our story / Till the truth is heard“
Wir werden unsere Geschichte hinaussingen, bis die Wahrheit gehört wird.
Für mich steckt hier die eigentliche Botschaft des Liedes. Es geht vermutlich nicht nur darum, die Toten in Erinnerung zu behalten. REDBONE wollen offenbar auch darauf aufmerksam machen, dass die indigene Bevölkerung ihre Geschichte selbst erzählen muss, statt anderen zu überlassen, wie sie dargestellt wird.
In der letzten Strophe richtet sich der Blick nach vorn. Eine neue Generation ist da, die nicht ausgelöscht wurde und ihre Geschichte weiterträgt. Die letzte Zeile bringt das noch einmal auf den Punkt:
„We were all wounded by Wounded Knee“
Jetzt heißt es nicht mehr "at Wounded Knee" – am Ort des Geschehens –, sondern "by Wounded Knee". Verwundet durch Wounded Knee. Vielleicht wollen REDBONE damit ausdrücken, dass dieses Massaker längst zum Symbol für ein Leid geworden ist, das über Generationen hinweg reicht.
REDBONE machen aus dem Song keine wissenschaftliche Abhandlung. Sie klagen an, erinnern und setzen auf klare Worte. Manches ist drastisch zugespitzt, aber die Richtung scheint mir eindeutig: Die Geschichte der indigenen Völker soll nicht in Vergessenheit geraten. Ihre Nachkommen sind noch da, ihre Kultur lebt weiter, und sie sollen ihre Geschichte selbst erzählen können.
Für mich ist „Wounded Knee“ deshalb weit mehr als ein politischer Song mit historischem Hintergrund. Er erinnert daran, dass die Geschichte des Wilden Westens eben nicht nur aus Cowboys, Siedlern und großen Eroberern besteht. Was REDBONE mit einzelnen Zeilen genau ausdrücken wollten, lässt sich natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, auch einmal auf die andere Seite zu hören. Dort gibt es Geschichten, die weitaus weniger glorreich sind.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=AvZbmLJlSoM