Grumblewood - Stories of Strangers

 
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Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 22.01.2021 - 19:56 Uhr  ·  #1
Neuseeland. Pi mal Daumen viereinhalbmillionen Einwohner, verteilt auf roundabout 270 km². Tiefgrüne Wälder, überwältigende Fjordlandschaften, mächtige Gletscher, so bot die Insellandschaft die prächtige Filmkulisse für "Der Herr der Ringe". Teil des Commonwealth, sich nahestehende begrüßen sich Nase an Nase. Das Nationaltier ist der flugunfähige Laufvogel Kiwi. Dieser gilt als gefährdet, steht unter Naturschutz und ist nur schwerlich aufzuspüren. Nicht minder schwer fällt es, neuseeländische Musikbands zu entdecken. Split Enz dürfte wohl die bekannteste dortige Kapelle sein. Das könnte sich mit der seit 2016 existierenden Band namens Grumblewood ändern. Hat sie doch Ende 2020 ihr Debutalbum auf den Markt gebracht und für Aufhorchen gesorgt. Lohnt es sich, ein Ohr zu riskieren? Wir werden sehen - auf geht's.


Grumblewood - Stories of Strangers | Neuseeland 2020 | Folk, Progressive Rock


Als ich die CD erstmals in den Player schob und startete, war mein erster Gedanke, mein erstes Gefühl: "Whow, Old Fashion". Das bezog sich nicht nur auf die Musik, die den 70er Jahren entsprungen sein könnte, sondern auch auf den Sound. Da klang nichts glattgebügelt oder steril. Diese Aufnahme hätte ohne Weiteres im Keller oder in einer Garage stattfinden können. Naja, nicht ganz, denn - es handelt sich dennoch um eine gut abgemischte und wohlklingende CD.

Aber nicht nur die Musik sorgt für dieses Old-Fashion-Feeling. Sowohl das Cover-Artwork als auch das liebevoll gestaltete Booklet scheinen ebenfalls den 70ern entsprungen zu sein. So macht es Spaß, das Digipack in der Hand zu halten und in dem Booklet zu blättern. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings, das wird am Ende verraten.

Nun aber endlich zur Musik.

Nachdem die Scheibe gestartet wurde, begrüßt zunächst, ganz kurz nur, ein leises Wellenrauschen. Es folgt, leicht gespenstisch und weit im Hintergrund, ganz dezent und verhalten, weiblicher Gesang. Dies auch nur sehr kurz, ein Bassrhythmus, begleitet von Möwengekreische setzt ein, direkt darauf geht es los: Die E-Gitarre übernimmt gemeinsam mit den Drums das Zepter. Nicht lange, und Querflöte sowie Gesang setzen ein - und schon ist man mittendrin im Grumblewood'schen Klangkosmos. Super, wie automatisch der Fuß mitwippt und die gute Laune noch einen Ticken besser wird. My Fair Lady ist ein folkiger, klasse Einstieg, ein fröhlicher Song mit leicht mittelalterlichen Instrumentalpassagen und Shanty-Flair.

Picturesque Postcard, das zweite Stück, wird rein akustisch eröffnet. Zunächst zupft Salvatore Richichis die Mandoline, bevor sich Gav Bromfield mit seiner Gitarre hinzugesellt. Ein schöner, nostalgischer Track. Er startet recht zurückhaltend, bis der Mittelteil rockig-folkig und mit toll gespielter Querflöte ein wenig mehr Dampf macht. Ausklingend wird das Stück wieder verhaltener. Was mich beeindruckt, hier wie in allen anderen Songs, ist das Zusammenspiel der Musiker. Niemand drängelt sich nach vorne, jedem wird Zeit und Raum gegeben, sich zu entfalten. Gerade hat man vielleicht das Gefühl, die Querflöte will ein wenig angeben, da tritt sie zurück und überlässt den Drums oder der Gitarre oder einem anderen Instrument der Mitspieler ihren Platz. Zu Recht, denn jeder der vier Musiker spielt auf absolut hohem Niveau.

