The Lemon Twigs – Everything Harmony (2023)

 
YETI
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The Lemon Twigs – Everything Harmony (2023)

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Gepostet: 25.07.2023 - 22:48 Uhr  ·  #1
Einer der wichtigsten Einflüsse, die in die Herzen der Lemon Twigs eintätowiert sind, ist zweifellos Todd Rundgren, der 1976 ein Album mit dem Titel "Faithful" aufnahm, auf dem die Hälfte der Platte mehr als nur Covers waren, nämlich exakte Nachbildungen von Songs der Beatles, der Beach Boys, von Dylan, Hendrix und den Yardbirds, sowohl was den Klang als auch das Feeling angeht (daher der Titel).
Das ist im Grunde das, was die Gebrüder D'Addario seit Beginn ihrer Karriere gemacht haben, aber anstelle von Neuinterpretationen mit ihren eigenen Songs und dem Hinzufügen von Rundgren selbst, Simon & Garfunkel, Electric Light Orchestra oder Paul McCartney in seiner Wings-Ära.

Diese Art der musikalischen Nachahmung ist ein bisschen wie ein Drahtseilakt, man ist immer kurz davor, zu stolpern und wie eine lächerliche, seelenlose Parodie auszusehen.
Das ist auch diesen beiden Jungs passiert, für die sich die Musikgeschichte auf die Zeit zwischen 1967 und 1976 reduziert und deren Stil, sowohl musikalisch als auch visuell, direkt von dort stammt.

Man muss schon sehr gute Songs haben, um der Lächerlichkeit zu entgehen, und die haben The Lemon Twigs mit "Everything Hamrony" in Hülle und Fülle.
"Corner Of My Eye", ist eine Pop-Schönheit, die so viel Klasse und Raffinesse ausstrahlt, dass McCartney, Brian Wilson und der verstorbene Burt Bacharach ihr volles Lob geben würden.

Aber abgesehen von ihrem bisher besten Song haben D'Addario es geschafft, ihr kompaktestes Album abzuliefern, ein Stück Pop-Goldschmiedekunst, bei dem die Melodien, Harmonien und die Instrumentierung zwar von anderen inspiriert sind, aber so meisterhaft kombiniert werden, dass man das Talent dieser Pop-Künstler nur loben kann, die ihren Mangel an Originalität mit ihrer Liebe zum Detail und ihrer Liebe zu ihrem Handwerk ausgleichen.

Das zeigt sich in allen Songs, zum Beispiel in "Still It's Not Enough", das als ruhiger Folksong beginnt und mit Simon & Garfunkel-würdigen Harmonien, Streichern und einer Gegenmelodie zu einem wunderschönen barocken Popsong wird.
In "Ghost Run Free" spürt man den Einfluss von den Byrds und das gibt ihnen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Paisley Underground-Gruppen der 80er Jahre. "Any Time Of Day" hat eine so zuckersüße Melodie und Harmonien, dass es als etwas von den Carpenters durchgehen könnte, aber wie die Carpenters schaffen, sie es, dass es ehrlich und von Herzen kommt und nicht kitschig klingt.

"In My Head" könnte auf einem so perfekten Album wie dem ersten von Big Star erscheinen, während "What You Were Doing" mit Anspielungen auf Jangle, Power Pop und Alex Chilton zurückkehrt, in diesem Fall aber auf sein zweites Album, mit dem temporeichsten Song auf einem Album voller Mid-Tempi.
Vielleicht auch, weil es textlich ihr persönlichstes Werk ist, mit Liedern, in denen Melancholie und Nostalgie Hand in Hand gehen, wie in dem kostbaren Schlussstück "New To Me", einem Lied, dass den an Alzheimer erkrankten Verwandten gewidmet ist, in dem sie mit einer Akustischen und ihren sorgfältigen Harmonien das Herz zu berühren wissen, mit Sätzen wie "And when you take me by the hand and tell me who I am, I will find the connection of my heart again".

