Offa Rex - The Queen Of Hearts | GB 2017 | Folk, teils mit leicht psychedelischen Anleihen

badMoon

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Offa Rex - The Queen Of Hearts | GB 2017 | Folk, teils mit leicht psychedelischen Anleihen

 ·  Gepostet: 21.08.2022 - 16:53 Uhr  ·  #652072
Wie kommt ein US-amerikanischer Musiker namens Colin Meloy dazu, mit einer britischen Folksängerin namens Olivia Chaney ein Album aufzunehmen? Mit einer Künstlerin, die nicht einmal auf unserem Kontinent einen allseits bekannten Namen hat? Dieser US-Amerikaner ist offensichtlich sehr weit aufgestellt und gerne bereit, "über die Grenzen" zu schauen. Ansonsten wäre diese Kooperation wohl nicht zustande gekommen.

Rückblickend kann gesagt werden - welch ein Glück, dass Meloy (vielen als Kopf der US-Band DECEMBERISTS bekannt) auf Chaney zuging und eine Zusammenarbeit anfragte. Dem Vernehmen nach bot er ihr mit den Worten "wir (THE DECEMBERISTS) werden ihre Albion Dance Band sein" eine gemeinsame Tour an. Die Kenntnis dieser ebenfalls britischen Folkband (Albion Dance Band) scheint von einem großen Interesse Maloys an der britischen Folkmusik zu zeugen.

Nun aber - endlich zur Musik resp. dem Album

Offa Rex - The Queen Of Hearts | GB 2017 | Folk, teils mit leicht psychedelischen Anleihen

Offensichtlich war das gemeinsame Touren so fruchtbar, dass in der Folge ein Album unter dem "Bandnamen" OFFA REX entstehen sollte. Die elf darauf enthaltenen Songs sind überwiegend traditionell und wurden bereits von anderen Künstlern dargeboten. Die Experimentierfreude, die hier jedoch an den Tag gelegt wurde, verleiht den Stücken ihre ganz eigene Würze, ohne allerdings den folkloristischen Charakter aus den Augen zu verlieren. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Hervorragend arrangiert, gespielt und bestens produziert sowie aufgenommen von Tucker Martine (My Morning Jacket, Modest Mouse) und Colin Meloy. Mal spielen die Stücke nostalgisch auf die Folkzeit der 60er und 70er an, um dann wieder mit frischem Wind versehen in die Jetzt-Zeit gewuppt zu werden.

Bei dem Titelsong, The Queen Of Hearts, mag man sich fragen, ob es überhaupt noch einmal einer weiteren Aufnahme bedurfte - wurde dieses Traditional bereits von zig Künstlern veröffentlicht. Olivia Chaney singt hier jedoch dermaßen schön, THE DECEMBERISTS begleiten so einfühlsam, dass dieses Stück nicht nur nicht fehlen durfte, sondern das Album auch würdig eröffnet. Bereits jetzt erinnert Chaneys Stimme an die einer Sandy Denny, was auch im weiteren Verlauf des Albums zu hören sein wird.

Blackleg Miner, das zweite Lied, wird von Meloy mit Backgroundunterstützung durch Chaney gesungen. Meloys Stimme ist mir bestens durch seine Band DECEMBERISTS bekannt - ich liebe sie einfach. Dieses Stück aus dem 19. Jahrhundert ist aufgrund seiner Darstellung von Gewalt gegen Streikbrecher (Blackleg = Streikbrecher im Kohlebergbau) eines der sehr umstrittenen englischen Volkslieder. Die schmissige, zum Mitsingen animierende Melodie lässt den Ernst des Textes zunächst gar nicht erahnen. Dennoch scheinen die Worte von Meloy geradezu ins Mikro gespuckt zu werden. Einen beachtlichen Erfolg konnte STEELEYE SPAN mit diesem Titel erzielen, jedoch gefällt mir diese völlig anders interpetierte Version wesentlich besser.

Einer Verbeugung vor einem ganz Großen der Folkszene, Ewan MacColl, gleicht die Darbietung des 1957 verfassten Titels The First Time Ever I Saw Your Face. Olivia Chaney sagt dazu: "Ich bin mit den beiden Coverversionen von Peggy Seeger und Roberta Flack aufgewachsen und hoffe, dass ich es geschafft habe, meine Liebe und meinen Respekt für beide in dieser eigenen Interpretation am Harmonium zum Ausdruck zu bringen.". Colin Meloys Kommentar dazu: "Nachdem ich die Peggy-Version für mich entdeckt hatte, dachte ich, es wäre ein interessantes Experiment, zu versuchen, die Zeit zurück zum Original zu bewegen. Ich denke, wir haben vielleicht irgendwo zwischen damals und jetzt gelegen". So ist diese Version nicht so hittauglich wie die der Roberta Flack, aber wesentlich näher am Original.