Wie im Stil der ersten beiden Songs geht es auf der Scheibe weiter. Die Grooves sitzen, die Spiellaune überträgt sich alsbald auf den Hörer und der erwischt sich immer wieder dabei, mitzusummen, zu pfeifen, den Rhythmus in den Körper fließen zu lassen. Zwar lohnt es, sich auch die Texte im Booklet anzuschauen, eindeutig aber steht die Musik im Vordergrund. Tolle Tempiwechsel, herrliche Flöteneinsätze, knackige Drums oder prägnante Gitarrenriffs - hier stimmt alles. Mit jedem Hördurchgang reift das Album, wird schöner und schöner, die Stücke beißen sich im Gedächtnis fest und können immer sicherer abgerufen werden.

Einen "echten" Favoriten kann ich auf dem Album für mich nicht entdecken. Dadurch, dass der eine Song rockiger, der andere verhaltener gespielt wird, ist dies auch stimmungsabhängig. So geht es beispielsweise auf Fives & Nines gleich zur Sache, während The Sheriff Rides ein wenig Anlauf braucht und etwas gemütlicher dahingaloppiert. Fast wie eine Ballade, vorgetragen von einem Minnesänger, klingt der Titelsong Stories Of Strangers und schließt das Album krönend ab.

"Stories Of Strangers" ist ein ausgezeichnetes, charmantes Album mit jeder Menge Wipp-Mit-Faktor, reich an Fantasie und sehr wechselvoll. Es bereitet nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch die verwandte Aufnahmetechnik sehr viel Freude - vorausgesetzt, man mag diese Klänge und den leicht antiquierten Sound. Die Liebe zum Folkrock der 70er Jahre ist nicht zu überhören, so tun sich zwangsläufig Querverweise zu eventuellen Vorbildern auf. Ich selber mag das nicht so sehr, weil damit häufig ein "Abkupfern" suggeriert wird. Viel angenehmer ist mir der Gedanke, dass ein solches Album auch produziert würde, wären ähnliche Klänge nicht bereits vorhanden. Denn, seien wir ehrlich, was kann an der Masse der bereits existierenden Musik überhaupt noch neu erfunden werden? Dieses Album ist es wert, sich die Stunde, die es läuft, Zeit zu nehmen und konzentriert gehört zu werden. Es macht einfach Spaß und gute Laune.

Neben dieser Konserve könnte ich mir sehr gut vorstellen, wie toll es sein müsste, diese Band live zu erleben. Auf einer Bühne in einer kleinen, überschaubaren Location. Ganz nah dran am Bühnenrand, sodass die Spielfreude in den Gesichtern der Akteure zu sehen ist.

Wenn das keine Argumente sind!


[Die Band]

Gav Bromfield - Lead Vocals, Flute, Acoustic Guitar, Piano
Morgan Jones - Bass, Harpsichord, Backing Vocals
Salvatore Richichi - Guitar, Mandolin, Banjo, Backing Vocals
Phil Aldridge - Drums, Percussion, Backing Vocals


[Die Songs]

01 - My Fair Lady
02 - Picturesque Postcard
03 - Castaways
04 - Fives & Nines
05 - The Sheriff Rides
06 - Ex Memoriam
07 - The Minstrel
08 - Stories Of Strangers


[Die Verpackung]

Ich liebe Digipacks - wenn sie vernünftig gemacht sind. Das Digipack ist schön "old-fashion" gestaltet, auch das liebe ich. Wird das Digipack aufgeklappt, finden sich links die Grafiken der vier Musiker mit Auflistung der gespielten Instrumente. Rechts, ebenfalls mit einer schönen Grafik versehen, sind weitere Informationen wie Produzent, Mixer, Mastering usw. aufgeführt. In der Lasche links befindet sich das schön gestaltete Booklet. Hier sind alle Songtexte enthalten, wobei jeder Songtext, ebenfalls mit einer schönen Grafik verziert, auf je einer seperaten Seite gedruckt sind. In der rechten Lasche ist, und das hasse ich wie die Pest, die CD eingesteckt. Dermaßen stramm, dass sie nur mit festem Zugriff von Daumen- und Fingerspitze herausgezogen werden kann. Das ist Mist und trübt den tollen Gesamteindruck des Digipacks nebst Booklet und CD. Leider ist diese Verpackungsart immer verbreiteter und dient nicht dem vorsichtigen Umgang mit dem Tonträger.


