Ramones - das Debut für die neue Zeit

 
badger
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Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 15:41 Uhr  ·  #1
Ramones - s/t (Sire 1976)

Als in den frühen 70er Jahren die Plattenproduktionen immer länger und aufwendiger wurden,
aufgenommen mit 164 Kanälen, geglättet und zugeschmiert mit allem, was mit der Einfachheit des
Rock'n'Roll nichts mehr zu tun hatte, gabs in UK schon erste Gruppen, die zurück zur Natürlichkeit
wollten. Im Pub-Rock siedelten sich viele musikalisch recht unterschiedliche Bands an, wie z.B.
Brinsley Schwarz mit ihrer Country/West Coast-Affinität oder Dr. Feelgood mit einer besonders
rauen Form des R'n'B; alles Musik, die ohne jegliches Unaufrichtige und jeglichen Firlefanz auskam.

In New York waren sie aber schon ein ganzes Stück weiter. Die New York Dolls legten zwei LPs vor,
die auf der rauen Ungehobeltheit basierten, die die Rolling Stones zu diesem Zeitpunkt kaum noch
aufweisen konnten. Nur leider schoben die Dolls sich die selben Drogen rein, wie die Stones und
als der Londoner Malcolm McLaren sich zum letzten Manager der Dolls aufschwang (ohne die geringste
Ahnung vom Geschäft zu haben), waren die Dolls schon nicht mehr zu retten.
Malcolm zog mit der Idee des 'Punk' zurück nach London um dort eine neue Szene zu schaffen, die es
in New York schon im Original gab. Und da gings auch ohne die Dolls weiter, ein ganzes Netzwerk von
stilistisch zusammenpassenden Clubs gab es, wovon Max's Kansas City und das CBGBs bekannt sein
dürften. Dutzende Bands eiferten den Dolls nach, mal in ähnlichem Stil, mal mit eigenen Ideen.

Und dann tauchten 1974 die Ramones aus Forrest Hills auf und boten tatsächlich eine neue Variante
des Punk: schnelle, kurze, agressive Stücke ohne jegliche (instrumentale) Exzesse; Texte, die
oftmals nur aus 2 bis 4 Zeilen bestanden, in denen weniger eine Botschaft als nur eine reine Aussage
gemacht wurde. Angetrieben vom Gitarristen Johnny Ramone, der trotz seiner instrumentalen
Fähigkeiten auf langweilige Soli verzichtete. Und die Stücke selbst waren trotz des schnellen Spiels
und des harten Tons durchgehend mit Melodie vollgepackt. Man mag es kaum glauben, aber diese
Punks liebten tatsächlich die Girl-Bands des Motown-Sounds; Martha & TheVandellas, Supremes,
Ronettes....; und das konnte man auch in den mit Melodien vollgepackten Ramones-Stücken hören.

Die Ramones wurden ziemlich schnell bekannt, alleine durch die regelmäßigen Bericht im Melody
Maker und obwohl noch kein Tonträger vorlag. 1976 wußten die Interessierten längst, daß etwas
Neues im Entstehen begriffen war, nur was das sein würde... nun, man sollte es bald erfahren,
denn plötzlich lag das Debut der Ramones vor.



14 furios abgehende Nummern, von denen keine länger als 2:40 lief und die doch in dieser und sogar
noch kürzerer Zeit alles auf den Punk(t) brachten.
14 mal die sägende Gitarre angeschmissen und ran ans Stück. Jedes davon mit jeder Menge Klütten;
fast alles tanzbar, keine Balladen, nichts Verlogenes, nichts Hinzugefügtes, 3 Akkorde und fertig.

Die kurzen Texte hatten dann aber nichts mit denen des Motown zu tun, sondern paßten viel
besser in die Heruntergekommenheit der Bowery und ihrer Bewohner (Now I Wanna Sniff Some Glue);
beziehen sich auch oft auf uns unbekannte Szenengestalten (Judy Is A Punk).

Minimalistisch im negativen Sinne war das dennoch nicht, denn der Sound kam voll und kräftig; Bass
und Drums hoben sich klar ab und Joey's Sonorität vervollständigte noch den kraftvollen Klang,
auch ohne daß man mit endlosen Aufnahmekanälen Sterilität erzeugen mußte.

Als die Ramones UK tourten, war Malcolm McLaren's Szene immer noch in der Entstehung begriffen,
aber die Pistols existierten schon seit fast zwei Jahren und der erste Auftritt mit den Ramones
legte Feuer an die Zündschnur.

