Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

 
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Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 07.06.2022 - 13:18 Uhr  ·  #1
Auf den Hotelterrassen der Kleinen Scheidegg, einer Passhöhe zwischen Eiger und Lauberhorn, sind Teleskope platziert, durch die, strategisch ausgerichtet, Kletterpartien auf der Eiger Nordwand beobachtet werden können. Einen Blick durch diese Teleskope haben die Musiker der KAPREKAR'S CONSTANT gewagt. Sie nehmen uns mit auf eine Zeitreise zwischen den Jahren 1935 und 2007 und lassen uns Zeuge werden verschiedener Triumphe und Tragödien, die sich an der Nordwand abgespielt haben. Es ist nicht fair, eines der Mitglieder der KAPREKAR'S CONSTANT besonders zu erwähnen - spielt diese Band doch hervorragend zusammen und jeder einzelne ist ein Meister an seinem Instrument. Am bekanntesten dürfte jedoch David Jackson durch sein Mitwirken bei VAN DER GRAAF GENERATOR sein.

Ob es gelungen ist, diesen Blick durch das Teleskop musikalisch und textlich in ein Konzeptalbum zu transportieren? Nun denn, lasst uns hindurchblicken. Wir werden sehen resp. hören.

Kaprekar’s Constant – The Murder Wall | GB | 2022 |Progrock, Folkrock

KAPREKAR'S CONSTANT wurde 2016 aus einer Idee der Kindheitsfreunde, Songwriter und Multiinstrumentalisten Al Nicholson und Nick Jefferson gegründet. "The Murder Wall" ist nach "Fate Outsmarts Desire, 2017" und "Depth of Field, 2019" die dritte Veröffentlichung der Band.

Das Album erzählt von sechs Versuchen, die Eiger-Nordwand zu besteigen, von außergewöhnlichem Mut, von Tapferkeit und Entschlossenheit und den darauf folgenden Tragödien und Siegen. Hierbei handelt es sich nicht um fiktive Geschehnisse. Vielmehr beruhen die musikalischen Beschreibungen auf Recherchen, die die Band durchführte. Seit 1935 haben sich mindestens 64 Verluste an der Nordwand ereignet, weshalb der Berg auch die "Mordwand" genannt wird und entsprechend zum Titel des Albums beitrug.

Das Album startet mit dem Song Prologue, worauf mit Hall of Mirrors das Hauptthema des Werkes folgt. Dorie Jackson und Bill Jefferson Gesangparts wechseln sich ab, während die Band wunderschöne Melodien aufbaut.

Die erste "Story" wird mit dem Lied Tall Tales by Firelight erzählt. Während die Geschichte um Mehringer und Sedlmayer voller Tragik ist, da sie bei ihrem Versuch, 1935 die Nordwand zu besteigen gescheitert sind und dies nicht überlebt hatten, sind die Melodien dieses Songs durchaus positiv und luftig. Das tolle Saxophonsolo geht hier, am Ende des Stückes, in der grandiosen Instrumentenvielfalt fast unter, bevor es langsam mit gezupften Gitarrenklängen ausklingt und auf den nächsten Song überleitet.

Die nächsten vier Stücke sind den vier Bergsteigern Toni Kurz, Andreas Hinterstoisser, Willi Angerer und Edi Rainer gewidmet. Deren Versuch, den Eiger zu besteigen, scheiterte im Jahr 1936 und gilt bis heute als eine der dramatischsten und berüchtigtsten Tragödien des Bergsteigens. So war es nicht sehr überraschend, dass dieses Drama 2008 verfilmt wurde und unter dem Namen "Nordwand" in die Kinos kam. Diese nervenaufreibende Verfilmung verdeutlicht auf eindringliche Weise das Geschehen, welches in den vier zusammengehörenden Liedern beschrieben wird.