[Grumblewood im www]



Homepage der Band
Grumblewood auf bandcamp
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 23.01.2021 - 08:14 Uhr  ·  #2
Wie immer schöne und stimmige Rezension, vielen Dank dafür! Kannte die Band natürlich noch nicht, aus Neuseeland kenne ich nur so Psycho-Stoner Zeugs (Datura). Lege ich mal unter Wohlfühlmusik ab, kann ich zwar auch nicht immer hören, hat aber was. Und das mit den Digipaks und den reingepressten Silberlingen ist echt eine Seuche.
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 23.01.2021 - 11:01 Uhr  ·  #3
Wow, das ist was für mich. Ein großer Hauch Jethro Tull mit jammigen Sweet Smoke Anteilen, im zeitlosen RetroFolkRock.
Alles sehr stimmig und entspannt.
Was ich bis dato gehört hab gefällt mir sehr gut.
@badMoon: Wahnsinn, wir sind mal auf einer Wellenlänge :-) Danke für die tolle Vorstellung.
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 23.01.2021 - 11:58 Uhr  ·  #4
... endlich weiß ich wie es mit dem Herrn Grumble weitergegangen ist...

https://youtu.be/em4Yl8qIm9Q

... endlich hatte einen Platz gefunden wo er hingehen kann...

And then one day - hooray!
Another way for gnomes to say
Hoooooooooray.
Look at the sky, look at the river
Isn't it good?
Look at the sky, look at the river
Isn't it good?
Winding, finding places to go.
And then one day - hooray!
Another way for gnomes...

...er ist in die Wälder von Neuseeland in Exil gegangen und hat dort eine tolle Band gegründet...seibe Musik gefällt mir gut... für mich ist da auch neben tullischen auch viel irisches bei... ich werde mir mal die ganze Platte bei Amazon ziehen... vielen Dank für diese außergewöhnliche Vorstellung...
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 26.01.2021 - 08:32 Uhr  ·  #5
Sehr informative und interessannte Rezi. Beim Stichwort "Neuseeland" wurde ich natürlich sofort hellhörig, habe ich bei unserem Besuch der Inseln in 2016 doch versucht auch viele heimische Bands für mich zu entdecken. Diese hier war leider nicht dabei. Ein Versäumnis, wie ich jetzt merke. Sehr schöne Platte, der Link bei YT führte mich sofort zur Bandcamp-Seite, da war der Download-Click nur noch eine Formsache (nur 7 britische Pfund!!) - Top-Aufnahmequalität in 24 bit und 96 kHz kommt als Sahnehäubchen sogar noch obendrauf!

Ich sage: Danke an den Mond.
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 06.02.2021 - 14:54 Uhr  ·  #6
Schon beim Anblick des Covers kam mir dieses hier in den Sinn:



Assoziationen an Jethro Tull werden auch beim Hören geweckt. Aber das bleibt wohl nicht aus, wenn eine Querflöte - vor allem auf diese Tull-ähnliche Art und Weise - erklingt. Und auch der Gesang erinnert zuweilen an JT.

Da ich nicht genug von dieser Musik bekommen kann, schreckt mich dies nicht. Das Album gefällt mir sehr gut.
3 Jahre hat Grumblewood für die Arbeit benötigt.
Hoffentlich kommt da noch mehr von der Band und das nicht erst in drei Jahren. Eine prima Entdeckung.
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Re: Grumblewood - Stories of Strangers

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Gepostet: 28.02.2021 - 16:23 Uhr  ·  #7
Gut Ding braucht Weile und es hat sich gelohnt. Mehrfach bin ich deinen Songbeispielen gefolgt und mit jedem Hörgang mehr hat sich mir die Musik dieser Band erschlossen. Die folk/proggeprägte Musik kommt durch seinen klaren und analogen Sound perfekt rüber und man meint sich musikalisch in dem Zeitfenster 1968 - 1972 zu befinden. Auch wenn ihre Musik Erinnungen an Tull, Caravan oder auch Fairport Convention hervorrufen, agieren sie in ihren Songs absolut eigenständig und wirken keineswegs als Abkupferer.
Bei einem so hochwertigen Debüt kann man nur hoffen, dass sich weitere Alben anschließen werden. Und mit deiner sachlichen Rezi ist dir wieder ein großer Wurf gelungen.
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