Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

 
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Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 05.12.2019 - 16:15 Uhr  ·  #1
1971 war es wieder einmal John Peel (wer sonst), der mit 'Return Of The Farmer's Son'
Thin Lizzy vorstellte: eine neue irische Band.., nein, eine neue IRISCHE Band.
Eine ganz andere Band, als die später international erfolgreiche (und längst nicht mehr in Irland
verwurzelte) Thin Lizzy.

Zwei Jahre vorher: Brush Shiels entließ Phil Lynott bei Skid Row, brachte ihm zum Trost
aber noch das Bassspielen bei. der so 'verwaiste' Phil gründete damit ein Waisenhaus (Orphanage),
in der auch ein alter Kumpel, Drummer Brian Downey ein Zuhause fand.
Aus Belfast kam Gitarrist Eric Bell, zuvor in einer 'ehrlichen Blues-Band' namens Shades Of Blue,
der zu diesem Zeitpunkt aber sein Geld bei einer verhaßten Showband verdiente.
Nur weg da. Und gleich noch die Idee für den neuen Bandnamen geliefert,
Thin Lizzy; nach einem Kindercomic.

Für Phil war der Erfolg noch wichtiger als für Brian und Eric, denn er hatte nicht die ideale
Biografie. 1949 in England geboren, war sein Vater ein afrikanischer Brazilianer, der sich schon
vor der Geburt aus dem Staube machte. Miss Lynott kehrte daraufhin heim nach Dublin, aber
man kann sich denken, wie eine ledige Mutter damals in einem ultra-katholischen Land
aufgenommen wurde.

Phil mußte kämpfen, um akzeptiert zu werden und man kann verstehen, daß er seine 'Irishness'
auf jede Art und Weise dokumentieren wollte.
Wie kann ein Musiker und Texter das rascher machen, als durch vielfache und wiederholte
Verarbeitung aller möglichen (und darüber hinaus, auf alle irischen Hörer zutreffenden) irischen Themen;
von traditioneller Kultur über (tägliche) Lebensumstände bis hin zur so viele betreffenden
Diaspora-Depression.

Eine thematisch so aufgestellte Band braucht sich nicht zu erklären; 'aus dem Volk für das Volk',
oder auch: das sind 'Jungs Genau Wie Wir'.
So tourte man durch alle kleinen Clubs und Ballsäle; verbreitete dabei Botschaften, Erlebnisse
und Eindrücke, die jedem genetisch verwandten Hörer ins Blut gehen mußten,
... während sie gleichsam für Außenstehende nicht wirklich nachvollziehbar waren.

Nur logisch, daß einheimische Fans auf die erste LP warteten: 1971 als 'Same' auf Deram
erschienen (auf CD mit der ersten EP als Bonus), randvoll mit Lieblingsnummern und damit
getränkt mit der so oft zitierten 'Irishness'.



Los gings mit 'The Friendly Ranger At Clontarf Castle'; eine kleine Geschichte über den Parkwächter der
beim damals jährlich stattfindenden Open-Air-Festival durchaus Verständnis und Hilfsbereitsschaft
für die Horde der dort auftauchenden Hippies gezeigt hatte.
Man kann den Text als solches verstehen, aber nur wenn schon bei Namensnennung das Eingangs-
tor zum Park vor den Augen auftaucht, wenn man sich an Gesichter und Begebenheiten des
jeweiligen Festivals erinnert, geht dieses Stück emotional tief in den Hörer hinein.

Einem Hamburger oder Berliner sagt das nicht viel, ja selbst in London oder Manchester ist das
keine signifikante Aussage.

