Logan Richardson - Afrofuturism

Hier wird eingefahrener Fusion-Jazz kräftig durchgeschüttelt.

 
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Logan Richardson - Afrofuturism

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Gepostet: 17.06.2021 - 17:54 Uhr  ·  #1
Logan Richardson - Afrofuturism

Ist es Jazz? Oder nicht? Jedenfalls gilt der 1980 in Kansas City geborene Saxofonist Logan Richardson als Jazzmusiker. Denn nach einer kurzen Ansage von Stefon Harris hört man zwar ein Saxofon, doch vernehme ich harte Fusion-Klänge im Jazz Rock-Gewand. Dabei steht das wummernde Schlagzeug ziemlich stark im Vordergrund, ich meine, etwas zu präsent, weil sich dahinter teilweise ein verflochtener Klangbrei verbirgt, der einen breiten Klangteppich dazu bildet. Zu dem Song hat sich Richardson wie folgt geäußert: Frank Zappa, Queen, Brian Wilson and Radiohead meets Schoenberg in a sci-fi 80s lounge.

Nun, man sollte hier auch nicht unbedingt puristisch denken, pure Jazzer dürften sich wohl vor dem Ende von "The Birth Of Us" abgewendet haben. Denn möglicherweise wird hier gezielt auf neue Trends geschielt, und versucht, in das Fahrwasser von Kamasi Washington und anderen Neutönern zu gelangen. Möglicherweise ist das, was hier farbenprächtig aus den Boxen tönt, eine Botschaft für die Zukunft des Jazz und seiner weiteren Entwicklung. Allerdings höre ich vieles, was ich in der Vergangenheit bereits gehört habe. Synthies werden eingesetzt, das erinnert mich ein wenig an das, was Pat Gleeson bereits in den Siebzigern zelebrierte, zum Beispiel zusammen mit Julian Priester.

Nach der kurzen Überleitung mit "Awaken" versucht ein Chor mit ein wenig Gospel-Feeling die unruhige Instrumentierung von "Sunrays" im Zaum zu halten. Und darüber bläst der Protagonist sein verhalltes Saxofon. Ja - das klingt natürlich irgendwie neu, anders als sonst arrangiert, vielleicht auch zukunftsorientiert, aber dennoch "klingt" es für mich nur neu und ist nicht wirklich vollumfänglich neu. Geschöpft hat Richardson mit Sicherheit aus der Fülle dessen, was unzählige Musiker vor ihm bereitet haben.

"Afrofuturism" ist das fünfte Solo-Album des Künstlers und jeder Titel hält so manche kleine Überraschung bereit. "Light“ ist eine dahinschwebend sphärische Ballade, in der Logan im Mehrspurverfahren mit sich selbst im Duett spielt. Auf "Grandma" singt Great Grandmother Wolff vollmundig im Bluesmodus, eine Originalaufnahme aus vergangenen Zeiten. Das nachfolgende "Farewell, Goodbye“ soll eine von Laura Taglialatela gesungene Vokalelegie für den 2020 verstorbenen McCoy Tyner sein.

Auf" Black Wall Street“ wird der Cellist Ezgi Karakus vorgestellt mit einer langen mehrstimmigen Cello-Einleitung von fast eineinhalb Minuten, nach einer kurzen Meldung des Saxofons dann bis zum Ende so weitergeführt. So stelle ich mit Wohlwollen fest, dass es Logan Richardson vollbracht hat, ein Album mit sehr modern ausgerichteter Musik zu schaffen, sich der Vergangenheit zu bedienen, sie zu integrieren und den Blick in die Zukunft zu richten. In diesem Zusammenhang fallen mir solche Musiker und Bands ein, die mit vielleicht ähnlichen Ansätzen ihre Spuren hinterlassen haben: Matana Roberts, Kamasi Washington, das Sun Ra Arkestra und George Clinton's Funkadelic . Die Verwendung von Field Recordings und Archivaufnahmen mit gesungenem und gesprochenem Wort verleiht der Musik viel Tiefe und Raum zur Entfaltung, in Verbindung mit der zeitgemäßen Instrumentierung, so halte ich es für gelungen, die afro-amerikanische Musiktradition fortzuführen mit Einbeziehung globaler Elemente, Elektronik, Hip-Hop, Rockmusik, R&B und der Fusion-Erfahrung der Siebziger.

Mithin ist diese Musik sehr fordernd, erfordert nach dem ersten Erstaunen zwingend einen zweiten Hördurchlauf und gewinnt dann an Zugänglichkeit und steigert sodann ihren Unterhaltungswert, aber - nicht für Puristen, egal, aus welchem Lager.... Hier wird eingefahrener Fusion-Jazz kräftig durchgeschüttelt.

Logan Richardson (alto saxophone, piano, keyboards, synths)
Igor Osypov (electric and acoustic guitars)
Peter Schlamb (vibraphone, keyboards)
Dominique Sanders (bass)
Ryan J. Lee (drums, bass)
Corey Fonville (drums)
Laura Taglialatela (vocals)
Ezgi Karakus (strings)

1 Say My Name (feat Stefon Harris)
2 The Birth Of Us (feat Igor Osypov)
3 Awaken (feat DiAnna Richardson)
4 Sunrays (feat Laura Taglialatela & Corey Fonville)
5 For Alto
6 Light
7 Trap
8 Grandma (feat Great Grandmother Wolff)
9 Farewell, Goodbye (feat Laura Taglialatela)
10 Black Wallstreet (feat Ezgi Karakus)
11 Photo Copy
12 Round Up (feat Igor Osypov, Peter Schlamb, Dominique Sanders & Ryan J Lee)
13 According To You (feat Dominique Sanders)
14 Praise Song (feat Igor Osypov, Peter Schlamb, Dominique Sanders & Ryan J Lee)
15 I'm Not Bad, I'm Just Drawn That Way (feat Laura Taglialatela - bonus track)

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Re: Logan Richardson - Afrofuturism

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Gepostet: 18.06.2021 - 13:10 Uhr  ·  #2
Das klingt so als müßte ich da mal zuschlagen, zumal das Wort „steril“ nicht gefallen ist. Mal Hand auf‘s Herz, was soll denn noch wirklich Neues passieren, außer dass man Bekanntes als Inspiration verwendet und mehr oder weniger kunstvoll kombiniert?
Also prima Tipp, danke!

P.S.: das mit dem Purismus ist so eine Sache. Beethoven hatte ja schon mit der 9. Sinfonie gegen alle damals gültigen Regeln verstoßen, die Empörung war groß, Puristen wurden vergrault, und trotzdem wurde es das Meisterwerk schlechthin.
Also pfeif auf die Puristen!
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