März 2026 | Van Morrison - Too Long in Exile

 
caramel
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März 2026 | Van Morrison - Too Long in Exile

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Gepostet: Gestern um 13:34 Uhr  ·  #1
Im Januar liefen im WDR drei Filme mit Dietmar Bär. Der letzte war Drechslers zweite Chance. Den Film haben wir uns nicht zu Ende angesehen. Aber den im Film verwendeten Song I'll Take Care of You von Van Morrison höre ich seitdem ständig in meinem Kopf.

Das Lied hat mich dazu veranlasst, mal wieder das Album "Too Long In Exile" aus dem Jahr 1993 komplett anzuhören. Das Album hält natürlich - bei einer Spielzeit von fast 80 Minuten - noch mehr erwähnenswerte Stücke bereit.

Van Morrison - Too Long in Exile | UK 1993

Es beginnt mit dem sehr guten, energiegeladenen Titeltrack Too Long In Exile. Candy Dulfers Saxophonspiel ist grandios. Der Text düster, negativ, desillusioniert.

"And the wheeling and the dealing / All takes up too much time / Check your better self baby / You‘d better satisfy, satisfy your mind / Too long in exile / Too long you've been grinding at the mill / Too long in exile / Man, I've really just had my fill."

Thematisiert wird hier sicher nicht nur (wieder einmal) seine Frustration über das Musikgeschäft, sondern auch Isolation und Entwurzelung im Allgemeinen. In der letzten Strophe führt Morrison in bekannter Manier einige seiner irischen Helden an, die sich - so wie er selbst - als Exilanten ausgestoßen, ausgebeutet und
enttäuscht gefühlt haben müssen: "Just like James Joyce, Samuel Beckett, Oscar Wilde, George Best".

Mit Big Time Operators folgt ein erstklassiger Blues mit einem Text, der die Musikindustrie kritisiert und verurteilt. Der Text ist gespickt mit Vorwürfen: "They were vicious and they were mean" und weiter "But underneath they were thugs".

Es folgt ein Cover des Songs Lonely Avenue von Ray Charles. Aus dem nur knapp drei Minuten langen, erfolgreichen Original, das durch hypnotischen Gesang und markanten Hintergrundgesang besticht, ist eine sechs Minuten lange, jazzige Version geworden. Hier hören wir Morrisons Scatgesang. Saxophon und Mundharmonika werden von ihm gespielt und Georgie Fame bearbeitet ganz erstklassig die Orgel.

Ball and Chain ist ein schöner Song, obwohl recht poppig und eingängig.

Morrisons spirituelle Suche ist (natürlich) auch 1993 noch nicht abgeschlossen. Mit Till We Get the Healing Done knüpft er an seinen 1979er Song And the Healing Has Begun an. War das schon ein Übersong, so ist Till We Get the Healing Done ebenso tauglich, ein Lieblingssong zu werden. Die Zutaten: Acht Minuten eindringlicher, sich stetig steigernder Gesang, immer wiederkehrende Textzeilen, die sich durch laufende Wiederholungen wohl unauslöschlich ins Gehirn meißeln sollen und nicht zuletzt das ausdrucksstarke Orgelspiel.

Es folgt der alte THEM-Hit Gloria, den Morrison hier mit John Lee Hooker eingespielt hat. Erstaunlich, dass dieser so einfach "gestrickte" Song mit seiner permanenten Wiederholung von drei Akkorden über die Jahre nichts von seiner Faszination verloren hat. Mir gefällt allerdings die Originalversion Van Morrisons mit THEM besser, auch wegen seiner damaligen, jüngeren und „dreckigeren“ Stimme.

Wasted Years ist ein weiteres Duett mit John Lee Hooker – ein Song, über den ich anfangs schnell hinweggegangen bin. Doch je öfter ich ihn hörte und je genauer ich auf den Text achtete, desto stärker hat er mich gepackt. Morrisons kraftvolle Stimme und Hookers ruhiger Gesang, das gefühlvolle Gitarrenspiel sowie die über allem schwebende Orgel verleihen diesem langsamen Blues eine intensive, melancholische Stimmung.
Die beiden Stimmen mögen zunächst wie Antagonisten wirken, sind jedoch genau das Gegenteil: Sie ergänzen und bestärken sich in ihren Klagen über verschwendete Zeit und darüber, was sich daraus für Gegenwart und Zukunft lernen lässt. Leider wird der Song nach vier Minuten etwas uninspiriert ausgeblendet.

Es folgen zwei Coverstücke sowie ein jazziges Instrumental.

Ein bemerkenswerter Titel ist Before the World Was Made, in dem Van Morrison wieder ein großartiges Gedicht von W. B. Yeats in ein wundervolles Lied verwandelt. Schöner Swing, Glockenspiel, Saxophon und Orgel harmonieren gut.

Nun zu dem Song, der mir im Fernsehen "über den Weg lief": I'll Take Care of You. Geschrieben wurde er von Brook Benton, bekannt wurde er 1959 durch Bobby Bland als klassische Soul-Ballade. Morrisons bluesig-soulige Interpretation mit ihrem schleppenden Rhythmus und dem emotionalen Gesang gefällt mir sehr gut. Harmonika, Orgel und Bläser verleihen dem Song einen gewissen jazzigen Unterton. Die beste Version findet sich wohl auf seinem Live Album "A Night in San Francisco". Hier zeigt sich sein Talent, aus einem an sich bereits sehr guten, eher kurzen Lied einen atemberaubenden Longtrack zu machen. Der leidenschaftliche, oft improvisierte Gesang ist einfach großartig.
Eine weitere erwähnenswerte Version stammt von Joe Bonamassa & Beth Hart. Sie wird sehr emotional vorgetragen, erreicht für mich aber nicht die Klasse Morrisons.

