Es ist noch gar nicht so lange her, da hinterließ ich hier einen Kommentar in der Art von: „Es gibt einfach nichts Neues mehr zu entdecken, das bei mir diesen WOW-Effekt auslöst.“ Doch frei nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ muss ich das revidieren: Das Durchstöbern diverser Musikzeitschriften hat mich Anfang April tatsächlich noch einmal zu einer Neuentdeckung geführt, die unbedingt ins Haus musste. Hier also mein Tipp des Monats:
THE THIRD MIND - Spellbinder! | Psychedelic Rock, Blues Rock / USA / VÖ: März 2026
Platz vier von 17 in unserem April-Songcontest – damit dürfte dieses Album für einige interessant sein. DIESES ALBUM? Habe ich die letzten Jahre etwa komplett verschlafen? Seit 2020 sind bereits vier Veröffentlichungen erschienen ("The Third Mind" (2020), "The Third Mind 2" (2023), "Live Mind" (2025) und "Right Now!" (2025)) – und alle sind unbemerkt an mir vorbeigegangen. Wer zu spät kommt, den bestraft diesmal jedoch nicht das Leben: Dank Bandcamp konnten alle Alben inzwischen nachgeholt werden.
Die kalifornische Psychedelic-Rock-Band wurde um 2020 von Dave Alvin und Victor Krummenacher gegründet. Als Inspirationsquelle werden unter anderem Miles Davis und dessen Produzent Teo Macero genannt – auch wenn sich dieser Einfluss für mich als Nicht-Jazzer nicht unmittelbar erschließt. Interessant ist dabei vor allem Alvins Ansatz, Improvisationen im Studio einzufangen und später zu Kompositionen zu formen.
Dave Alvin sagte diesbezüglich: "Vor vielen Jahren hatte ich John Szweds exzellente Miles-Davis-Biografie „So What“ gelesen und war fasziniert von seinen detaillierten Beschreibungen, wie Davis und sein Produzent Teo Macero einige seiner klassischen E-Gitarren-Alben wie „Bitches Brew“ und „Jack Johnson“ schufen. Im Grunde versammelte Miles großartige Musiker in einem Studio, suchte sich eine Tonart und einen Groove aus und nahm dann alles live über mehrere Tage auf. Anschließend bearbeiteten und formten er und Macero diese Improvisationen zu Kompositionen. Da ich selbst noch nie so aufgenommen hatte, träumte ich davon, es eines Tages zu versuchen, wenn es das Schicksal nur zulassen würde."
Genug der Vorrede – zum Album.
Punktlandung!
Zufall oder nicht: Das Album erschien am Freitag, dem 13. März 2026 – meinem Geburtstag.
Dave Alvin, Victor Krummenacher, Jesse Sykes, Mark Karan und Michael Jerome liefern hier ein wahres Füllhorn psychedelischer Klänge. Ausufernde Improvisationen sorgen für ein fast schon livehaftiges Gefühl. Trotz nur vier Tracks kommt das Album auf über 36 Minuten – ein klares Indiz für ausgedehnte Stücke.
Der Opener, ein rein instrumentaler Track mit 8:40 Minuten, macht direkt klar, wohin die Reise geht: treibendes Schlagzeug, satte Bassläufe und ein sofort packender Groove. Der Titeltrack Spellbinder zündet unmittelbar – der Lautstärkeregler wanderte bei mir reflexartig nach oben. Freunde tiefer Frequenzen kommen hier definitiv auf ihre Kosten.
Beim April-Songcontest erreichte Reap What You Sow einen respektablen vierten Platz. Was Dave Alvin hier aus seiner Gitarre herausholt, ist schlicht grandios. Der Song (ursprünglich von Mike Bloomfield und Nick Gravenites für Otis Rush geschrieben) kommt mit ordentlich Druck und einem herrlichen 60er-Jahre-Flair daher. Besonders beeindruckt hat mich die Stimme von Jesse Sykes. Müsste ich deren Stimme beschreiben - am ehesten lässt sie sich vielleicht mit Marianne Faithfull vergleichen – etwas jünger, weniger rau, aber ähnlich eindringlich. Eine Stimme, die polarisiert: Man liebt sie oder eben nicht.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=7Y6MU4lSjrM
Before We Said Goodbye zeigt sich deutlich ruhiger und getragen. Ein sattes Streicherarrangement hebt den Song in beinahe sphärische Höhen. Zwar stammt das Stück ursprünglich vom Album "Right Now!", wirkt hier aber durch die neue Abmischung wesentlich erhabener.