Mit vielen anderen der (inkl. der ersten EP) 14 Stücken wars genau so.
'Diddie Levine' liefert die Familiengeschichte, so wie sie zwischen Nachbarn erzählt wird, die
sich gegenseitig erinnern wollen; 'wie war das nochmal...';
'Clifton Grange Hotel' besingt einen geschätzten und regelmäßigen Auftrittsort;
'Things Ain't Working Out At The Farm' und anschließend 'Return Of The Farmer's Son' thematisieren
(indirekt) den Generationskonflikt zwischen Farmer und Sohn, aber auch die Tatsache, daß jüngere
Söhne den Hof verlassen mußten; und dann kam der traurige Moment, wo die Freunde am Kay dem
Amerikafahrer zum letzten mal zuwinken; 'Dublin'.

Von Hamburg und Bremen fuhren natürlich auch Schiffe (u.a. fuhr der Bremer Ed Küpper nach
Australien, um dort mit u.a. dem irischen auswanderer Chris Bailey die sensationellen Saints zu
gründen, aber das nur nebenbei...); in Irland jedoch traf die Notwendigkeit zur Auswanderung
einen großen Teil der Bevölkerung und hinterließ tiefe emotionale Spuren.

Immer wieder geht es um Abschied in seinen verschiedenen Formen, selbst in 'Remembering Pt.1'
und 'Pt. 2) oder 'Saga Of The Aging Orphan' in der das älter gewordene Waisenkind noch einmal
zurückblickt.
In 'Eire' dann wird gar um Tausend Jahre zurückgeschaut, als sich High Kings und Vikinger so manche
Schlacht ums Land lieferten. Wieder ein Thema, das jeder schon aus der Schule kannte.

Musikalisch wurde das in akustischen Balladen ('Honesty Is No Excuse', 'Saga OTAO') umgesetzt,
aber da man ein Trio war, kamen auch härtere Töne nicht zu kurz; 'Ray Gun' war Hendrix-
inspiriert, mit entsprechend viel Gitarre; 'Remembering' endet in lautem Heavy Rock und
'Return Of The Farmer's Song' war einer jener komplexen Rocker, die man auch bei Skid Row
hörte.

Eine hervorragende LP, die das Bühnenerlebnis Thin Lizzy perfekt auf Vinyl bannte.

Shades Of A Blue Orphanage (Deram 1972) war eine Weiterentwicklung des gleichen
Konzepts: textliche Inhalte, die jedem Dubliner und vielen anderen Iren vertraute Bilder im
Kopf entstehen ließen, zudem jetzt aber mehr Trio-Rock gespielt wurde;
nicht so sehr laut, aber elektrisch: 'The Rise And Dear Demise Of The Funky Nomadic Tribes' liefert
diverse Soli um jeweils Gitarre, Bass und Drums zu betonen; 'Brought Down' ist ein hart abrockender
Knaller und auch 'Buffalo Girl', 'Baby Face' oder 'Call The Police' machen Dampf, wobei immer wieder
Melodiewechsel eingebaut werden.
Mit 'Sarah' gabs noch eine romantische Ballade, während 'Chatting Today' bewies, daß man
auch mit einer rollende Akkustikgitarre rockende Stimmung erzeugen kann.



Der Titelsong (in Verewigung der früheren Gruppen der Bandmitglieder) sollte mit seinen
7 minuten zum Highlight werden; ist er doch eine absolute Hommage an die Heimatstadt,
in der Orte und Plätze benannt werden, die zum regelmäßigen Lebensumfeld jedes lokalen Zuhörer
gehören und die somit umgehend in die emotionale Blutbahn gehen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Band sich aber schon nach London verändert, wo sie sich bald
viele Freunde schufen; den dortigen Iren, die sich völlig mit Thin Lizzy identifizieren konnten;
aber auch den Briten, die vielleicht nicht die erwähnten Örtlichkeiten und Auswandererprobleme
kannten, die aber doch eine starke emotionale Verwandtschaft fanden.