Failure Takes Care of Its Own erzählt von der Hoffnung der Bergsteiger, den Berg zu bezwingen. Einzig der Anfang des Songs, diese leicht bedrohlichen Klänge und das einsam einsetzende Klavier deuten darauf hin, dass dieser Versuch gescheitert ist. Ansonsten ist diese Melodie, die den himmlischen Gesang Dorie Jackson's wunderschön umrahmt, durchaus positiv. Ein Song zum Niederknien. Die am Ende erklingenden, von Windgeräuschen begleiteten Gitarrenklänge leiten über in

Another Man’s Smile, welches wiederum mit akustischer Gitarre startet, bevor Bill Jefferson den Gesangspart übernimmt. Stetig steigern sich Rhythmus und Melodie des Liedes, Textpassagen (The story still outweighs, The Lives it stole that day, The stuff of legend told, of Men who won’t grow old) sowie die leisen und traurigen Töne am Ende des Stückes lassen spätestens jetzt erahnen, dass diese Geschichte nicht gut enden wird.

Das folgende, nur zweieinhalb Minuten lange Lied Years to Perfect wird von Judie Tzukes gesungen. Leider ist dies der einzige Song, auf dem sie zu hören ist, ist es doch ein wahrer Genuss, diesem Stück, dieser Stimme, umschmeichelt von Saxophon, Klavier, Gitarre und Synthie zu lauschen. Es hätte nach meinem Geschmack ruhig mehr Raum auf dem Album einnehmen dürfen.

Die tragische Geschichte der vier Bergsteiger endet mit Hope In Hell. Die Melodie und der Gesang hören sich anlässlich der Erzählung, des Geschehens und der letzten Minuten des Toni Kurz erstaunlich positiv an. Kurz kämpfte, im Berg an einem Seil hängend, um sein Überleben. Ein zu kurzes Seil der Rettungsmannschaft verhinderte seine Rettung, sodass er am Seil erfror. So lautet eine Textzeile in dem Song: "But the world won’t allow us any dignity in hope, He didn’t call the hangman, All he needed was a rope. The man wore his bravery like a label in his coat. He didn’t need the hangman, All he asked for was his rope, Seems like hope in hell has gone", "...alles was er brauchte, war ein Seil". Kurz' letzte Worte waren: „I ka nimmer - ich kann nicht mehr.“

Im Juli 1938 gelang es der Viererseilschaft Henrik Harrer, Fritz Kasperk, Ludwig Vorg und Anderl Heckmair endlich, die berüchtigte Nordwand zu bezwingen. Hiervon handelt Victorious, gleichsam die erste Single dieses Albums. Es beginnt gleich beschwingend und selbstbewusst mit einem tollen Gitarrensolo, begleitet von einem kleinen Flötensolo und wiederum mit einem tollen E-Gitarrensolo endend. Auch hier, wie auf fast allen Songs des Albums, ist der wundervolle, sich abwechselnde und oft verschmelzende Gesang Jeffersons und Jacksons sehr präsent, so auch auf The Rain Shadow, einem kurzen, sehr melodischem Lied, welches in Third Man Down überleitet. Progfans dürfen sich auf über sieben Minuten tolles Songwriting freuen. Allein die zweieinhalb Minuten instrumentaler Eröffnung, bevor der Gesang einsetzt, mit Gitarre, Orgel, Klavier sind ein reiner Leckerbissen, eine wahre Freude.

Mit A Silent Drum folgt die zweite Single des Albums. Ein verhaltenes Stück, leise begleitet die Band den sich abwechselnden Gesang Bill Jeffersons / Dorie Jacksons. Das Lied handelt von einer Tragödie, die sich 1966 abspielte. John Harlin II versuchte den Berg über eine Direktroute zu besteigen. Sein Sicherungsseil riss jedoch 400 m unter dem Gipfel, und Harlin stürzte ab. Sein Sohn, John Harlin III, bestieg die Nordwand 2008 durch die "klassische Route".

The Stormkeeper’s Daughter und A World Beyond Man verschmelzen förmlich ineinander, sodass dies wie ein zusammengehöriger Track erscheint. Eine wuchtige Passage, der himmlische Gesang, eingerahmt durch Streicher, Flöte, Orgel, akustische- und E-Gitarre vermitteln ein fast orchestrales Gefühl und leiten über zu The Stormkeeper's Reprise, welches diese "Stormkeeper’s -Suite" abschließt.