Klasse, wie sich Meloys leicht verzerrt gespielte E-Gitarre absolut passend in die Hymne The Old Churchyard einfügt. Während Olivia Chaney das Harmonium spielt, scheint ihre Stimme allzeit über dem Song zu schweben, bis Pauke, Bass, Gitarre in das fast einminütige instrumentale Finale führen und in das ebenfalls instrumentale und schmissige Constant Billy überleiten.

Während sich die meisten Titel des Albums musikalisch ein Stelldichein zwischen dicht am Original interpretierten und experimentell gespielten Arten geben, hatte ich beim vorletzten Track zunächst meinen Ohren nicht getraut. Hat sich hier ein BLACK SABBATH-Titel eingeschmuggelt? Natürlich nicht, aber - die ersten Stoner-Takte des Songs Sheepcrook and Black Dog ließen aufhorchen. Es scheint tatsächlich eine Weile so, als würden Black Sabbath dieses Stück begleiten, tauchen Stoner-Gitarre und fast brachial gespielte Drums doch immer wieder während der viereinhalb Minuten Spielzeit auf. Ich hätte mich nicht sehr gewundert, wenn plötzlich auch noch Ozzy Osbourne den Gesangspart übernommen hätte. Super und kraftvoll, ganz anders interpretiert als bspw. von STEELEYE SPAN oder Ewan MacColl.

Steeleye Span - Sheepcrook And Black Dog

Ewan MacColl - Sheepcrook And Black Dog

Den letzten Part dieses wunderbaren Albums bildet To Make You Stay, der Gesang wird hier wieder von Colin Meloy übernommen und hätte auch bestens auf ein Album der DECEMBERISTS gepasst. Wenngleich zwischen Sheepcrook and Black Dog und To Make You Stay eine kleine Pause existiert, könnten diese beiden Stücke stilistisch doch eine Einheit ergeben. Ein feiner psychedelisch-folkiger Abschluss von annähernd zehn Minuten.

Ob diese US-britische Zusammenarbeit fortgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Der Erfolg oder Mißerfolg dieses Albums wird einen erheblichen Anteil an der Beantwortung dieser Frage haben. Bislang, also fünf Jahre nach dessen Veröffentlichung, ist kein weiteres gemeinsames Album erschienen. Ich hoffe sehr, dass dies lediglich an durch Corona erzwungenen Pausen sowie dem noch nicht abgeschlossenen Tourneeplan der DECEMBERISTS liegt.

Ein Statement, welches ich im Web gefunden habe, besagt: "Wenn dies die 60er oder frühen 70er Jahre wären, würde OFFA REX zweifellos in einem Atemzug mit FAIRPORT CONVENTION oder STEELEYE SPAN genannt werden. Sind wir also bereit für ein weiteres großartiges Folk/Rock-Revival? Es wäre schön zu glauben, dass von OFFA REX noch mehr kommen wird."

Dem schließe ich mich gerne an!

[Die Band]

Colin Meloy: Vocals, Guitar
Olivia Chaney: Vocals, Harmonium
Chris Funk: E-Guitar
Nate Query: E-Bass
Jenny Conlee: Hammond
John Moen: Drums, Gong
Steve Drizos: Congas

[Die Songs]

01. The Queen of Hearts | 3:55
02. Blackleg Miner | 2:22
03. The Gardener | 4:59
04. The First Time Ever I Saw Your Face | 3:31
05. Flash Company | 4:14
06. The Old Churchyard | 4:07
07. Constant Billy / I'll Go Enlist | 1:56
08. Willie O' Winsbury | 7:30
09. Bonny May | 6:31
10. Sheepcrook And Black Dog | 4:34
11. To Make You Stay | 4:59

[Verpackung und Booklet]

Die CD wird in der mittlerweile oft üblichen klappbaren Papphülle ausgeliefert. Links ist ein Booklet eingelegt, rechts die CD eingeschoben. Leider lässt sich die CD nicht entnehmen, ohne dass beherzt mit den Fingern zugegriffen wird.

Das 12-seitige Booklet ist schön gestaltet. Auf wertigem Papier sind einige Grafiken abgedruckt. Alle Titel werden mit Spiellänge und Credits benannt. Darüber hinaus, und das finde ich phantastisch, haben Meloy und Chaney zu allen Songs kleine Anmerkungen hinterlassen.

[Im Web]

Offa Rex - Offizielle Website

The Decemberists - Offizielle Website

Olivia Chaney - Offizielle Website

Trurl

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Re: Offa Rex - The Queen Of Hearts | GB 2017 | Folk, teils mit leicht psychedelischen Anleihen

 ·  Gepostet: 22.08.2022 - 15:55 Uhr  ·  #652110
Danke, Danke,Danke, als Decemberist-Fan muss das in die Sammlung, läuft jetzt gerade auf demWeg nach Hause. Großartig, so bleibt
der Folkrock modern.

CD ist auch geordert

Trurl