Reuter, Motzer, Grohowski - Shapeshifters

Genau - so empfinde ich "Shapeshifters" - verstörend und faszinierend......

 
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Reuter, Motzer, Grohowski - Shapeshifters

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Gepostet: 24.10.2020 - 20:02 Uhr  ·  #1
Reuter, Motzer, Grohowski - Shapeshifters

Und noch einmal "Touch Guitar!". Der Gitarrist findet nun zum fünften Mal in diesem Jahr Gehör mit seiner ungewöhnlichen Musik, jeweils in unterschiedlichen Formationen. Nun ist es ein Trio, mit dem Markus Reuter seine Musik vorstellt, zusammen mit dem Gitarristen Tim Motzer und dem Schlagzeuger Kenny Grohowski.

"Shapeshifters", so der Titel der CD. "Shapeshifting", nun, das hat so etwas mit Gestaltwandlung zu tun, so denke ich, wie man den Angaben im Innenteil der CD-Hülle entnehmen kann, soll das wohl ein Akt schneller physischer Transformation von einer Form zu einer anderen sein, mittels übernatürlicher Mittel. Das klingt ziemlich abgehoben, das klingt nach innerer geistiger Einkehr, nach Schamanismus oder vielleicht auch nach Schwarzer Magie.

So werden wir am Ende des Textes dann auch entsprechend gewarnt: "Prepare to be amazed, earthling!" Na, dann werde ich mich als Erdenmensch so vorbereitet auf das Wagnis einlassen, der Musik der Entrückten, Nicht-Erdlingen (?) zu lauschen und mich damit zu beschäftigen. "Dunkle Funken" erwarten mich mit einer langen Spielzeit, denn "Dark Sparks" wirkt über 22:47!

Ja, und es wirkt! Elektronische Klangschwaden wabern durch den Raum, ich stelle mir gerade vor, zu welchem Film das als Filmmusik passen würde. Das könnte ein Science-Fiction-Film sein ebenso wie einer, der Jemanden zeigt, der auf der Flucht ist und sich mitten in der Nacht von einer Meute hetzender Hunde (Höllenhunde?) in Sicherheit bringen möchte. Bis er dann mitten im Wald auf ein Haus trifft. Ob darin eine böse Hexe wohnt?

Nun, insofern bietet die Musik reichlich Stoff für die Fantasie, regt diese immens an, kann aber auch entsprechend Voreingenommene unendlich nerven und schaudernde Gefühle verursachen. Der erste Song steigert sich dann auch durch den sich vehement steigernden Schlagzeugeinsatz und es wird wild und wilder, für Manche ist die Toleranzgrenze rasch erreicht. Ich halte durch, will wissen, ob die im zweiten Song angekündigte Umwandlung ("Transmutation") mich ergreifen wird und ich dadurch möglicherweise einen tieferen Zugang finden könnte, denn die "Dark Sparks" haben es nicht vollziehen können. Diese Funken sprühten kalt, sehr kalt...

Vier Minuten, und ich bin noch hier, anwesend in alter Form, keine Zeichen von Mutation. Jedoch scheint es die Musik ein wenig zu sein, in Mutation. Zupackender, Rock-Elemente inklusive, wird sie nahbarer, setzt kleine strukturelle Zeichen und findet den Weg in die Seele mit mehr Herzblut und Leidenschaft. Beide Gitarristen toben sich aus, werden laut und ungestüm, Hendrix wirkt bisweilen zahm dagegen. Free Jazz kann man es nicht nennen, wenngleich sich entsprechende Elemente einschleichen. Aber dazu müsste schon der Gitarrist Sonny Sharrock um die Ecke schauen. Free Rock? Oder einfach Avantgarde? Electronic Ambient? Ja, es gibt Definitions-Schwierigkeiten, denn hier geschieht eine Menge von dem, was sich nicht ohne weiteres kategorisieren lässt.

Motzer, der auch den Bass bedient, bringt damit eine Komponente ein, die dem Gesamtsound noch ein wenig Bodenhaftung verleiht. So, zwei Songs noch, dann werden wir vielleicht erfahren, was sich damals am 18.August 2019, live, im ShapeShifter Lab in Brooklyn, ereignet hat, bzw. mit welchem Ergebnis dieses Labor-Experiment abgeschlossen hat. Nun, dem letzten Titel entsprechend, scheint sich alles zu verbrennen, in Äther. Soll es das bedeuten: "hypothetisches Medium für die Ausbreitung des Lichts im Vakuum"? Oder sollte man nun narkotisiert sein?

By the way, mir ist dieser Sound nicht neu, kenne ich ihn in ähnlicher Form doch allzu gut von der Formation Sunn O)))! Diese ein wenig mehr metallenere Variante spielt mit ähnlichen verstörenden Elementen und weiss damit zu faszinieren. Genau - so empfinde ich "Shapeshifters" - verstörend und faszinierend, und ich fühle nicht unbedingt gestaltgewandelt, denn als Freund von Jazz und anteilig auch Fusion sind es jene in geringen Dosen verbliebenen Elemente, die mich mitnehmen auf eine noch irdische Reise durch dieses gewagte Klangerlebnis der drei Protagonisten.


Markus Reuter (touch guitar, electronics)
Tim Motzer (guitars, bass, electronics)
Kenny Grohowski (drums, metal)


1 Dark Sparks (22:47)
2 Transmutation (18:23)
3 Cyphers (14:01)
4 Burns To Aether (8:49)


http://www.markusreuter.com/

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Re: Reuter, Motzer, Grohowski - Shapeshifters

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Gepostet: 24.10.2020 - 20:10 Uhr  ·  #2
Sunn O)))
Die haben mich schon öfter an den Rand des Wahnsinns getrieben. Dank deiner ausführlichen Rezension ist es eine Überlegung wert, das Risiko einer Hörprobe anzugehen!
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Re: Reuter, Motzer, Grohowski - Shapeshifters

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Gepostet: 25.10.2020 - 07:56 Uhr  ·  #3
Ich habe Sunn O))) sogar schon mal live gesehen, im Festsaal in Kreuzberg. War iwie lustig, wie die mit ihren Kutten "rumgeschlurft" sind.
Interessant, dass Markus Reuter auch solche Musik macht, kannte den bisher eher so "atmosphärischer". Wenn da auch noch der Name Sonny Sharrock fällt, sollte ich eigentlich zugreifen...
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