Auf Endeavour darf sich jedes Bandmitglied kurz präsentieren und an "seinem" Instrument sein Können, wenn auch dezent, zur Schau stellen. Ein schönes, kurzweiliges Instrumentalstück vor den beiden Songs, die dieses hervorragende Album abschließen.

Mountaineers und Hall Of Mirrors paaren sich wieder zu einer Einheit von über elf Minuten. Elf Minuten, die ein phantastisches Werk krönend abschließen und mit Hall of Mirrors das eröffnende Thema dieses Albums gekonnt wieder aufgreift. Die Stücke bauen sich stetig auf und enden in einem fulminanten, orchestralen Finale mit einem letzten, kurzen Gesangspart Jeffersons.

"The Murder Wall" ist ein Album, welches jedem Freund symphonisch- melodischer Progmusik begeistern dürfte. Ein Konzeptalbum, welches keine fiktive Geschichte, sondern eine wahre Geschichte missglückter und geglückter Ereignisse, wie sie fesselnder und spannender kaum sein könnten, erzählt. Eingerahmt in traumhaften Melodien und Gesang voller Schönheit.

Das intensivste Hörerlebnis ergibt sich, wenn dieses Album vollständig durchgehört wird. Unter dem Kopfhörer, ungestört von Nebengeräuschen oder sonstigen Störungen, wird dieses Werk am besten erfasst. Probiert es aus - ihr werdet es genießen. Für mich ist dieses Album mein erster Anwärter auf das Album des Jahres. Ich kann nur empfehlen, es komplett durchzuhören und nicht, sich "testweise" und wahllos einige Stücke zum Anhören herauszupicken.


[Das Album auf youtube]

Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

[Die Band]

David Jackson (saxophones, flutes, whistles)
Mark Walker (drums & percussion)
Bill Jefferson (lead & backing vocals)
Dorie Jackson (lead & backing vocals, vocal arrangements)
Mike Westergaard (piano, keyboards, backing vocals)
Al Nicholson (guitars, piano, keyboards)
Nick Jefferson (basses, keyboards)
+
Judie Tzuke (v on tr. 6)


[Die Songs]

01. Prologue
02. Theme - Hall of Mirrors
03. Tall Tales by Firelight
04. Failure Takes Care of Its Own
05. Another Man's Smile
06. Years to Perfect
07. Hope in Hell
08. Victorious
09. The Rain Shadow
10. Third Man Down
11. A Silent Drum
12. The Stormkeeper's Daughter
13. A World Beyond Man
14. The Stormkeeper's Reprise
15. Endeavour
16. Mountaineers
17. Hall of Mirrors


[Das Booklet]

Im Booklet sind alle Songtexte abgebildet. Die Geschichten, von denen die Songs handeln, sind teilweise handschriftlich, mit ergänzenden Anmerkungen versehen. Einige alte Fotografien bebildern die ein oder andere Story.

Im Dateianhang ist das Booklet als pdf-Datei beigefügt.


[Im Internet]

Zur Homepage der Band

Kaprekar's Constand im Bandcamp

Eiger Nordwand - Eine ausführliche Übersicht auf wikipedia

Deutscher Filmpreis und Kurzkritik zum Film "Nordwand"
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Trurl
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 07.06.2022 - 20:28 Uhr  ·  #2
Danke für die Rezi, hier stehen die erste und die LiveDVD rum, beide mag ich. Kaufgrund war natürlich David Jackson. So,werde ich sicherlich reinhören, wenn es das Teil auf Bandcamp gibt.

Nachtrag: So, einfach mal bestellt, werde dann berichten :-)

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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 12.06.2022 - 11:12 Uhr  ·  #3
Zitat geschrieben von Trurl

Danke für die Rezi, hier stehen 1) die erste und die LiveDVD rum, beide mag ich. Kaufgrund war natürlich David Jackson. So,werde ich sicherlich reinhören, wenn es das Teil auf Bandcamp gibt.