I'll Take Care of You geht nahtlos in das letzte, recht entspannte zweiteilige Stück über, mit dem das Album endet. Der erste dreiminütige Teil ist zwar Instrumental betitelt, man hört aber doch Morrisons Scatgesang. Im zweiten Teil Tell Me What You Want wird recht undeutlich und grummelig gesungen. Klar verständlich ist vor allem die immer wiederkehrende Textzeile "Tell Me What You Want /Tell Me What You Need". Das gesamte Stück wirkt stellenweise wie eine Jamsession und wechselt in seiner Stimmung zwischen jazzigen und bluesigen Passagen. Ein schöner Abschluss eines gelungenen Albums.

„Too Long In Exile“ wird in Nettetal nicht allzu häufig aufgelegt, enthält für mich jedoch einige echte Ohrwürmer. Das Album vereint eine bunte Mischung aus Blues, Soul, einer Prise Jazz und R&B-Elementen.

Wo dieses Album in Morrisons langer Reihe an Veröffentlichungen einzuordnen ist, ist schwer zu sagen. Van Morrisons Alben in eine Bestenliste einzureihen, erscheint mir angesichts der stilistischen Vielfalt ohnehin schwierig. Unterm Strich kann ich für mich sagen, dass mir die älteren VÖ besser gefallen. Mein Lieblingssong (und offensichtlich auch der von Robbie Robertson und Martin Scorsese) ist Tupelo Honey (1971) oder vielleicht Purple Heather (1973), evtl. auch I Forgot That Love Existed (1987) oder vielleicht doch And the Healing Has Begun (1979)... oder...?

Van Morrison hat hier im Forum – so glaube ich zumindest – nicht allzu viele Fans. Für mich ist er ein genialer Musiker.

Trackliste:
01. Too Long in Exile – 6:18
02. Big Time Operators – 6:03
03. Lonely Avenue (Doc Pomus) – 6:24
04. Ball & Chain – 5:36
05. In the Forest – 4:38
06. Till We Get the Healing Done – 8:29
07. Gloria – 5:19
08. Good Morning Little Schoolgirl (Sonny Boy Williamson) – 4:07
09. Wasted Years – 3:57
10. The Lonesome Road (music Nathaniel Shilkret, lyrics Gene Austin) – 3:16
11. Moody's Mood for Love (James Moody) – 2:52
12. Close Enough for Jazz – 2:39
13. Before the World Was Made (text W. B. Yeats, music Kenny Craddock) – 4:24
14. I'll Take Care of You (Brook Benton) – 5:19
15. Instrumental (Brook Benton) /Tell Me What You Want – 8:08

Van Morrison: vocals, electric guitar, acoustic guitar, alto saxophone, harmonica
Seine Mitstreiter:
John Allair: Hammond organ
Richard Couisins: bass guitar
Candy Duffer: alto saxophone
Geoff Dunn: drums
Georgie Fame: Hammond organ, backing vocals
Howard Francis: Hammond organ, piano
Kevin Hayes: drums
John Lee Hooker: vocals, electric guitar
Ronnie Johnson: electric guitar
Teena Lyle: backing vocals, Hammond organ, percussion, vibraphone
Paul Robinson: drums
John Savannah: backing vocals, Hammond organ
Nicky Scott: bass guitar
Kate St.John: tenor saxophone, English Horn
freaksound
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Re: März 2026 | Van Morrison - Too Long in Exile

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Gepostet: Gestern um 14:51 Uhr  ·  #2
Van Morisson ist für mich in sehr ausgeprägter Form Licht und Schatten.
Immer wieder mal finde ich einzelne Songs grandios, teile von Konzerten wunderbar..
.. aber immer wenn ich versuche ein ganzes Album von Van Morrison durchzuhören,
werfen mich viele Lieder wieder aus der Bahn - alles gut gemacht aber so gar nicht meines.

Sprich: wir werden keine großen Freunde mehr werden.....
frimp
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Re: März 2026 | Van Morrison - Too Long in Exile

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Gepostet: Gestern um 16:03 Uhr  ·  #3
Schöne Rezi - hier stehen einige Alben von ihm. Nicht alles ist grandios, Licht und Schatten trifft es gut. Aber insgesamt mag ich seine Musik.
Schade, dass er auf seine alten Tage zum Schwurbler mutiert ist.
Proggy
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Re: März 2026 | Van Morrison - Too Long in Exile

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Gepostet: Gestern um 18:39 Uhr  ·  #4
Tolle Rezi Caramel,
deine Zeilen haben mich gleich animiert, den Sonntag ein bisschen im VAN zu verbringen.
Ich habe nicht dieses Album gehört, denn es ist mir sehr bekannt . Mich dürstete nach etwas anderem.
Mit diesem Longplayer kam er dem R&B wieder etwas näher, er wurde wieder direkter. Natürlich fehlen auch nicht die jazzigen Einlagen. Ein gutes Album, aber wie gesagt; sein Opus Magnum bleibt für mich " Astral weeks".
Darum heute " Astral Weeks" und " Astral Weeks" live @ The Hollywood Bowl ! Ein musikalischer " Gottesdienst", so gelesen.
Morrisson ist ein " old grumpy man", ein Exzentriker. Er hat geschwurbelt wie Millionen andere Menschen auch. Der Waters ist genauso. Natürlich, sie versuchen es auf ihre Art und Weise. Ich mag das, Duckmäusertum ist auch nicht mein Ding.

Fazit: Feine Rezi und wenn solch ein Text jemanden animiert ins Regal zu greifen ist doch alles okay, oder?
Jetzt startet " Keep me singing", düster, melancholisch- wunderbar.

Van The Man in aller Ohren!

Danke
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