- Version des Albums "Right Now": Before We Said Goodbye
- Version auf diesem Album: Before We Said Goodbye
Die beiden abschließenden Tracks Darkness, Darkness/The Creator Has A Master Plan (Tchad Blake Remix) (ebenfalls von Right Now!) wurden von Toningenieur Tchad Blake zu einem zusammenhängenden Longtrack verschmolzen – und genau das ist für mich der Knaller und das Highlight des Albums. Über knapp 15 Minuten entfaltet sich ein stetig wachsender Spannungsbogen, der kaum Raum für Langeweile lässt. Dynamik, Steigerung, kurze Ruhephasen – alles perfekt austariert. Hölle, was für ein Song, kann ich da nur sagen. Die alten Jammer Grateful Dead hätten wohl ihre wahre Freude daran. Am besten, einfach selber hören und beurteilen, hier in einer Live-Version, die das Können der Band noch einmal unterstreicht (Anm.: leider mit einigen Zwischenrufen):
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=CM0EviSFARo
Mein Fazit:
THE THIRD MIND haben mit "Spellbinder!" ein beeindruckendes, teils düsteres, psychedelisches Kleinod geschaffen. Vieles wirkt bewusst locker und improvisiert – gerade das verleiht dem Album seinen besonderen Reiz.
36 Minuten Musik auf hohem Niveau. Zwar sind drei der Stücke bereits bekannt, doch die neuen Abmischungen geben ihnen eine frische Perspektive. Für Neueinsteiger ist das ohnehin irrelevant – sie bekommen hier direkt einige der stärksten Momente der Band serviert.
Kurz gesagt: Diese Veröffentlichung ist die perfekte Gelegenheit, eine der spannendsten und experimentierfreudigsten Bands der letzten Jahre zu entdecken.
So ist es zumindest mir ergangen. Und ich kann nach langer Zeit wieder sagen:
WOW – was für eine Scheibe!
THE THIRD MIND - Live on KEXP
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=KmRjXfbqNnE
[Die Band]
DAVE ALVIN: electric guitar
JESSE SYKES: vocals, acoustic guitar
MICHAEL JEROME: drums, percussion
VICTOR KRUMMENACHER: bass guitar
DAVID IMMERGLÜCK: electric guitar, electric mandolin, backwards piano, om vocalise, iKaossilator
With Special Guests:
WILLIE ARON: piano, Hammond organ, om vocalise
STEVIE BLACKE: strings
[Die Songs]
1. Spellbinder (Tchad Blake Mix) 08:39
2. Reap What You Sow 06:43
3. Before We Said Goodbye (with strings) 05:44
4. Darkness, Darkness/The Creator Has a Master Plan (Tchad Blake Remix) 14:50
THE THIRD MIND - Spellbinder! | Psychedelic Rock, Blues Rock / USA / VÖ: März 2026
Platz vier von 17 in unserem April-Songcontest – damit dürfte dieses Album für einige interessant sein. DIESES ALBUM? Habe ich die letzten Jahre etwa komplett verschlafen? Seit 2020 sind bereits vier Veröffentlichungen erschienen ("The Third Mind" (2020), "The Third Mind 2" (2023), "Live Mind" (2025) und "Right Now!" (2025)) – und alle sind unbemerkt an mir vorbeigegangen. Wer zu spät kommt, den bestraft diesmal jedoch nicht das Leben: Dank Bandcamp konnten alle Alben inzwischen nachgeholt werden.
Die kalifornische Psychedelic-Rock-Band wurde um 2020 von Dave Alvin und Victor Krummenacher gegründet. Als Inspirationsquelle werden unter anderem Miles Davis und dessen Produzent Teo Macero genannt – auch wenn sich dieser Einfluss für mich als Nicht-Jazzer nicht unmittelbar erschließt. Interessant ist dabei vor allem Alvins Ansatz, Improvisationen im Studio einzufangen und später zu Kompositionen zu formen.
Dave Alvin sagte diesbezüglich: "Vor vielen Jahren hatte ich John Szweds exzellente Miles-Davis-Biografie „So What“ gelesen und war fasziniert von seinen detaillierten Beschreibungen, wie Davis und sein Produzent Teo Macero einige seiner klassischen E-Gitarren-Alben wie „Bitches Brew“ und „Jack Johnson“ schufen. Im Grunde versammelte Miles großartige Musiker in einem Studio, suchte sich eine Tonart und einen Groove aus und nahm dann alles live über mehrere Tage auf. Anschließend bearbeiteten und formten er und Macero diese Improvisationen zu Kompositionen. Da ich selbst noch nie so aufgenommen hatte, träumte ich davon, es eines Tages zu versuchen, wenn es das Schicksal nur zulassen würde."
Genug der Vorrede – zum Album.
Punktlandung!
Zufall oder nicht: Das Album erschien am Freitag, dem 13. März 2026 – meinem Geburtstag.