Plötzlich hörte man Thin Lizzy in deutschen Diskotheken. 'Whiskey In The Jar'; 1973 ein Riesenhit.
die Plattenfirma hatte zur Aufnahme des Titels gedrängt, der ganz erfolgreich die Tanzflächen
füllte.
Wieviele Tänzer mögen gewußt haben oder daran interessiert gewesen sein, daß es ein
Traditional aus dem 17. jahrhundert war und schon lange zum Repertoire (akkustischer) Folkbands
gehörte?
Wer hätte die Geschichte verstanden und wem hätten die besungenen Cork and Kerry Mountains
etwas bedeutet?
Und wer hätte verstanden, daß Tradionalisten die Massenverbreitung als Entwertung
des Songs empfanden?

So packte man diese 7" nicht auf die 3. LP 'Vagabonds Of The Western World'; vielleicht auch
deshalb nicht, weil zwischenzeitlich die Musik deutlich härter gewordewn war.
'The Rocker', selbsterklärend, ist ein hart rockender Powertrip; auch für internationel Zuhörer
völlig nachvollziehbar und deshalb gleich der nächste Charthit, gefolgt von weiteren 7"s w
ie 'Black Boys On The Corner' oder 'Randolph's Tango'.



Der Kontakt zur Heimat verblasste, auch wenn man in Balladen wie 'Little Girl In Bloom' oder
'A Song For While I'm away' noch einmal das Erinnern zelebrierte. Mit 'Mama Nature Said'
gab es sogar einen frühen 'Umweltbewußtseins-Song'.
Das es sich beim Titelstück um eine Huldigung an 'Playboy Of The Western World' des Schreibers
und Dramatikers John Millington Synge war... wer hätte es gewußt?
Das aber der 3/4-Takt mit pumpendem Bass und kräftigen Gitarreneinlagen im Vordergrund stand,
nun, das hätte auch ein Eskimo verstanden.

Der internationale Durchbruch war jetzt geschafft und der Bruch in der Band folgte gleich nach.
Eric Bell zog heim, weil er sich hinter Lynott zurückgesetzt sah; zwei neue Gitarristen kamen
und hatten keinen Bezug mehr zu Irland. Die Musik wurde immer massenkompatibler;
Bauarbeiter-Boogie.
Natürlich brachte das Hits fürs einfache Volk und die Bühnen von Amerika bis Japan erhielten
Thin Lizzy-Besuch.

Auch natürlich, daß man auch in Dublin populär blieb; die späteren Titel kann man sich durchaus
ab und zu in den CD-Player legen, aber jene Band, die Stephen's Green besang (wo vermutlich
90% aller Jungs zum ersten Mal ihr erstes 'Date' hatten), oder das Stella Kino (wo man die
Helden amerikanischer B-Movies bewunderte und Thin Lizzy live spielten), diese Band
war dahin.

Phil Lynott kam zurück nach Dublin, wohnte wieder auf der anderen seite des Kanals im Nachbar-
viertel; man sah ihn auch zu Fuß in die Stadt wandern (Rockstars in Irland besitzen nicht unbedingt
Führerschein und Auto); er hatte keine Berührungsängste und kannte keine Arroganz.

Natürlich gönnte man ihm den Erfolg und ein längeres Leben auch.
Das zweite hat dann leider nicht geklappt.
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 05.12.2019 - 17:00 Uhr  ·  #2
Sehr interessant diese Story um Thin Lizzy,
beim lesen merkt man deinen herzlichen Bezug zu dieser tollen Band.
Klasse
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 05.12.2019 - 17:38 Uhr  ·  #3
Schöner, emotionaler Bericht einer tollen Band. Ich muss zugeben, dass ich damals ein absoluter Fan der „Mainstream-Thin Lizzy“ war und immer noch bin. Klar dass hier die irischen Wurzeln nicht mehr zu hören sind, aber die Musik war damals wegweisend: die Twinguitars und der geniale Gesang von Phil.
Mit den ersten drei Alben habe ich mich dann auch erst in den späten 70ern befasst und dann auch schätzen gelernt.
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 05.12.2019 - 19:35 Uhr  ·  #4
gerade die frühen Aufnahmen strahlen diese Abwechslung aus, die spätere Produktionen vermissen ließen, dafür aber noch sehr viel Eindringlichkeit boten....