Natürlich gibt es auf "Everything Harmony" nichts, was nach 2023 klingt, ja nicht einmal nach dem 21. Jahrhundert, The Lemon Twigs befinden sich immer noch in ihrer eigenen Zeitmaschine, die zwischen den späten 60ern und frühen 70ern des vorigen Jahrhunderts gefangen ist, aber in diesem parallelen Universum gibt es genug Pop-Melodien und glorreiche Harmonien, um es zeitlos zu nennen.


1. "When Winter Comes Around" 4:42
2. "---> In My Head" 3:18
3. "Corner of My Eye" 3:19
4. "---> Any Time of Day" 2:51
5. "---> What You Were Doing" 4:33
6. "I Don't Belong to Me" 2:59
7. "Every Day Is the Worst Day of My Life" 3:25
8. "What Happens to a Heart" 3:55
9. "Still It's Not Enough" 3:42
10. "Born to Be Lonely" 4:26
11. "---> Ghost Run Free" 3:09
12. "Everything Harmony" 3:43
13. "New to Me" 3:58



The Lemon Twigs:
Brian D'Addario – guitar, bass, drums (11), piano, electric piano, harpsichord, organ, ARP Quartet, ARP Solina, vibraphone, mandolin, string arrangements, horn arrangements, vocals
Michael D'Addario – guitar, bass, drums (2, 4, 5, 8, 10) piano, percussion, horn arrangements, vocals


Additional musicians:
Andres Valbuena – drums (3, 6, 8, 9)
Daryl Johns – upright bass on (3, 6, 9), electric bass (8)
Kevin Basko – acoustic and electric guitar (8)
Cameron Carrella – euphonium (10)
Alicia Mastromonaco – French horn (6, 8, 10)

The Friction Quartet:
Otis Harriel – violin
Yuri Kye – violin
Rachyl Martinez – viola
Doug Machiz – cello

Production:
Brian D'Addario – producer, mixing
Michael D'Addario – producer, engineer, mixing
Rias Reed – engineer
Sam Fickinger – assistant engineer
Paul D. Millar – mastering

Artwork:
Eva Chambers – art direction, photography
Michael D'Addario – art direction
Stattmeister
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Re: The Lemon Twigs – Everything Harmony (2023)

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Gepostet: 26.07.2023 - 13:33 Uhr  ·  #2
Schöne Rezi, mit einer Musik die mir sehr zusagt. Sehe absolute Parallelen zu der Band (bzw. eigentich ist es ein Solo-Künstler) die ich aus diesem Bereich favorisiere, "The Pearlfishers". Hier mal ein Vergleich: Love & Other Hopeless Things

Von denen haben es mittlerweile 4 Alben hierher geschafft. Das hier von dir vorgestellte Album der Lemon Twings wird sich bestimmt bald dazugesellen.
firebyrd
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Re: The Lemon Twigs – Everything Harmony (2023)

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Gepostet: 26.07.2023 - 13:40 Uhr  ·  #3
White Bird
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Re: The Lemon Twigs – Everything Harmony (2023)

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Gepostet: 26.07.2023 - 22:23 Uhr  ·  #4
Es ist sicherlich immer ein Ritt auf der Rasierklinge, wenn sich eine Band, in diesem Fall ist es ja ein Duo, den klassischen Songwriting anderer hinlänglich bekannter Bands verschreibt. Da kommt schnell so eine Geschmäckle auf, ob etwas eigenständiges nicht kreativer und somit auch besser wäre.

Gemäß dem Songbeispielen nach bei Youtube ist den beiden aber dieser Spagat bestens gelungen, denn ich empfinde diese Songs nicht als peinliche Selbstparodie. Vielmehr haben sie in dem selbst gewählten Zeitfenster einen Weg gefunden, kompakte melodienreiche Songs zu kreieren ohne hierbei in das Fahrwasser reiner Abkupferei zu geraten.
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