'Da Brudders' hatten schon mit ihrem ersten Werk einen Genreklassiker eingespielt. Sie ließen
noch 3 weitere Hämmer gleichen Kalibers folgen, bevor die Platten langsam schwächer wurden
(vielleicht auch deshalb, weil sie mittlerweile den selben Dreck in ihre Venen spritzten, wie Keith
Richard und Konsorten; anders als Keith haben sie das alle nicht überlebt).

Da sie eine quasi neuen musikalischen Stil schufen, verwundert es nicht, zu hören, daß viele Dutzend
Bands ihnen nacheiferten und eine Reihe davon es sogar zu eigenen Erfolgen brachten.

01 Blitzkrieg Bop 2:13
02 Beat On The Brat 2:32
03 Judy Is A Punk 1:32
04 I Wanna Be Your Boyfriend 2:24
05 Chain Saw 1:56
06 Now I Wanna Sniff Some Glue 1:36
07 I Don't Want To Go Down To The Basement 2:40
08 Loudmouth 2:15
09 Havana Affair 1:57
10 Listen To My Heart 1:58
11 53rd & 3rd 2:21
12 Let's Dance 1:52
13 I Don't Want To Walk Around With You 1:43
14 Today Your Love, Tomorrow The World 2:17

Bass – Dee Dee Ramone
Drums – Tommy Ramone
Guitar – Johnny Ramone
Vocals – Joey Ramone
firebyrd
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 15:55 Uhr  ·  #2
Ja, die Burschen haben auch bei mir Einzug gehalten.

Ich hatte mich allerdings zunächst auf die "Anthology" mit 2 CDs beschränkt, später kamen noch "It's Alive" und "End Of The Century" hinzu....

Bei Bedarf kommt ihre Musik sehr gut, voll auf den Punkt!
Mr. Upduff
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 16:15 Uhr  ·  #3
... one two three four.. geile Band...geile Songs ...weniger ist mehr...

... mehr ist allerdings bei deiner Rezi mehr... volle Zustimmung
Tom Cody
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 17:11 Uhr  ·  #4
Habe den Punk bisher nicht so auf meinem Zettel. Demzufolge steht das Album auch nicht bei mir. Deine Vorstellung hier macht mir Appetit auf mehr. Werde da einmal reinhören. Jürgen, danke für diese klasse und höchstinteressante Rezension. Well done ! 👍
frimp
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 19:22 Uhr  ·  #5
Punk is not dead. Die Ramones sind für mich die Besten, dann die Pistols. Die Szene vor Ort bestand aus unzähligen kurzlebigen Bands, da muss man wohl dabei gewesen sein.
holger_fischer
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 19:55 Uhr  ·  #6
Das Album hatte ich mir vor Jahren mal zugelegt, kenne es somit, allerdings nicht die von dir dargelegten Hintergrundinformationen. Danke dafür. Live habe ich sie leider nicht erleben können. Ihre kraftvollen, kurzweiligen Songs haben mir immer gefallen.

Info am Rande, welche jetzt nichts mit Musik zu tun hat. Die Lederjacke, die der Typ links (müsste Johnny sein) auf dem Bild an hat, ist eine Perfecto von Schott-NYC. Diese Jacken sind durch Marlon Brando und James Dean in ihren Filmen berühmt geworden und wurden zum Symbol für Rebellion , Authentizität und Stil.
Mr. Upduff
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 14.10.2026 - 21:14 Uhr  ·  #7
... auf unserem Kalkofenfestival hatten wir mal eine Coverband namens die Ram-Ones... ich hatte das Vergnügen sie live beim Hellweg- Radio anzukündigen und habe mich aus lauter Nervosität verquatscht indem ich sage, dass natürlich nicht die Ram-Ones sondern die Ramones auftreten... peinlich peinlich...aber wir waren ausverkauft...vielleicht sogar deswegen...aber die Bühne hat nicht gebrannt...
badMoon
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 15.10.2026 - 11:29 Uhr  ·  #8
Die RAMONES finde ich ebenso klasse wie diese Rezension! Sie bringt genau das auf den Punkt, was das Debüt der Jungs aus New York ausmacht: kurz, knackig, ungeschliffen und mit einer Energie, die einem auch heute noch die Frisur zerzaust. Beim Lesen kam mir allerdings auch eine andere Band aus dem New Yorker Underground in den Sinn: TELEVISION. Die veröffentlichten 1977 mit „Marquee Moon“ ein Album, das einen ganz anderen Weg einschlug. Wo die RAMONES mit drei Akkorden und Vollgas die Tür eintraten, ließen sich Tom Verlaine und Richard Lloyd Zeit, um ihre Gitarren auf ausgedehnte Spaziergänge zu schicken. Verschlungene Melodien, filigrane Gitarrenarbeit und ein Zusammenspiel, das einen immer wieder auf neue Fährten lockt. Zwei Bands aus derselben New Yorker Szene, die auf ganz unterschiedliche Weise ihren eigenen Sound entwickelten. Die RAMONES mit ihrer unverwechselbaren Direktheit, TELEVISION mit ihren verschachtelten Gitarrenläufen – für mich sind das zwei spannende Seiten dieses musikalischen Aufbruchs, die sich sogar ziemlich prächtig ergänzen.