Noch immer meine Lieblings-Rock-Band...
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 06.12.2019 - 17:42 Uhr  ·  #5
Ein äußerst interessanter und detaillierter, vom Gefühl stark geprägter, Abriß über die Bandhistorie. Es ist wirklich spannend, deinen Zeilen zu folgen!

Thin Lizzy ist mir eher durch ihre Singles wie "Whisky In The Jar" und "The Rocker" bekannt gewesen. In den 70ern nannte ich auch die LP "Vagabonds Of The Western World" mein eigen.

Bei mir kann man also nur von einer losen Bindung zur Band sprechen. Ein Sampler mit den beanntesten Sachen steht im Regal.

Danke, Jürgen, für diese starke Vorstellung!
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 16.12.2019 - 12:00 Uhr  ·  #6
Nach den 34 Stunden präsentierst du mit den Irischen Waisenkindern wieder eine umfassende und detaliierte Abhandlung einer irischen Band, deren Anfangstage steinig und nicht problemlos verlaufen sind. Durch die von dir eingewobenen Gefühle zu dieser Band wird der Leser hautnah in das Zeitfenster der Ende 60er und der Folgejahre mithineingezogen und er kann dadurch die einzelnen kleine Schritte um den Musiker Phil Lynott bestens mitverfolgen. Ich bin mir sicher, dass gerade durch die Authentizität der verfassten Texte in dem damals wirtschaftlich gebeutelten Irland sicherlich ein Nährboden an Glaubwürdigkeit zu den Hörern gefunden werden konnte.
Die durch Blues, Rhythm und Blues, Rock und irischer Folklore geprägte Musik ihrer Anfangsjahre dürfte zudem in den Clubs der Insel bestens angekommen sein. Und gerade diese Zeitphase ist in meinen Augen die Spannendste auch auch Abwechslungsreichste ihres musikalischen Schaffens, weil man hier noch ihre Musik aus jeder Pore heraus atmen, fühlen bzw. hören kann.
Badger es hat wieder einen riesigen Spaß gemacht, wie du uns Lesern diese irische Band Thin Lizzy um den verstorbenen Phil näher gebracht hast. Deinen Wurzeln nach hätte sie nur noch in grüner Farbe verfasst sein müssen. :-)
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 16.12.2019 - 18:10 Uhr  ·  #7
danke für das interesse und die teils sehr ausführlichen kommentare.
prima!

musik (und musiker) zu denen man einen bezug hat, machen das aus,
was mir an der gesamten szenerie überhaupt wichtig ist.

und dann passieren eben auch viele, viele geschichten; die es wiederum wert sind, erzählt zu werden;
dann geht das alles ganz tief rein und erhält einen bleibenden wert.

oberflächlichkeiten und beliebig auswechselbares (auch und gerade in der musik);
heute dies, morgen jenes; das ist nicht, was mir seit vielen jahren den spaß bereiten würde.
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Re: Thin Lizzy - Irische Waisenkinder

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Gepostet: 17.12.2019 - 09:36 Uhr  ·  #8
Zu Thin Lizzy fällt mir immer als erstes mein Schulkollege Sven ein. Naturwissenschaften ein As,Sprachverständnis ein Neandertaler. Nein es heisst nicht "Whisky in the jarow". Das hört sich nur so an als ob ein "o" dahinter hängt. Als zweites die elende Suche nach "Live and dangerous". In einem Bauerndorf gar nicht so einfach. Zu guter letzt viele Erinnerungen an eine grossartige Band. In diesem Zusammenhang sollte Phil Lynotts " Solo in Soho" nicht unterschlagen werden.
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