Eric Dolphy - Last Date

So beherrschte es Dolphy, Emotionen auf dramatische Weise auszudrücken und wurde Vorbild für viele Kollegen...

 
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Eric Dolphy - Last Date

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Gepostet: 21.12.2021 - 19:41 Uhr  ·  #1
Eric Dolphy - Last Date

Eric Dolphy (1928-1964) aus Los Angeles war ein Jazzmusiker, der dem Genre wesentliche Impulse verschaffte. Den Durchbruch erlangte er einst in der Band des Schlagzeugers Chico Hamilton, doch die Zusammenarbeit mit Charles Mingus und John Coltrane waren sicher enorm wichtig für die Weiterentwicklung seines sehr persönlichen Stils als Saxofonist, Flötist und Klarinettist.

Durch Live-Einspielungen wie 1961 im "Five Spot" in New York gewann er an Popularität, die ihn im gleichen Jahr auch nach Europa führte, wo es zu weiteren Aufnahmen kam. 1964 wurde ein schicksalhaftes Jahr für den Musiker. Erneut führte ihn die Zusammenarbeit mit Charles Mingus nach Europa. Dolphy wollte sich von Mingus trennen und sich in Paris niederlassen. Doch dazu kam es letztlich nicht, denn nach einem Zusammenbruch während eines Auftritts am 27. Juni in Berlin starb er zwei Tage später an den Komplikationen einer angeblich bisher nicht erkannten Diabetes-Erkrankung.

Die auf "Last Date" dokumentierten Aufnahmen stammen vom 2.Juni 1964 und entstanden in Hilversum, Niederlande. Allerdings soll ein weiteres, wirklich letztes Konzert am 11. Juni in Paris stattgefunden haben. Nun, in Hilversum wurde er von Spitzenmusikern der niederländischen Jazz-Szene begleitet, von Misha Mengelberg am Piano, Jacques Schols am Bass und Han Bennink am Schlagzeug. Das Publikum setzte sich zusammen aus geladenen Gästen von Mitarbeitern von Plattenfirmen und Studiopersonal. Und - das ist erfreulich, das soeben erwähnte Konzert aus Paris hat man dieser CD als Bonus spendiert, das sind die Stücke 7-10.

Die Besonderheit von Dolphy bestand unter anderem darin, dass er die Bassklarinette in den Jazz einführte und damit Sounds kreierte, die ein wahrer Zugewinn für den Jazz waren. Damit konnte er sein eigenes Spektrum erweitern um eine wilde eruptive Spielweise, schuf damit wahre, mitunter kreischende Klangkaskaden, neben dem ohnehin schon sehr virtuosen Spiel auf Altsaxofon und Flöte. So beherrschte es Dolphy, Emotionen auf dramatische Weise auszudrücken und wurde Vorbild für viele Kollegen, zum Beispiel sagte John Coltrane über ihn: "He was one of the greatest people I've ever known, as a man, as a friend, as a musician". Eric's Mutter Sadie schenkte Coltrane nach dem Tod des Sohnes Instrumente, die er noch in Paris gekauft hatte und nie spielte. Trane verwendete sie danach selbst bis zu seinem Tod drei Jahre später.

Die Bassklarinette kommt auch gleich zum Einsatz mit den ersten wilden Tönen von "Epistrophy", dem Song von Thelonious Monk, und es wird ganz im Sinne des Komponisten musiziert, auch Misha Mengelberg interpretiert ihn sehr einfühlsam. Über die Distanz von gut elf Minuten wird ganz cool geswingt und wie bei allen anderen Titeln zeigt sich, wie die Band mit Harmonien umgeht und wie man mit Melodien spielt.

Die Flöte bestimmt das Geschehen auf "South Street Exit", und nach zwei Einsätzen mit dem Alto-Saxofon hört man sie noch einmal auf der Ballade des Albums, "You Don't Know What Love Is", wobei die dramatische Stimmung sehr nahe gehend wirkt, untermalt vom gestrichenen Bass, bis sich dann später die beiden anderen Musiker einbringen und den Song mitgestalten. Der letzte Song des Original-Albums, "Miss Ann" ist ein Feature für das Altsaxofon, so hätte Dolphy gut und gerne mit Monk zusammen spielen können, dieses Gespann wäre wohl unschlagbar gewesen. Zum Schluss des Songs hört man den Protagonisten sein berühmtes Zitat vortragen: "When you hear music, after it's over, it's gone in the air, you can never capture it again."

Und dann startet schon die Zugabe mit dem Pariser Konzert. In größerer Besetzung bleibt Dolphy nicht mehr der Spielraum der vorherigen Aufnahmen, doch strahlen diese Aufnahmen eine große Gelassenheit aller Beteiligten aus, dieser Jazz scheint teilweise weniger experimentell zu sein und in gleich guter Aufnahmequalität wie die Aufnahmen aus Hilversum zeigt sich vor Allem Dolphy als ein virtuoser und in die Zukunft gerichteter Saxofonist auf hohem Niveau. Dem Kollegen und möglichem Vorbild am Altsaxofon ist "Ode To Charlie Parker" gewidmet, jedoch spielt Dolphy hier Flöte, und mit vibrierendem Ton belebt er diese wunderschöne Ballade.

On Tracks 1-6:

Eric Dolphy (bass clarinet, flute, alto saxophone)
Misha Mengelberg (piano)
Jacques Schols (double bass)
Han Bennink (drums)

On Tracks 7-10:

Eric Dolphy (bass clarinet, flute, alto saxophone)
Donald Byrd (trumpet)
Nathan Davis (tenor saxophone)
Jacques Dival (piano)
Jacques Hess (bass)
Franco Manzecchi (drums)
Jacky Bambou (percussion)

1 Epistrophy
2 South Street Exit
3 The Madrig Speaks, The Panther Walks
4 Hypochristmutreefuzz
5 You Don’t Know What Love Is
6 Miss Ann
7 245
8 Gw
9 Serene
10 Ode To Charlie Parker

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Re: Eric Dolphy - Last Date

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Gepostet: 22.12.2021 - 17:25 Uhr  ·  #2
Mittlerweile weisst Du ja, das ich ERIC DOLPHY sehr zugetan bin. Sein aussergewöhnliches Können und hochemotionales Spiel begeistert mich immer wieder sehr! Beide von Dir vorgestellte Veröffentlichungen stehen hier, wobei das Konzert in Hilversum wie geschrieben, das sperrigere ist. Da braucht es Konzentration, um in den vollen Genuss dieser Kompositionen zu kommen.

Die letzten vier Aufnahmen stehen erst seit kurzem auf Lp hier, und vollkommen richtig höre ich auch wie Du eine größere Gelassenheit in dem Spiel der Band!

Richtig ging der Stern von ERIC DOLPHY bei den Sessions im "Village Vanguard - 1961" auf!

Dankeschön für die Erinnerung an diesen tollen Musiker und Komponisten.
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