Wenn ich mich entscheiden müsste - als bekennender Warmduscher und Melancholiker fühle ich mich bei den RAMONES am Ende doch ein kleines bisschen wohler. Bei TELEVISION muss ich schließlich höllisch aufpassen, dass ich mich in den Gitarrenschleifen nicht verlaufe!
Stattmeister
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 15.10.2026 - 15:55 Uhr  ·  #9
Ich bekenne: ich war nie der Punk-Fan. Lediglich eine Single der Sex Pistols wurde beim damaligen Erscheinen erworben. Die Musik der Ramones kenne ich zwar zum Teil, hat mich aber nie weiter gefesselt. Allerdings: 2017 besuchte ich zusammen mit den Ex-Artisten Radiot und Ziggy ein Konzert in Neukölln und vorab hatten wir uns zum Besuch des ganz in der Nähe befindlichen Ramones-Museum verabredet. Ziemlich klein und überschaubar, aber für Fans der Band sicher sehr interessant. Kostenloser Eintritt, Spende wird natürlich gern gesehen. Also, wer demnächst mal in Berlin weilt und die Ramones gut findet (sind ja anscheinend einige) - hingehen!!

https://www.berlin.de/museum/3…erlin.html
Trurl
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 15.10.2026 - 16:04 Uhr  ·  #10
schöne Rezi, nur ich bin auch kein Punkfan, daher nix für mich. Ich gehöre dann eher zu den Anhängern von TELEVISION oder den frühen TALKING HEADS :-)

trurl
badger
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 15.10.2026 - 16:14 Uhr  ·  #11
schön, daß die Ramones hier im Forum einige Freunde finden. Punk mag man oder auch nicht, aber daß
'Da Brudders' einen großen Beitrag bei seiner Entwicklung leisteten, kann nicht wegdiskutiert werden.

Wichtig auch Holgers Verweis auf die Lederjacken, die schon seit den Zeiten vpn James Dean und Marlon
Brando für eine rebellische Einstellung standen.

Auch BadMoons Anmerkungen zu Television paßt ins Bild; nicht weil sie Punks waren, sondern weil sie
zu den (zugegebenermaßen vielen) Truppen gehörten, die der Gesamtszene des CBGBs eine Bedeutung
gegeben haben. Und natürlich war ihr Debut ein Hammer; in einem völlig eigenen Stil, aber eben doch
überzeugend bis zur letzten Nummer.

In diesem völig heruntergekommenen Viertel der Bowery hinterließen viele weitere Bands ihre Spuren;
Blondie (vormals Stillettoe); Talking Heads, Richard Hell, Dead Boys, Pattie Smith, Dictators, Wayne County
(nach einer kleinen Operation hieß er/sie dann 'Jayne County')... noch viele weitere begannen im CBGBs
ihre Erfolgswege.

Und das lief Alles schon lange bevor es in UK richtig losging!

Punk muß man nicht mögen, aber aus einer Zeit betrachtet, wo viele der meisten großen Bands zwei Jahre
und 100 Studiomusiker brauchten, bis sie ein neues Werk (mit alten Ideen) eingespielt hatten, daß sie dann
in großen Stadien vor 50000 Zuschauer (die die Band eh nur auf schwachen Bildschirmen sehen konnten)
runterleierten... nun, es gab doch Leute, die etwas anderes schaffen wollten.

xanadu
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Re: Ramones - das Debut für die neue Zeit

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Gepostet: 15.10.2026 - 22:40 Uhr  ·  #12
Da gibt es auch eine tolle informative Doku über den CBGB Club
Ramones ja kenne ich, gefallen einige Songs der Frühzeit, aber mehr auch nicht

Trotzdem kennt man als Musikfreak natürlich die Band und halbwegs deren Geschichte.
Danke Badger für diesen sehr angenehm zu lesenden Bericht darüber.
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