2)vNachtrag: So, einfach mal bestellt, werde dann berichten :-)

Trurl


Hallo Andreas,

zu 1), ...bei Frau C. stehen die beiden ersten Alben. Die LiveDVD ist hier nicht bekannt, ich werde mich kümmern.

zu 2), ...Deine Meinung interessiert ;-). Ansonsten: Frau C. hat diese Scheibe unverzüglich nach Zustellung konfisziert. Steht jetzt in ihrem Regal :-/
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 14.06.2022 - 17:02 Uhr  ·  #4
Die Reizwörter Progrock und Folkrock haben mich hierher geführt und nein, ich habe das Album nicht in Gänze gehört (wie vorgeschrieben :-) ) sondern mich zunächst auf die Beispiele beschränkt. Das hört sich sehr solide an und ich finde es sehr gut, wie eine derartige Story musikalisch umgesetzt wird, aber irgendwie macht es bei mir nicht Klick! Von den Arrangements her ist mir dies etwas zu behäbig aufgebaut und es fehlen die Überraschungsmomente. Die Frauenstimmen sind sehr gut, hier hätte ich mir auch etwas mehr von gewünscht. Und, Judie Tzuke kenne ich sogar noch von ihren früheren Aktivitäten, ich wußte gar nicht, dass die noch musikalisch aktiv ist.
badMoon
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 26.06.2022 - 13:23 Uhr  ·  #5
Zitat geschrieben von Stattmeister

..., aber irgendwie macht es bei mir nicht Klick! Von den Arrangements her ist mir dies etwas zu behäbig aufgebaut und es fehlen die Überraschungsmomente. Die Frauenstimmen sind sehr gut, hier hätte ich mir auch etwas mehr von gewünscht. Und, Judie Tzuke kenne ich sogar noch von ihren früheren Aktivitäten, ich wußte gar nicht, dass die noch musikalisch aktiv ist.


Na, die Scheibe scheint bei Dir nicht "den Hering vom Teller" zu ziehen. Macht aber nix - Danke für's Lesen und Kommentieren :-)
White Bird
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 09.09.2022 - 12:46 Uhr  ·  #6
Das Album ist schon ein spannendes Konzept- und Hörerlebnis. Auf die Idee, die Besteigung der Eiger Nordwand in einem beschriebenen Zeitfenster musikalisch umzusetzen, muss man erst einmal kommen.

Es ist ein Album, dass sich erst nach mehrmaligem Hören erschließt, weil es in seinem Aufbau über 17 Musikstücke sehr facettenreich ausgearbeitet wurde.

Gerade die folkige Ausrichtung ist für mich ein ganz großer Pluspunkt, zumal mir diese Stilart auch von anderen Musikern sehr am Herzen liegt. Es ist aber letztlich die Verschmelzung von folkigen und rockigen Elementen, die diesem Album ein prägendes Gesicht verleiht. Hätte der Faktor Prog dominierend im Vordergrund gestanden, hätte mich das Album mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so berührt.

Es sind gerade die fließenden Elemente, die das Album auszeichnet. Insofern kann man das Album auch nur in seiner Gesamtheit bewerten und die fällt bei mir ausgesprochen positiv aus.

Eine feine Rezi ist dir hier gelungen.
Trurl
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 09.09.2022 - 16:10 Uhr  ·  #7
Ich warte immer noch auf die Lieferung :-)

Trurl
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Re: Kaprekar’s Constant – The Murder Wall

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Gepostet: 19.09.2022 - 15:48 Uhr  ·  #8
Zitat geschrieben von White Bird

...
Es sind gerade die fließenden Elemente, die das Album auszeichnet. Insofern kann man das Album auch nur in seiner Gesamtheit bewerten und die fällt bei mir ausgesprochen positiv aus.

Eine feine Rezi ist dir hier gelungen.


Das sehe ich genau so. Die Idee, die Besteigungen zu recherchieren und daraus ein Konzeptalbum zu machen, fand ich sehr spannend und genial umgesetzt. Mir machte es Freude, die Texte des Booklets zu verfolgen (die Internet-Übersetzungsmaschinerie half meinen verkümmerten Englischkenntnissen auf die Sprünge ;-) ). Bei der Schilderung der Besteigung des Toni Kurz und seiner Gefolgschaft hatte ich sofort wieder die packenden Bilder der filmischen Umsetzung im Gedächtnis.
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