Jonathan Wilson - Dixie Blur

 
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Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 15.03.2020 - 15:33 Uhr  ·  #1
"...sein persönlichstes Soloalbum". "...so fühlt sich für ihn Heimat an". "...scheint ganz bei sich angekommen zu sein. Also, ich kenne Mr. Wilson nicht, weiß nicht, was er mit Heimat verbindet, - für mich gilt daher: ab in die Tonne mit diesen und ähnlichen zu Hauf im weltweiten Netz nachzulesenden Statements. Ob die Musik jedoch, und darum geht es hier, solche tiefgreifenden Gefühle hervorrufen kann - wir werden sehen. Also, auf geht's.

Jonathan Wilson - Dixie Blur USA/North Carolina | VÖ 03/2020 | Softrock, Countryrock, Folk, Americana

01-Just for love
02-69 Corvette
03-New home
04-So alive
05-In Heaven making love
06-Oh girl
07-Pirate
08-Enemies
09-Fun for the masses
10-Platform
11-Riding the blinds
12-El camino real
13-Golden apples
14-Korean tea

Zwei Jahre ist es her, dass ich den von Roger Waters auf seiner Us & Them-Tour als "der letzte Hippie" angekündigten Jonathan Wilson auf einer Bühne erlebt hatte. Bescheiden und im Hintergrund hat er mit seinen Gitarrenklängen die Songs begleitet. Anlässlich seiner vorherigen drei Alben sowie seinem Mitwirken bei Waters war ich bei den Vorankündigungen zum neuen Album sehr überrascht, solch ein Schlagwort wie "Country" zu lesen. Was mich nicht davon abhielt, sein neues Werk quasi im Blindflug zu erwerben.

Der Opener Just For Love tröpfelt erst einmal countrybefreit aus den Boxen. Oder deutet die ab und an zu vernehmende, leicht grienende Gitarre auf dieses Genre hin? Egal - ein sehr schöner, schwermütiger, von Piano, Flöte oder Saxophon begleiteter Auftakt. Passend zu den gerade am Himmel aufziehenden, dunklen Wolken.

Dass Track No. 2, 69 Corvette, mein Favorit des Albums wird, bevor ich den Rest gehört hatte, war mir sofort klar. Wenn aus irgendeinem Song auf dem Album Sehnsucht, Suche oder Heimat herauszuhören oder zu fühlen ist, dann ist es dieser Song. Aus der Summe aller Instrumente überstrahlt die Fiddle, wenn auch nur spärlich eingesetzt, alles und vermag das Gefühl "Sehnsucht" am besten zu beschreiben. Frau C. brauchte nicht lange, ihr Pendant zu finden: Bill Fay wurde schnell ausfindig gemacht.

Dixie Blur ist ein ganz anderes Album als dessen drei Vorgänger. Dennoch ist es unverkennbar ein Jonathan Wilson-Album. So schön und authentisch wie er hat noch niemand ein 60er/70er-Jahre Album erschaffen, welches nicht in diesem Zeitraum entstand. Und dies trifft auch auf sein aktuelles Werk zu. Ja, auch Country ist vorhanden. Nicht jedoch dieser Yippie-Yeah Country, sondern der in einer für mich hörbaren Form, wie er beispielsweise auf So Alive zu hören ist. Ein weiteres Beispiel liefert der Country-/Bluegrass-Song In Heaven Making Love. Hier wird gefiddelt und in die Pianotasten gehauen, dass es eine wahre Freude ist. Gute Laune macht sich breit.

Dixie Blur ist kein Country-Album, aber es enthält Countrysongs. Es ist ein typisches J.Wilson-Album. Bestens intrumentiert, mit Musikern, die allesamt ihr Handwerk verstehen. Oft tragen der verhaltene Sprechgesang Wilsons ebenso wie die Fiddle, die Harp oder das Barpiano dazu bei, dass ein überwiegend stilles, sehnsuchtvolles Album entstanden ist. Musikalisch führt es zurück Anfang der 70er. Womöglich ist Wilson wirklich der, als der er von Roger Waters vorgestellt wurde: der letzte wirkliche Hippie.