Dave Alvin, Victor Krummenacher, Jesse Sykes, Mark Karan und Michael Jerome liefern hier ein wahres Füllhorn psychedelischer Klänge. Ausufernde Improvisationen sorgen für ein fast schon livehaftiges Gefühl. Trotz nur vier Tracks kommt das Album auf über 36 Minuten – ein klares Indiz für ausgedehnte Stücke.
Der Opener, ein rein instrumentaler Track mit 8:40 Minuten, macht direkt klar, wohin die Reise geht: treibendes Schlagzeug, satte Bassläufe und ein sofort packender Groove. Der Titeltrack Spellbinder zündet unmittelbar – der Lautstärkeregler wanderte bei mir reflexartig nach oben. Freunde tiefer Frequenzen kommen hier definitiv auf ihre Kosten.
Beim April-Songcontest erreichte Reap What You Sow einen respektablen vierten Platz. Was Dave Alvin hier aus seiner Gitarre herausholt, ist schlicht grandios. Der Song (ursprünglich von Mike Bloomfield und Nick Gravenites für Otis Rush geschrieben) kommt mit ordentlich Druck und einem herrlichen 60er-Jahre-Flair daher. Besonders beeindruckt hat mich die Stimme von Jesse Sykes. Müsste ich deren Stimme beschreiben - am ehesten lässt sie sich vielleicht mit Marianne Faithfull vergleichen – etwas jünger, weniger rau, aber ähnlich eindringlich. Eine Stimme, die polarisiert: Man liebt sie oder eben nicht.
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=7Y6MU4lSjrM
Before We Said Goodbye zeigt sich deutlich ruhiger und getragen. Ein sattes Streicherarrangement hebt den Song in beinahe sphärische Höhen. Zwar stammt das Stück ursprünglich vom Album "Right Now!", wirkt hier aber durch die neue Abmischung wesentlich erhabener.
- Version des Albums "Right Now": Before We Said Goodbye
- Version auf diesem Album: Before We Said Goodbye
Die beiden abschließenden Tracks Darkness, Darkness/The Creator Has A Master Plan (Tchad Blake Remix) (ebenfalls von Right Now!) wurden von Toningenieur Tchad Blake zu einem zusammenhängenden Longtrack verschmolzen – und genau das ist für mich der Knaller und das Highlight des Albums. Über knapp 15 Minuten entfaltet sich ein stetig wachsender Spannungsbogen, der kaum Raum für Langeweile lässt. Dynamik, Steigerung, kurze Ruhephasen – alles perfekt austariert. Hölle, was für ein Song, kann ich da nur sagen. Die alten Jammer Grateful Dead hätten wohl ihre wahre Freude daran. Am besten, einfach selber hören und beurteilen, hier in einer Live-Version, die das Können der Band noch einmal unterstreicht (Anm.: leider mit einigen Zwischenrufen):
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=CM0EviSFARo
Mein Fazit:
THE THIRD MIND haben mit "Spellbinder!" ein beeindruckendes, teils düsteres, psychedelisches Kleinod geschaffen. Vieles wirkt bewusst locker und improvisiert – gerade das verleiht dem Album seinen besonderen Reiz.
36 Minuten Musik auf hohem Niveau. Zwar sind drei der Stücke bereits bekannt, doch die neuen Abmischungen geben ihnen eine frische Perspektive. Für Neueinsteiger ist das ohnehin irrelevant – sie bekommen hier direkt einige der stärksten Momente der Band serviert.
Kurz gesagt: Diese Veröffentlichung ist die perfekte Gelegenheit, eine der spannendsten und experimentierfreudigsten Bands der letzten Jahre zu entdecken.
So ist es zumindest mir ergangen. Und ich kann nach langer Zeit wieder sagen:
WOW – was für eine Scheibe!
THE THIRD MIND - Live on KEXP
Eingebettetes Medium: https://www.youtube.com/watch?v=KmRjXfbqNnE
[Die Band]
DAVE ALVIN: electric guitar
JESSE SYKES: vocals, acoustic guitar
MICHAEL JEROME: drums, percussion
VICTOR KRUMMENACHER: bass guitar
DAVID IMMERGLÜCK: electric guitar, electric mandolin, backwards piano, om vocalise, iKaossilator
With Special Guests:
WILLIE ARON: piano, Hammond organ, om vocalise
STEVIE BLACKE: strings
[Die Songs]
1. Spellbinder (Tchad Blake Mix) 08:39
2. Reap What You Sow 06:43
3. Before We Said Goodbye (with strings) 05:44
4. Darkness, Darkness/The Creator Has a Master Plan (Tchad Blake Remix) 14:50
). Egal - jeder, wie er möchte.
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