Nach mehrmaligem Durchhören der Scheibe, nach den Emotionen, die dadurch freigesetzt wurden, muss ich möglicherweise die Anfangs in die Tonne gehauenen Zitate wieder aus selbiger befreien. Den Songtexten oder den zu findenden Statements des Mr. Wilson zu dieser Scheibe nach zu urteilen, war dieses Album scheinbar doch eine kleine Rückkehr in seine Vergangenheit. Verbunden mit Sehnsucht oder Heimatgefühlen und damit sein persönlichstes Album.

Wer noch einen Überzeugungssong benötigt, dem sei Korean Tea empfohlen. Wenngleich mir natürlich klar ist: Stahlbetonbohrer wird auch dieser Schnipsel nicht erreichen 8) . Hoffnung besteht jedoch, wenn gar in einem Magazin wie Metal Hammer eine
--->wohlwollende Kritik
zu lesen ist. Also, gegebenenfalls selbst ein Album für schweißnasse Stahlarbeiter. Yippie-Yeah!

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Rezension der CD "Fanfare"
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 15.03.2020 - 16:37 Uhr  ·  #2
Kaum erschienen und schon im Musikzirkus frisch auf den Tisch. Das nenne ich mal zeitnahes Timing. Ich habe in deine ausgewählten Musikbeispiele reingelauscht und mir noch einige weitere Im Netz stehende herausgefiltert.

Die facettenreiche Klangdichte der Lieder, die sparsam instrumentiert wurden, kommen trotz aller Fragilität und Anmut perfekt rüber und erschaffen eine äußerst positive und zugleich wohlige Atmosphäre.

Meine Favoriten der Platte sind: Enemies, 69 Corvette und Oh Girl

Der Musik kann man auch mit Kettenhemd oder Stahlkocherkutte bedenkenlos folgen und abschließend vielen Dank für deine umfassende Rezi neben den Zusatzinformationen. 8)
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 15.03.2020 - 17:45 Uhr  ·  #3
... die beiden Alben Gentle Spirit und Fanfare waren saugut... deshalb danke für die aktuelle Rezi... ich werde mir mal Zeit nehmen mir das ganze Album anzuhören...
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 15.03.2020 - 18:33 Uhr  ·  #4
Es ist nicht so meine musikalische Welt. Das ändert jedoch nichts daran, daß du das Album hervorragend vorstellst und es den Artisten schmackhaft machst. Eine sehr gute Performance von dir.

Vielen Dank, Wolfgang !
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 15.03.2020 - 18:55 Uhr  ·  #5
Intensiv, melancholisch, verträumt, tiefsinnig und bisweilen verliebt. Das sind die Attribute die mir zu den gehörten Songbeispielen spontan einfallen.

Mir gefällt diese Art von Musik nebst seiner sparsamen Instrumentierung.

Somit auch von mir vielen Dank für deine Rezi.
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 22.03.2020 - 10:53 Uhr  ·  #6
.... nun habe ich mir das album einmal angehört... die ersten drei Songs waren sehr verheißungsvoll... danach wurde es mir ein wenig zu gleichförmig im Gegensatz zu seinen abwechslungsreichen tollen Albem davor... das liegt wahrscheinlich auch daran, dass er sich selbst ein durchgehendes Thema aufoktroyiert hat... zum Kauf reicht es diesmal diesmal nicht...aber nochmals Dank für die Vorstellung...
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 22.03.2020 - 11:08 Uhr  ·  #7
@All,

herzlichen Dank für's Lesen und euer Feedback. Für die Scheibe habe ich einige Durchgänge benötigt, bevor sie mir überwiegend gefiel. Alles trifft nicht meinen Geschmack, im Vergleich zu den Vorgängern hinkt sie ein wenig hinterher. Dennoch, für mich eine lohnenswerte Anschaffung mit typischem J.Wilson-Einschlag.

@Mr.Upfuff,

Besten Dank für Dein Nachlege-Statement nach intensiverem Probehören :-)
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Re: Jonathan Wilson - Dixie Blur

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Gepostet: 22.03.2020 - 11:34 Uhr  ·  #8
Also ich tue mich mit der Scheibe auch noch schwer. So richtig gezündet hat sie nach 2 Hördurchläufen noch nicht. Allerdings war "Rare Birds" schon ein Hammer-Album, da tut sich der Nachfolger auf jeden Fall schwer.
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